Die Produktion an der Boschstraße in Ahaus läuft gerade an: Die Firma Göckener stellt Handdesinfektionsgel im ganz großen Stil her. Hauptsächlich für einen weltweit tätigen Konzern, aber auch für andere Unternehmen oder eine eigene Marke. © Göckener
Boschstraße

Firma Göckener: Desinfektionsmittel aus Ahaus wird weltweit exportiert

Über ein Jahr hat die Entwicklung gedauert. Jetzt läuft die Produktion: Das Ahauser Unternehmen Göckener stellt Desinfektionsmittel im ganz großen Stil her. Doch auch in Ahaus ist es erhältlich.

Bei der Firma Göckener an der Boschstraße in Ahaus läuft gerade Desinfektionsgel vom Band – im ganz großen Stil: Das Ahauser Familienunternehmen produziert für einen weltweit tätigen Konzern. Aber auch Endverbraucher aus Ahaus können sich an der Boschstraße mit Desinfektionsmittel eindecken.

Dabei ist es eher Zufall, dass die Produktion mitten in die Coronakrise fällt: Schon seit November 2019 – also bevor überhaupt von einem Coronavirus die Rede war – läuft die Entwicklung für das Gel, das gegen 99,99 Prozent aller Viren, Bakterien und Pilze wirken soll. Die Rezeptur sei geprüft und als Biozidprodukt bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin registriert. Auch die Wirksamkeit gegen das Coronavirus ist nach Europäischer Norm (EN) geprüft.

Aus Folienschweißen wird ein hochkomplexes Unternehmen

Doch noch einmal ein paar Schritte zurück: Seine Ursprünge hat das Unternehmen in flachgeschweißten Folienprodukten. Das war im Jahr 2000. Zwei Jahre später kommt dann der größte Kunde auf das Unternehmen zu: Für dieses Unternehmen beginnt Göckener die Produktion von Kalt-Warm-Kompressen. „Am Anfang haben wir das Gel noch zugekauft“, erinnert sich Engelbert Göckener.

Doch schnell war klar, dass Göckener mehr will: „Für uns war es ganz einfach besser, Maschinen zu kaufen und auch das Gel selbst zu produzieren“, sagt er. Höhere Flexibilität, bessere Lieferbedingungen und vor allem Kontrolle über den ganzen Produktionsprozess sind nur einige Gründe für die Entscheidung. Und mit der Produktion für den Weltkonzern kommen eine ganze Reihe von notwendigen Zertifizierungen ins Haus. „Die stellen eben enorme Anforderungen an die Qualität“, sagt Engelbert Göckener.

Endverbraucher bekommen Desinfektionsmittel vor Ort

Für den Privatverkauf hat das Ahauser Unternehmen Göckener den Onlineshop und die Marke Prowohl (www.prowohl.de) eingeführt. Darüber wird auch der Versand abgewickelt.

Wie das Unternehmen aber bestätigte, können sich Kunden aus Ahaus auch vor Ort an der Boschstraße 11 Desinfektionsmittel im 75-ml-Fläschen abholen. Es soll einen Euro kosten. Diese Einnahmen sollen gespendet werden.

Bürozeiten: Montag bis Donnerstag 8 bis 16 Uhr, Freitag 8 bis 13 Uhr.

Offenbar ein erfolgreicher Weg: Denn Göckener profiliert sich: 2019 wird das Ahauser Unternehmen beispielsweise als Lieferant des Jahres ausgezeichnet. „Als eines von sechs Unternehmen unter insgesamt rund 6000 Lieferanten“, sagt Engelbert Göckener – und kann den Stolz in der Stimme dabei nicht ganz unterdrücken.

