Einblicke in den Corona-Alltag: Urlaub wird zur Einsiedelei auf Zeit

Coronavirus

Wegfahren: Da kann man fast ein schlechtes Gewissen bekommen. Das gilt aber nicht, wenn die Ferien einer Quarantäne gleichkommen. Urlaub in Zeiten von Corona ist anders. Und schön.

Ahaus

, 21.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ein Stieglitz gehört zu den Stammgästen im Garten.

Ein Stieglitz gehört zu den Stammgästen im Garten. © privat

10 Tage Urlaub, mit 4, in Worten vier, Menschen außerhalb der Familie gesprochen, dafür mindestens 20 verschiedene Vögel beobachtet und 2 Kilo zugenommen: Das ist die Bilanz meines Osterurlaubs in Zahlen. Der führte meine Familie, wie es lang gepflegte Tradition ist, in unser Ferienhaus in Hohenlohe im Nordosten von Baden-Württemberg. In Zeiten von Corona wird aber auch Altbewährtes anders.

„Wie kannst Du nur in dein Ferienhaus fahren.“ Solche Sätze, begleitet von einem vorwurfsvollen Ton, habe ich einige Male im Vorfeld gehört. Und das schlechte Gewissen hat sich kurz eingestellt. Dass ich zu einer privilegierten Gruppe gehöre, die zurzeit im Urlaub wegfahren kann, habe ich auch am Karfreitag auf der autoleeren Autobahn gespürt.

Doch ich habe dann doch kein schlechtes Gewissen. So wenig Kontakte wie in meinem Haus auf dem Land gefühlt am Ende der Zivilisation habe ich zu Hause und bei der Arbeit niemals. Mit den Landwirten, deren Haus als einziges in der Nähe ist, habe ich aus der Entfernung ein paar Worte gewechselt. Das war es. Wir sind Einsiedler auf Zeit.

Brot wird im Urlaub selbst gebacken

Denn einiges war schon anders als sonst. Zum ersten Mal haben wir nicht den Bummel durch die malerische Kleinstadt genossen und dort eingekauft, sondern alles mitgebracht. Selbst Hefe und Mehl, damit wir nicht zum Bäcker mussten. Und die Brote meiner Tochter sind so lecker, dass sie jeden Tag neu backen muss.

Der Gierlitz

Der Gierlitz © privat

Wir sind nicht wie schon oft zum nahen Ausflugsort gewandert – ohne Aussicht auf eine Einkehr im Schlosscafé schien die Anstrengung wenig lohnenswert. Und wir haben kein Restaurant und kein Museum besucht.

Erstaunlich, wie viele Vogelarten bei uns im Garten heimisch sind

Stattdessen haben wir abends unsere Liebe zum Mah-Jongg-Spiel aufleben lassen. Und tagsüber haben wir auf der Terrasse gesessen, Vogelhäuschen und Natur fest im Blick. Und weil mein Sohn sich gut auskennt, weiß ich jetzt, dass hier neben Rotkehlchen, verschiedenen Meisenarten, Amsel und Haussperling auch Gierlitz, Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke, Star, Buch- und Grünfink, Eichelhäher, Kleiber und Stieglitz meinen Garten bevölkern.

Am Walnussbaum haben Grünspecht und Buntspecht geklopft. Beim Blick weiter hinaus zu den Feldern haben wir Mäusebussard und Rotmilan beobachtet und bei den vielen Spaziergängen im Wald hat mich mein Sohn auf Uhu und Waldkauz aufmerksam gemacht und mir gezeigt, wo der Schwarzspecht seine Spuren an den Baumstämmen hinterlassen hat.

Blühende Obstbäume machen den Spaziergang zu einem Erlebnis.

Blühende Obstbäume machen den Spaziergang zu einem Erlebnis. © Ronny von Wangenheim

Spuren finden sich auch an der Jagst, die noch wie vor Urzeiten das Tal entlang fließt. Nicht nur ein Baumstamm sieht aus eine Sanduhr. Der Biber hat sich hier breit gemacht, wie uns auch abgenagte Bäume und Biberburgen zeigen. Und dann sind da noch die vielen Obstbäume, deren Blüten geradezu explodieren. Es ist ein Traum und es gibt unendlich viel zu entdecken. Menschen fehlen uns mal gerade gar nicht.