Daniel Urmetzer (30) leitet seit Anfang Oktober 2020 die Stadtbibliothek Ahaus. Er blickt einer deutlich digitaleren Zukunft entgegen. Bücher seien zum Teil überholt, sagt er – und findet das nicht schlimm. Hauptsache, es werde gelesen. © Stephan Rape
Stadtbibliothek Ahaus

Bibliothek verzeichnet Ansturm im Lockdown und blickt in digitale Zukunft

Im Lockdown lechzen die Ahauser offenbar nach neuem Lesematerial. Seit die Ausleihe in der Stadtbibliothek wieder möglich ist, glühen die Telefone. Doch die Tage des Buches scheinen gezählt.

Auch wenn die Türen zur Stadtbibliothek Ahaus weiter geschlossen bleiben, wird dort im Kulturquadrat jeden Tag gearbeitet. Hinter den Kulissen wird Inventur gemacht, aufgeräumt oder das Angebot nach ausgedienten alten Schinken durchsucht. Langeweile kommt da nicht auf.

Seit knapp einer Woche ist auch die Ausleihe in Grenzen wieder möglich: Nutzer können bis zu zehn Medien vorbestellen, die sie dann zu einem festen Termin abholen können. Und das findet große Resonanz: „Die Telefondrähte glühen. Die Leute suchen dringend nach Beschäftigung und Abwechslung“, sagt Daniel Urmetzer (30), Leiter der Stadtbibliothek Ahaus.

„Trotzdem fehlen uns natürlich die Gäste“, ergänzt er. Jeder in seinem achtköpfigen Team habe den Beruf schließlich ergriffen, weil man mit Menschen in Kontakt komme. Sei es bei der Beratung über ein passendes Buch oder auch bei der Recherche zu diesem oder jenem Thema.

BIBLIOTHEK STEHT IM LOCKDOWN MIT DIGITALEN ANGEBOTEN PARAT

  • Auch im schwierigen Coronajahr war das Angebot der Stadtbibliothek Ahaus heiß begehrt. Insgesamt rund 5000 Nutzer haben sich dort im Jahr 2020 Medien ausgeliehen.
  • Im direkten Angebot vor Ort hält die Stadtbibliothek 50.000 Medien bereit. Weitere 50.000 können über das Angebot Münsterload bezogen werden.
  • Momentan bleiben die Türen geschlossen. Nutzer können Medien per E-Mail (stadtbibliothek@ahaus.de) oder unter Tel. (02561) 72900 vorbestellen und dann zu einem festgelegten Termin abholen.
  • Die Gebühr für die Nutzung der Stadtbibliothek kostet regulär zehn Euro im Jahr (ermäßigt 7,50 Euro). Schüler und Jugendliche bis 18 Jahre können die Bibliothek kostenfrei nutzen.
  • Zu den verschiedenen Suchangeboten der Stadtbibliothek führt der Onlinekatalog der Stadtbibliothek (www.opac.ahaus.de/).

Eine Bibliothek habe eben auch einen Bildungsauftrag: „Welche Quelle ist relevant, welche ist Mumpitz?“, umreißt es Daniel Urmetzer. Die Grenzen seien fließend. So könne heute jeder ein Buch im Selbstverlag veröffentlichen – ohne inhaltliche Prüfung. „Nur weil eine Meinung als Buch vorliegt, muss sie nicht richtig sein“, sagt er.

Ein Gegenbeispiel sei Wikipedia: Vor Jahren noch sei sie als unzuverlässige Quelle abgetan worden. „Meine Lehrer hätten noch jeden Vortrag oder jede Hausarbeit direkt als ungenügend bewertet, wenn ich Wikipedia als Quelle angegeben hätte“, sagt er. Dabei sei dort die Gegenkontrolle auf Korrektheit der Fakten seit Anfang an groß geschrieben worden.

Die Zeiten des Buches sind zu Ende

Sich in dieser veränderten Medienwelt zurechtzufinden – oder wenigstens dabei zu helfen – sei eben auch eine Aufgabe der Bibliothek. Denn die sei ja viel mehr als nur ein Aufbewahrungs- und Ausleihort für Bücher. Eine Bibliothek sei schon immer ein Ort für Information, Kommunikation und Unterhaltung gewesen.

