Corona-Verbot: Viele Prostituierte rutschen in die Illegalität

dzCorona-Krise

Seit März ist Prostitution wegen der Corona-Pandemie verboten. Viele Sexarbeiterinnen gehen nun ihrer Arbeit illegal nach. Sie fordern ein Einlenken der Politik. Wir haben in Ahaus nachgefragt.

Ahaus

, 05.09.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Solange in anderen Lebensbereichen massive Restriktionen wie Abstand, Maskenpflicht und Rückverfolgbarkeit von Infektionsketten gelten, sind aus Sicht unseres Hauses Lockerungen im Prostitutionsbereich schwer vorstellbar.“ So zitierte die Deutsche Presseagentur (dpa) noch Anfang August das NRW-Gesundheitsministerium. Das Ministerium erklärte, dass das mit dem ersten Corona-Lockdown verhängte Verbot von Prostitution verlängert werde.

Davon betroffen ist Ruby (Name geändert). Wenn die 37-Jährige beruflich in Ahaus ist, mietet sie meistens Räume an, in denen sie ihre Kunden treffen kann. Dort bietet sie neben dem „klassischen“ Sex Tantra-Massagen und Sex-Coachings an. Das Meiste davon macht die selbstständige Sexarbeiterin im Moment illegal, denn wegen der Corona-Pandemie bleibt Prostitution verboten – völlig unbegründet wie sie findet.

Schließlich sei Sexarbeit auch unter strengen Hygiene-Regeln möglich.

„Mitte März war die Lage ja total unklar, da habe ich natürlich auf meine Arbeit verzichtet“, erzählt Ruby beim Telefonat mit der Redaktion. Nur über die Webcam konnte sie arbeiten, wodurch sie den Kontakt zu Stammkunden gehalten hat.

Ende Mai begann Ruby wieder mit Coachings, komplett ohne Berührung, mit Mund-Nasen-Schutz und genügend Abstand. Später habe sie ihre Kunden auch wieder berührt, dabei allerdings Handschuhe getragen.

Mund-Nasen-Schutz während der Arbeit

Aktuell bietet Ruby fast all ihre Dienstleistungen wieder an. Die Handschuhe trägt sie dabei nicht mehr und auch die Kunden dürfen sie wieder berühren. Rubys Meinung nach ist eine Übertragung des Coronavirus über die Luft wahrscheinlicher als über Berührungen. Der Mund-Nasen-Schutz ist deswegen bei ihr Bedingung.

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Duschen und Hände desinfizieren sind ein Muss. Ihre Stammkunden seien mit diesem Konzept einverstanden. „Es will sich ja auch niemand anstecken.“ Wer sich trotzdem nicht an die Regeln halten möchte, wird abgewiesen.

Viele Prostituierte sind „in einer prekären Lage“

Ruby weiß, dass es ihr im Vergleich zu vielen ihrer Kolleginnen sehr gut geht. „Ich kann mir aussuchen, mit wem ich arbeite und spreche aus einer privilegierten Position heraus. Viele sind aber in einer prekären Lage.“

Das beobachtet auch Manuela Brandt von der Aidshilfe Westmünsterland in Ahaus. Sie steht mit vielen Prostituierten im Kreis Borken in Kontakt. „Die aktuelle Lage ist verheerend. Die wenigsten Prostituierten haben die Möglichkeit, in ihre Heimatländer zurückzukehren oder sind krankenversichert“, erzählt sie.

Dadurch, dass die Frauen trotzdem weiter arbeiten, müssten sie verstärkte Polizeikontrollen fürchten und auch die Gefahr von körperlicher Gewalt steige an. Zwar habe es diese Probleme für Prostituierte ohne Krankenversicherung auch vor der Pandemie gegeben, jedoch sei es einfacher gewesen, sich Hilfe zu holen.

Weniger Neukunden und große finanzielle Einbußen

Obwohl es Ruby als gemeldete Selbstständige vergleichsweise gut geht, kämpft auch sie mit den Folgen der Corona-Pandemie. Viele Einnahmen seien, gerade am Anfang, weggebrochen.

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Zwar hat auch sie die Corona-Soforthilfe bekommen, aber „da muss ich wahrscheinlich noch einiges zurückzahlen“, so die Sexarbeiterin. Ein paar Mal hat sie deswegen schon mit dem Gedanken gespielt, irgendwo als Aushilfe anzufangen – zum Beispiel in einer Bäckerei oder in einem Supermarkt.

Sollte sich ihre Lage nicht bessern, wird sie das vielleicht auch noch tun. „Aber das ist nicht das, was ich machen möchte.“ Wie viele andere Sexarbeiterinnen auch hat sie sich bewusst für ihren Job entschieden.

„Sexarbeit ist coronakonform möglich“

Deswegen fordert die gelernte Hebamme von der Politik, Sexarbeit unter der Einhaltung von Hygiene-Standards zu legalisieren. Denn Sexarbeit sei auch coronakonform möglich. „Ein gewisses Risiko geht man natürlich immer ein, wenn man mit Menschen Kontakt hat. Das ist bei Ärzten oder Masseuren genauso“, so Ruby.

Dieser Meinung ist auch Manuela Brandt. „Man kann es einfach nicht nachvollziehen. Wer zur Massage geht, hat auch engen körperlichen Kontakt. Nur die Sexarbeiterinnen finden kein Gehör bei den Politikern.“ Dabei arbeite die große Mehrheit – auch jetzt in der Illegalität – mit umfassenden Hygieneregeln. „Ihr Körper ist schließlich ihr Kapital“, so Manuela Brandt.

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In Bezug auf das Hygienekonzept kann Sexarbeiterin Ruby den Einwand verstehen, dass wahrscheinlich nicht alle Kunden ihre richtigen Kontaktdaten angeben würden und eine Rückverfolgbarkeit bei einer Corona-Infektion schwierig würde. Sie denkt aber, dass man in diesem Fall mit Datenverschlüsselung arbeiten kann. Und außerdem: „Wer prüft überhaupt, ob die Gäste im Restaurant alle ihre richtigen Kontaktdaten angeben?“

Sexarbeiterinnen werden in die Illegalität gedrängt

Über die genauen Regeln des Hygienekonzepts lasse sich diskutieren. Wichtig sei, laut Manuela Brandt, dass Sexarbeiterinnen nicht weiter in die Illegalität getrieben werden. Genau das passiere aber gerade.

Auch Ruby befürchtet, dass einige Politiker die Coronakrise nutzen wollen, um ein Sexkaufverbot durchzusetzen – so wie sie es schon vorher gefordert haben. „Und das ist doch einfach Mist!“ Für sie ist klar: „Es muss eine freie Entscheidung bleiben, Sexarbeiterin zu sein.“

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