Kunde verlagert Produktion nach Ahaus

Über die Kontakte entsteht auch der Gedanke mit dem Desinfektionsmittel: Der Kunde will den Lieferanten wechseln und gibt die Aufgabe an die Firma Göckener. Ein langer Entwicklungsweg beginnt: Rezeptur und Zertifizierungen sind dabei nur ein Teil des Prozesses. „Damit der Endkunde den Lieferantenwechsel nicht bemerkt, haben wir ganz strikte Vorgaben bekommen“, sagt der Geschäftsführer. Die Flaschen, die Verschlüsse mussten adaptiert, Wirksamkeit und Stabilität engmaschig kontrolliert und nachgewiesen werden. „Wir sind am Anfang vielleicht selbst etwas blauäugig in die Produktion gestartet“, sagt Engelbert Göckener und muss lachen. Denn dann macht auch die Coronakrise die Produktion kompliziert: „Plötzlich hatten Flaschen ein halbes Jahr Lieferzeit und die Kosten sind enorm gestiegen“, sagt er.

Nach einer Sonderverordnung des Gesundheitsministeriums hätten sie bei Göckener auch im Frühjahr 2020 mit der Produktion von Desinfektionsmitteln beginnen können. „Das wäre aber nicht langfristig gedacht gewesen“, hält der Geschäftsführer dagegen. Man wolle eben kein 08/15-Produkt abliefern, sondern sich über die Qualität absetzen. Und dieser Qualitätsanspruch brauche eben Entwicklung und Zeit. Dennoch: „Ich bin richtig stolz, dass wir das alles in so kurzer Zeit geschafft haben“, erklärt er. Und am Ende gehe es da ja auch nicht um kleine Lieferungen: „Wir reden nicht über 50.000 Teile, sondern über mehrfache Millionenmengen“, sagt Engelbert Göckener.

Vielfältiger Kundenkreis mit ganz unterschiedlichen Produkten

Dabei geht es den Göckeners um mehr als nur einzelne Produkte für einen festen Kunden. „Wenn ein Kunde eine Idee hat, begleiten wir ihn von der ersten Idee bis zur Produktion“, erklärt der 28-jährige Moritz Göckener, der vor drei Jahren in den Betrieb eingestiegen ist und dort für den Vertrieb zuständig ist. Ein paar Beispiele? 2015 sind sie in die Polyurethan-Fertigung eingestiegen.

Dieser Kunststoff habe eine extrem große Anwendungsvielfalt: Im Freizeitbereich fertigt Göckener beispielsweise Trinkgläser aus Kunststoff. Aus Polyurethan werden außerdem Einzelteile für Orthesen – etwa spezielle Stoßdämpfer hergestellt. Gerade läuft die Entwicklung für einen speziellen Gehörschutz, der für die Rüstungsindustrie vorgesehen ist. Gleichzeitig wächst die Zielgruppe: Das Desinfektionsgel beispielsweise soll in 22 Staaten exportiert werden. In der EU, in Amerika, Afrika und dem Nahen Osten.

Hallen sind schon wieder zu klein

Seit 2002 produziert das Unternehmen an der Boschstraße. Über vier Bauabschnitte sind die Hallen für Produktion und Lager auf inzwischen rund 7000 Quadratmeter angewachsen. 55 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen mittlerweile. Mit Tendenz weiter nach oben: Der nächste Ausbau ist für 2022 oder 2023 geplant. „Wir haben schon wieder zu wenig Platz und mussten Hallen anmieten“, erklärt Engelbert Göckener.

Für ihn ein bisschen ärgerlich: Weil sein Unternehmen fast nur an Kunden in der Industrie liefere, gibt es vor der eigenen Haustür ein kleines Problem: „Die Ahauser kennen uns nicht“, gibt er offen zu.

Die Produktion von Desinfektionsmitteln jedenfalls sei ganz klar ein Zukunftsmarkt: „Das wird bleiben“, da ist sich Engelbert Göckener sicher. Auch wenn die Corona-Pandemie irgendwann langsam abebbe, werde jeder in Zukunft ein Fläschchen Desinfektionsmittel in der Tasche oder im Auto haben. „Die Menschen wollen die Masken loswerden“, erklärt er. Und dafür nehme man dann eben strengere Hygienemaßnahmen in Kauf.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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