Umso wichtiger werden die Arbeitsplätze in der Bibliothek. „Die Menschen sollen gerne hierher kommen, um zu arbeiten oder zu lernen“, sagt Daniel Urmetzer. Dafür sei die Ahauser Bibliothek ideal geeignet: „Weil sie eben nicht so wie viele Neubauten weiß in weiß gehalten ist, sondern mit warmen Farben und viel Holz lockt.“

Früher oder später werde es zum Umbruch kommen: Seit Gutenbergs Zeiten war das Buch das Hauptmedium für die Weitergabe von Informationen. Ausdrücklich sei das nichts Schlechtes. Aber: „Das Buch als reines Informationsmedium ist überholt“, erklärt er. Allein der Druck komme gegen die ständig aktualisierten Datenbanken im Internet nicht hinterher.

Buch behält im Unterhaltungssektor seinen Stellenwert

Im Unterhaltungsbereich habe das Buch weiter seinen Stellenwert. „Die meisten Menschen lesen einfach noch lieber ein Buch aus Papier, als den gleichen Text an einem Bildschirm zu lesen“, sagt Daniel Urmetzer. Auch das könne sich aber noch wandeln.

Im Zweifel sei es ja auch egal, in welchem Medium ein Text gelesen werde. Darauf stellt sich die Bibliothek in Ahaus schon ein: Das Angebot an E-Books und Lesegeräten werde langsam ausgebaut. Irgendwann komme sicherlich der Schnitt, an dem keine neuen Bücher mehr gekauft werden, sondern nur noch digitale Angebote erweitert werden. Noch sei das aber Zukunftsmusik.

„Das kann man auch nicht auf Teufel-komm-raus erzwingen“, erklärt der Leiter der Stadtbibliothek. Solche Entwicklungen könnten nur Schritt für Schritt und anhand des Nutzerverhaltens vorangebracht werden. „Und schließlich ist unser Budget ja auch nicht unbegrenzt“, sagt er.

Ahaus befinde sich dabei noch in einer Sonderposition: Für eine relativ kleine Stadt sei die Bibliothek extrem breit aufgestellt und gut sortiert. „Ganz klar ein Verdienst meiner Vorgängerin Maria zu Klampen“, sagt Daniel Urmetzer, der die Leitung der Bibliothek Anfang Oktober 2020 übernommen hat. Als sehr bedeutender Schulstandort spiele die Bibliothek gerade für die vielen Schüler eine große Rolle.

(Vor-)Lesen bringt Kindern sehr intime Momente

Dass überhaupt gelesen werde, sei das Wichtige: Gerade auch für Kinder sei es extrem prägend, wenn man ihnen vorliest. „Ich sehe das bei meiner vierjährigen Patennichte“, erzählt Daniel Urmetzer. „Wenn wir zusammen einen Film schauen, sitzen wir stumm nebeneinander. Lese ich ihr etwas vor, dauert es keine zwei Seiten und sie sitzt gespannt neben mir und liest mit“, sagt er. Auch wenn Kinder allein lesen würden, sei das ein intimer Moment, den kein Fernseher ersetzen könne.

Bibliotheksleiter findet neue Herausforderung in Ahaus

Doch wie wird man eigentlich ausgerechnet in Ahaus Leiter der Stadtbibliothek? Schließlich stammt Daniel Urmetzer aus Koblenz. War er als Kind eine klassische Leseratte? „Ich habe eigentlich eher vor dem Fernseher gesessen“, gibt er schmunzelnd zu.

In die Welt der Bibliotheken verschlug ihn ein Schülerpraktikum in der Stadtbücherei Koblenz. Es folgten die Ausbildung zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste in der Universitätsbibliothek in Frankfurt/Main und ein Studium für Bibliotheks- und Informationsmanagement an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

„Danach habe ich eine neue Herausforderung gesucht und die Stelle in Ahaus gefunden“, sagt er. Und die Stadt habe ihn eben haben wollen. Deswegen sei er schnell nach Ahaus gezogen, fühle sich jetzt hier wohl. Allerdings: „Ich bin direkt vor dem Lockdown hier angekommen, da ist es natürlich schwer Kontakt zu bekommen“, sagt er. Aber auch das werde sich schon noch ergeben.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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