Die Nachtruhe-Störer haben viel zu erzählen

dzMusikverein in Alstätte

August Jung, Heinrich Wessendorf und Willi Ellerkamp haben 50 Jahre lang mit Hörnern und Trompeten Majestäten geweckt.

von Bernd Schäfer

Ahaus

, 18.01.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie haben schon Schützenköniginnen im Schlafanzug gesehen. Oder Könige, die einfach nicht aus dem Bett wollen. Und ihnen später sagten: „Ick hebb wohl watt hört – aber datt was mi noch to fröh.“ Wenn der Abend davor allzu heftig war, ist auch mal niemand wach geworden. „Wenn sich gar nichts rührte, sind wir halt weitergegangen“, zuckt Willi Ellerkamp grinsend mit den Schultern.

Über 50 Jahre lang waren August Jung, Heinrich Wessendorf und Willi Ellerkamp fürs Wecken mit Hörnern und Trompete beim Schützenfest zuständig. Egal, ob Brink-Gerwinghook-Beßlinghook, Schmäing- oder Schwiepinghook, ob Brook oder Dorf – immer wenn Majestäten und Offiziere am zweiten Schützenfesttag aus ihrer meist kurzen Nachtruhe zum Antreten gerissen werden mussten, stand das Trio aus Musikern des Musikvereins früh morgens vor der Tür.

Sehr früh morgens. „Für uns war das gar nicht so schwer“, meint Willi Ellerkamp, der mit seinen „nur“ 71 Jahren das Küken der Dreierbande ist. „Aber die anderen sind ja oft erst um drei oder vier Uhr zuhause gewesen – wenn die dann um 6 Uhr geweckt wurden, war das für die ganz schön schwer.“

„Kommt binnen“

Majore, Vorsitzende und Könige sind immer die ersten, vor deren Haustüren sich die „Wecker“ mit ihren Instrumenten aufbauen, erst das Wecksignal und „Freut euch des Lebens“ spielen und zum Abschluss laut „Aufstehen!“ rufen. Vorletzte Station vor der Königin ist traditionell der Oberst – dort heißt es nach dem Weckruf „Kommt binnen!“ und es gibt ein Frühstück, meist mit Rührei, Kaffee und ... „Sowas gibt’s da jedenfalls nicht“, lacht August Jung und zeigt auf ein Glas Mineralwasser.

Jetzt lesen

Jung ist mit 83 der älteste Wecker, gerade wurde er für seine 70-jährige Mitgliedschaft im Musikverein geehrt. Die steht dem 80-jährigen Heinrich Wessendorf im nächsten Jahr bevor. Alle drei wissen noch gut, wie es früher auf den Schützenfesten war, als es noch keine Musikanlagen gab. „Wir waren damals nur 30, 40 Musiker und mussten das ganze Schützenfest durchspielen“, erinnern sie sich. „An den zwei Schützenfesttagen sind wir schnell auf 26, 27 Stunden gekommen.“

Das blieb manchmal nicht ohne Folgen. „Manchmal bluteten meine Lippen“, weiß Willi Ellerkamp noch. Zu jener Zeit waren viele Instrumente nur einfach besetzt, aufhören und jammern war also keine Option. „Das musste man durchziehen.“ Zum Glück konnte August Jung, bei dem er sich Rat holte, einen kompetenten ärztlichen Tipp geben: „Einfach einen Wacholder trinken und weitermachen.“ Zum Glück habe sich mittlerweile die Zahl der Musiker deutlich erhöht, sodass sie in zwei Schichten antreten können. „Heute kommen wir frisch – und gehen nicht mehr ganz so frisch nach Hause“, schmunzelt Willi Ellerkamp.

Station bei der Königin

Nach dem Frühstück beim Oberst geht es zur letzten Station: der Königin. Auch dort dauert der Aufenthalt etwas länger. Während die Männer gemeinsam den Gottesdienst besuchen, einen Kranz niederlegen und einen kurzen Frühschoppen machen, hat die Regentin noch etwas Zeit, um sich für ihren Auftritt fein zu machen. Meist mithilfe von Nachbarn und Verwandten – und musikalisch begleitet von den drei Weckbeauftragten. Später wird die Königin dann von der gesammelten Schützengemeinschaft ausgeholt.

„Wenn wir dann die Musik vom Schützenverein auf der Straße hörten, war für uns Feierabend.“ Im vergangenen Jahr war für das Trio endgültig Feierabend, in Zukunft sollen Jüngere ihre Aufgabe übernehmen. Aber bei den „Alten Kameraden“ und den „Egerländern“ des Musikvereins wollen sie natürlich weiter mitmischen.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt