Der Blindgänger, den Christoph Uhling am Samstag in Alstätte gefunden hat, war am Ende ungefährlich. Den Schrecken möchte der 35-jährige Alstätter so schnell aber nicht noch mal erleben.

Ahaus

, 01.09.2019, 14:01 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Christoph Uhling an diesem Samstagmorgen am Aa-Ufer hinter den Häusern an der Hochstraße in Alstätte auf seinen Bagger klettert, hat er noch keine Ahnung, dass dieser Arbeitstag so ganz anders verlaufen wird, als er es geplant hat.

Zusammen mit seinem Vater Bernhard soll er an einem Bootssteg etwas aufräumen. Schlamm und Äste beiseite schaffen, den Steg und die angrenzenden Treppen wieder freilegen. „Das war eher eine kleine Aufgabe, die man mal eben so mitmacht“, sagt der 35-jährige Alstätter.

Erschreckender Fund kurz vor Feierabend

Doch es kommt ganz anders. Es ist 11.30 Uhr. Vater und Sohn haben ihr Tagwerk fast geschafft. „Wir wollten gerade Feierabend machen“, erzählt Bernhard Uhling. Da gibt es in der Schaufel plötzlich ein metallisches Geräusch. Als Christoph Uhling die Baggerschaufel aus der Aa zieht, liegt dort ein Metallzylinder drin.

„Ich dachte erst, ich hätte einen Betonpoller oder so aus dem Wasser gezogen“, sagt Christoph Uhling. Sein Vater ist direkt skeptischer. „Ich hab sofort an eine Bombe gedacht“, sagt er.

Zunächst noch Sorge wegen großem Alarm

Vorsichtig lässt Christoph Uhling das Fundstück wieder in den Schlamm am Ufer der Aa gleiten. Die Uhlings alarmieren die Polizei und die Feuerwehr. „Da sah das Ding für mich immer noch aus, wie ein Stück Beton. Ich habe mir richtig Gedanken gemacht, dass ich wegen einer Kleinigkeit so großen Alarm geschlagen habe“, erklärt er am Nachmittag.

Vater Uhling hatte den richtigen Riecher

Doch die Vorahnung seines Vaters ist goldrichtig: Christoph und Bernhard Uhling haben einen britischen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg aus der Aa gezogen. Um 14.17 Uhr löst die Stadt Ahaus – auch das Ordnungsamt ist inzwischen informiert – Alarm über die Katastrophenschutz-App Nina aus. „Bombenfund in Alstätte“ lautet die Meldung.

Christoph Uhling nach dem Blindgängerfund: „So einen Schrecken brauche ich nicht nochmal!“

Rainer Woitschek vom Kampfmittelräumdienst mit dem gesicherten 250-Kilo-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. © Stephan Teine

Feuerwehr und Polizei sperren die Hochstraße ab. Alle Anwohner, die in einem Radius von 50 Metern um die Bombe herum wohnen, müssen ihre Häuser verlassen. Einige Anwohner bekommen zunächst gar nichts davon mit. „Wir haben im Garten in der Hängematte gelegen“, sagt ein junges Pärchen, das gegen 15.30 Uhr an den Sicherheitsposten der Feuerwehr auf der Hochstraße vorbeiläuft.

Nachbarn mögen zunächst nicht an Bombe glauben

Einige Nachbarn stehen zusammen. So richtig wollen sie nicht glauben, dass tatsächlich große Gefahr besteht. „Das ist bestimmt ein Fehlalarm“, sagt ein älterer Passant. Ein Autofahrer, der vor der Absperrung am Bahnhof von der Feuerwehr abgewiesen wird, vermutet gar, dass der große Alarm mit dem Leistungsnachweis der Feuerwehr zu tun habe.

Christoph Uhling nach dem Blindgängerfund: „So einen Schrecken brauche ich nicht nochmal!“

Die Zünder der britischen Bombe wurden wohl schon während des Zweiten Weltkriegs ausgebaut. Dass eine entschärfte Bombe nicht abtransportiert wurde, sei nicht so außergewöhnlich, erklärte Rainer Woitschek vom Kampfmittelräumdienst. © Stephan Teine

Doch dann kommt die Bestätigung vom Kampfmittelräumdienst: Truppführer Rainer Woitschek ist aus Paderborn zur Fundstelle geeilt. „Eine britische 500-Pfund-Bombe“, lautet sein Urteil, als er den Blindgänger das erste Mal noch im Wasser untersucht hat.

