Corona und die Folgen: Große Unterschiede zwischen Theorie und Praxis

Soziale Dienste

„Corona und die Folgen“, unter diesem Schlagwort beleuchtet der Caritasverband Ahaus-Vreden die Auswirkungen der Pandemie auf seine Arbeit. Diesmal: Unterschiede zwischen Theorie und Praxis.

Ahaus

04.01.2021, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Gerade in Haushalten mit Kindern hat der Beratungsbedarf zugenommen.

Gerade in Haushalten mit Kindern hat der Beratungsbedarf zugenommen. © picture alliance / dpa

Suchtkranke, Wohnungslose, Überschuldete, Flüchtlinge. Wer denkt in der Corona-Krise an die Schwächsten der Gesellschaft? Eine Antwort: die Sozialen Dienste des Caritasverbandes Ahaus-Vreden.

Doch Corona hat die Arbeit auch mit Blick auf die Zukunft deutlich erschwert, sagt Peter Schwack, Vorstand für das Ressort Soziale Dienste beim Caritasverband Ahaus-Vreden. So hat die NRW-Landesregierung in der Pandemie zum Beispiel die finanziellen Zuwendungen für die Flüchtlingshilfe erheblich reduziert. „Ein absolutes Unding“, sagt Peter Schwack.

Eigenanteil bezahlen

Ein weiteres Problem: „Die Sozialen Dienste haben nicht eine solche Lobby wie andere Bereiche. Bei den Sozialen Diensten ist es so: Für all das, was wir anbieten, müssen wir Geld mitbringen“, berichtet Peter Schwack. Die Kostenträger erwarten einen Eigenanteil von mindestens zehn Prozent. „Das hat auch etwas mit gesellschaftlicher Anerkennung unserer Arbeit zu tun“, sagt der Caritas-Verantwortliche.

„Es wird zwar immer gesagt, Familie ist unser höchstes Gut. Aber es mangelt seit Jahren an auskömmlicher finanzieller Unterstützung durch Land und Bund, Auch in der Corona-Pandemie zeigt sich, dass die Dienste, die sonst auch nicht besonders gut finanziert sind, in der Krise weiter finanziell schlecht dastehen.“

Dabei hat die Corona-Pandemie nicht nur finanzielle Auswirkungen, sondern die Arbeit im Sozialen Dienst ganz allgemein verändert. Persönliche Begegnungen mit den Klienten mussten zurückgefahren werden, die Absprachen der Mitarbeiter untereinander erfolgten häufig digital. Gruppenangebote gab und gibt es im Lockdown – wenn überhaupt – nur sehr reduziert.

Dabei ist in einigen Bereichen wie der Schuldnerberatung die Zahl der Anfragen gestiegen, ebenso bei der Suchtberatung. In der Erziehungsberatung hingegen gab es im Frühjahr trotz geschlossener Schulen und Kindergärten weniger Anfragen. „Das macht uns Sorgen“, sagt Peter Schwack.

Anlaufstation bei Problemen

„Wir sind ja Anlaufstation, wenn Probleme mit Kindern auftreten.“ Dabei hätten die Mitarbeiter in der aufsuchenden Sozialarbeit in den Familien deutlich mehr Krisen und eskalierende Situationen festgestellt. „Auch im Lockdown spielt die Kindeswohlgefährdung eine Rolle.“ Corona habe die Lage, für Klienten wie für Mitarbeiter, deutlich komplizierter gemacht.

In den Einrichtungen der Behindertenhilfe des Caritasverbandes seien die Landesverordnungen zu Beginn der Krise fast überhaupt nicht umzusetzen gewesen. In der Theorie des Landes hätte es einen Quarantänebereich, einen Infektionsbereich und einen Normalbereich geben müssen – mit getrenntem Personal.

Enorme Mehrbelastung

„So viele freie Raumkapazitäten stehen uns gar nicht zur Verfügung. Ich kann ja schlecht anbauen in der kurzen Zeit. Und wie das mit dem Personalstamm, der nicht größer geworden ist, geleistet werden soll, sagt auch niemand“, berichtet Peter Schwack aus der Praxis.

Gleichzeitig für die Bewohner bei geschlossenen Werkstätten noch eine Tagesstruktur anzubieten, „das alles ist eine enorme Mehrbelastung der Mitarbeiter.“

Entscheidungen am grünen Tisch

Für Peter Schwack steht fest: Manche politischen Entscheidungen wurden am grünen Tisch getroffen und sind dann teils durch Rückkopplungen aus der Praxis angepasst worden. So hätte er sich gewünscht, dass die Mitarbeiter und Bewohner der Eingliederungshilfe, die auch eine hohe Vulnerabilität haben, auch bei den Impfungen früher bedacht worden wären.

Das Land habe für die Behindertenhilfe pro Woche teilweise mehrere Änderungen von Verordnungen erlassen. „Die Kollegen in der Betreuung mussten sich kontinuierlich einlesen und hatten gleichzeitig Sorge um die Gesundheit der Bewohner und ihre eigene Gesundheit.“

Sorge um den Arbeitplatz

Hinzu sei in den Beratungsdiensten aufgrund von Kurzarbeit (trotz Kompensation des Caritasverbandes) und zeitweisen Rückgangs von Anfragen auch die Sorge um den Arbeitsplatz gekommen.

„Gespannt darf mein sein, ob Personalmehrkosten, die durch viele Testungen entstehen, überhaupt finanziert werden, denn so bereitwillig wie in anderen Bereichen, wird dies in der Eingliederungshilfe nicht gezahlt“, sagt Peter Schwack.

Kein Geld für Spritzschutz

Ein Beispiel: Für die stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe gab es zunächst in der Corona-Pandemie kein Geld für die Anschaffung von Spritzschutzen. Die Begründung: Sie dienen zum Schutz der Besucher und nicht zum Schutz der Bewohner.

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