Einblicke in den Corona-Alltag: „Ich möcht´ zurück auf die Straße, möcht´ wieder singen...“

Kolumne zum Coronavirus

Das Coronavirus bringt das öffentliche Leben zum Stillstand. Das nagt auch an unserem Redakteur Johannes Schmittmann. Der nutzt die Zeit, um sich ein paar unbequeme Fragen zu stellen.

Ahaus

, 25.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Homeoffice fehlen sogar die frechen Sprüche der Kollegen...

Im Homeoffice fehlen sogar die frechen Sprüche der Kollegen... © Johannes Schmittmann

Den Kopf zum Smartphone gesenkt, Knöpfe im Ohr, Scheuklappen links und rechts. Zugegeben: So war auch ich manchmal unterwegs, besonders morgens vor dem ersten Kaffee auf dem Weg zur Arbeit. Die Lust, sich in diesen Momenten mit anderen Menschen zu unterhalten, tendierte gegen null. Ich wollte meine Ruhe haben; mit meinem Smartphone und dem Podcast allein sein. Dann kam die Corona-Krise und ihre Folgen.

Plötzlich ist das direkte Gespräch von Angesicht zu Angesicht eine Rarität, auf den Straßen geht man sich - sinnvollerweise - aus dem Weg, auf (freche) Sprüche von den Kollegen wartet man im Homeoffice ebenfalls vergebens. Man wird dessen beraubt, was man doch eigentlich gar nicht haben wollte. Wenn man dieser Krankheit, die so vielen Menschen das Leben kostet, etwas Positives abgewinnen will, dann ist es die erzwungene Entschleunigung und das neue Bewusstsein für die wichtigen Dinge des Lebens.

Fragen, auf die man keine Antworten wissen möchte

Plötzlich beschäftigt man sich mit Fragen, auf deren Antwort man nicht immer stolz ist. Wann habe ich das letzte Mal die Großeltern besucht? Wann habe ich mich mit Freunden getroffen, ohne ständig auf das Smartphone zu schauen? Hatte ich schon vor der Corona-Krise den nötigen Respekt vor Supermarkt-Verkäufern, Krankenschwestern oder Altenpflegern, die unser System gerade am Laufen halten?

Videokonferenzen sind gerade die angesagte Alternative. Fotos von Stammtischen, die am Samstagabend gemeinsam vor dem heimischen Laptop sitzen, machen die Runde. Doch schon jetzt wirken diese „Zusammenkünfte“ wie Methadon. Die Ersatzdroge für richtigen Stoff, um dem kalten Entzug zu entgehen.

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Diese von vielen schon abgeschriebene Generation - zu der auch ich mich zähle - lernt, dass die Maschine den Mensch wenn überhaupt nur in der Arbeitswelt ersetzen kann. Doch selbst das ist beim Blick auf den Corona-Alltag hinfällig.

Sehnsucht nach dem Alttag

Ich jedenfalls kann den Moment nicht erwarten, an dem der Alltag wieder Einzug erhält. Vielleicht schafft man es ja, etwas von der aktuellen Sehnsucht und den Erkenntnissen mitzunehmen und nicht sofort wieder in den üblichen Trott zu geraten. Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, auch nach der Krise morgens das Smartphone und die Kopfhörer in der Jacke zu lassen.

Plötzlich hat man nicht nur Augen, sondern auch Ohren für andere(s). Ob es ein Zufall war, dass beim Bäcker Westernhagens Klassiker „Mit 18“ lief? „Ich möcht‘ zurück auf die Straße, möcht‘ wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut.“

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