Stefan Hilbring, Pressesprecher der Stadt Ahaus, koordiniert aus einem Streifenwagen der Polizei heraus die Informationen, die an die Öffentlichkeit gehen. „Der Kampfmittelräumdienst untersucht gerade die Bombe und ermittelt, wie sie zu entschärfen ist“, erklärt er.

Feuerwehr bereitet größere Evakuierung vor

Im Hintergrund bereitet die Feuerwehr eine größere Evakuierung vor. Aktuell sind nur 30 bis 40 Alstätter in Sicherheit gebracht. Handelt es sich tatsächlich um eine scharfe Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, wird der Evakuierungsradius auf 200 bis 300 Meter vergrößert. „Die Einwohnerdaten haben wir schon zusammengestellt, wenn wir evakuieren müssen, geht es ganz schnell“, sagt Berthold Büter, Leiter der Ahauser Feuerwehr.

Christoph Uhling nach dem Blindgängerfund: „So einen Schrecken brauche ich nicht nochmal!“

Das Gebiet um den Fundort wurde durch Feuerwehr und Polizei weiträumig abgesperrt. Parallel wurde die noch größere Evakuierung der Anwohner vorbereitet. Sie war am Ende aber nicht mehr nötig. © Stephan Teine

Zu dem Zeitpunkt sind nur eine Handvoll Feuerwehrleute aktiv im Einsatz. Der Löschzug Alstätte wird in Bereitschaft gehalten. Büter möchte deren Vorbereitung auf den Leistungsnachweis am Sonntag aber nur so wenig wie möglich stören. Acht Mann sichern die Absperrungen, fünf Polizisten sind ebenfalls im Einsatz.

Kampfmittelräumdienst gibt kurz vor 16 Uhr Entwarnung

An der Fundstelle ist Rainer Woitschek allein. Schließlich die Entwarnung: Kurz vor 16 Uhr spricht der Kampfmittelräumer die erlösenden Worte: „Kein Zünder, der Blindgänger ist sicher.“

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Doch wieso liegt eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg ohne Zünder in der Aa? „Das ist durchaus nicht so selten“, sagt Rainer Woitschek. Blindgänger wurden – vor allem gegen Ende des Zweiten Weltkriegs – zwar entschärft, aber nicht abtransportiert. „Das kann so simple Gründe haben, dass die Entschärfer damals keinen Lastwagen oder keinen Sprit mehr hatten“, erklärt er. Die Blindgänger wurden dann ganz einfach an Ort und Stelle liegen gelassen oder in den nächsten Bach gekippt.

Zünder wurden wohl schon im Zweiten Weltkrieg entfernt

Die beiden Zünder jedenfalls, der Aufschlagzünder und ein nachgelagerter Detonator, seien fachmännisch ausgebaut worden. „Die waren damals so fest verschraubt, die lösen sich nicht einfach in Luft auf“, erklärt er. Die Bombe selbst, ein britisches Modell, das insgesamt rund 250 Kilo schwer ist, hätte dort auch noch bis in alle Ewigkeit liegen können. „Das ist wie heute bei der Waffentechnik: Das waren hochwertigste Materialien. Die Bombe hätte in 1000 Jahren noch genauso ausgesehen wie heute“, erklärt er.

Den Blindgänger hat er da schon sicher auf der Ladefläche seines Transporters verstaut. 110 Kilo Sprengstoff befinden sich in der Metallröhre. „Die sind jetzt aber völlig ungefährlich“, erklärt er.

„Einmal reicht mir voll und ganz“

Christoph Uhling kann da schon wieder lachen. „War ja klar, dass so etwas an einem Samstag passiert“, sagt er grinsend. Den Schreck hat er da so langsam verdaut. „Ich fahre seit über 20 Jahren Bagger“, sagt er, „eine Bombe habe ich aber noch nie gefunden.“ Und – das schiebt er schnell hinterher: „Einmal reicht mir auch voll und ganz.“

In Alstätte kehrt wieder Ruhe ein. Die Anwohner kehren in ihre Häuser zurück. Man steht noch in kleinen Gruppen zusammen. Auf den Schreck gibt es erst einmal eine Flasche kaltes Bier oder Wasser.

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Doch ein mulmiges Gefühl bleibt bei vielen zurück: Der Blindgänger lag seit Ende des Zweiten Weltkriegs direkt unter den Treppenstufen an dem kleinen Bootssteg. Ältere Alstätter berichten davon, dass sie als Kinder noch Munition aus dem Flüsschen gefischt hätten. Was dort und an vielen anderen Stellen noch an Altlasten aus dem Krieg schlummert, mag sich niemand ausmalen.

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