Drogendeal im Ahauser Hinterhof bringt 35-Jährigen ins Gefängnis

dzSchöffengericht

Auch eine ganz neue Geschichte, wie er an eine große Menge Drogen gekommen sei, änderte für den Angeklagten vor dem Schöffengericht Ahaus nichts: Er muss ins Gefängnis. Fast drei Jahre.

Ahaus

, 19.06.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zwei Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe. Dieses Urteil, auf das sich Richter und Schöffen geeinigt hatten, beendete eine dreistündige Verhandlung am Dienstag im Ahauser Amtsgericht. Der Tatvorwurf, für den sich ein 35-Jähriger Ahauser verantworten musste: Handeltreiben mit Betäubungsmitteln und die vorsätzlich unerlaubte Einfuhr.

Dabei überraschte der Angeklagte, der in Istanbul geboren und bereits als Kind mit seiner Familie nach Deutschland gekommen ist, mit einer ganz neuen Version der Hintergründe, die am 16. Oktober 2019 zu einem Polizeieinsatz geführt hatten: An diesem Tag wurden bei einer Durchsuchung der elterlichen Wohnung – dort bewohnt der 35-Jährige ein Zimmer – beachtliche Mengen Betäubungsmittel gefunden: rund 3,4 Kilo Amphetamine, Heroin im Wert von rund 2200 Euro, Schuss- und andere -waffen sowie mehrere Tausend Euro Bargeld.

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Bei der Vernehmung hatte der Angeklagte gestanden, die Amphetamine 2018 in Enschede bestellt und geliefert bekommen und Teile verkauft zu haben. Das Heroin habe er von einem Kumpel zur Aufbewahrung erhalten. Und dann die verblüffende neue Darstellung, die er in aller Ruhe vor Gericht präsentierte: „Das stimmt alles so nicht!“ Es habe gar keine Lieferung aus Holland gegeben, vielmehr habe ihm ein Bekannter vier Kilo Amphetamine und das Heroin zur Aufbewahrung übergeben. Zu einem „Lohn“ von 500 Euro.

Angeklagter: Drogen nur zur Lagerung bekommen

Schon kurze Zeit später habe der ihm angeboten, die Amphetamine für 4000 Euro zu übernehmen und den Verkauf selbst zu regeln. 620 Gramm habe er auch verkauft, 650 Euro als Anzahlung geleistet. Zu weiteren Zahlungen aber sei es nicht gekommen, weshalb er zuerst unter Druck gesetzt worden sei. Später aber habe sich sein Bekannter auch nicht mehr gemeldet.

Warum er denn damals eine Falschaussage gemacht habe, fragte der Richter. Antwort: „Weil ich die Leute nicht verraten wollte, es war ein Fehler, ich stand unter Schock.“ Das Pikante: Der Bekannte, den er jetzt beschuldigte, ihm die Drogen gegeben zu haben, ist genau der, von dem die Polizei den Tipp bekam.

Für das Gericht wie auch für die Staatsanwältin schien das alles wenig plausibel. Und: „Auch mit dem, was Sie heute gesagt haben, sind Sie geständig“, stellte der Richter klar. Ungereimtheiten ergaben sich auch durch den zwischenzeitlichen Kauf eines 3000 Euro teuren E-Bikes und eines BMW zu 22.000 Euro, die alle bar bezahlt wurden.

Widersprüche und Ungereimtheiten

Das Geld stamme aus Ersparnissen und dem Darlehensvertrag eines Freundes, bei dessen Firma er auch im Oktober einen Ausbildungsplatz antreten wolle, über 25.000 Euro. Nicht nur, dass die Geldflüsse nicht nachvollziehbar seien, der Richter wunderte sich auch darüber, dass der Angeklagte solche Ausgaben und die Rückzahlung des Darlehens tätigen kann. Er hat zwar einen Hauptschulabschluss, aber keine Ausbildung absolviert, hält sich mit Jobs unter anderem in der Pizzeria seines Bruders über Wasser. Richter: „Das passt hinten und vorne nicht zusammen.“ Auch nicht, dass er gar keinen Führerschein besitzt und eine MPU, um ihn wieder zu bekommen, noch nicht absolviert hat. Die lakonische Antwort des Angeklagten: „Man kann ja ein Auto auch erstmal wegstellen.“

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Und von einem neuen, nicht geladenen Zeugen, der die Aussage des Angeklagten bestätigen sollte, dass ihm die Drogen zur Aufbewahrung übergeben wurden, einem 36-jährigen Mitarbeiter der Post, versprach sich der Richter scheinbar auch keine wirkliche Wende. Seine süffisante Frage „Was sollen Sie uns heute sagen?“ quittierte der aber mit Unverständnis.

Zeugen bringen keine Wende

Letztlich erklärte er, dass er die Übergabe im Hof einer Metzgerei beobachtet habe und auch, dass der Angeklagte ihm den Inhalt der Tasche gezeigt habe. Frage des Richters: „Was sagen Sie denn, wenn Ihnen jemand eine große Menge Speed zeigt? Antwort: „Ich war schon ein bisschen entsetzt.“

Der als Zeuge geladene Polizeibeamte, der seinerzeit die Erstvernehmung durchgeführt hatte, bestätigte im wesentlichen den ursprünglichen Verlauf.

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Die Staatsanwältin beantragte schließlich eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten - angesichts der Tatsache, dass der Angeklagte bezüglich Handel mit Drogen geständig sei, keine Vorstrafen habe. Ungeklärt bleibe die Einfuhr der Drogen und auch der „bewaffnete Handel mit Betäubungsmitteln“, was mit einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren geahndet werde.

Mit Verweis auf das Geständnis, trotz zweier Varianten, die rechtlich gar nicht bedeutsam seien und die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Drogen nicht verkauft worden sei, beantragte der Verteidiger eine Bewährungsstrafe.

Meilenweit weg von Bewährungsstrafe

Das sah der Richter ganz anders: „Es ist völlig egal, von wem Sie die Drogen bekommen haben.“ Von einem minderschweren Fall aber, der eine Bewährungsstrafe rechtfertigte, sei der Angeklagte meilenweit entfernt. Nicht nachweisbar sei, dass das Heroin zum Weiterverkauf bestimmt war und die Waffen sich in der Nähe zu den Drogen befunden hätten. Dennoch gebe es strafverschärfende Gründe wie den Handel mit Amphetaminen und den Besitz von harten Drogen.

Das Urteil des Schöffengerichts folgte dann dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Außergerichtlich hatte man sich darauf verständigt, dass die eingezogenen Werte wie E-Bike und Bargeld überlassen werden, ebenso wie die 11.500 Euro, mit dem der Angeklagte das Auto ausgelöst hatte.

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