Mit Corona-Beginn brach für Peter und Anna Maas im Grunde der Alltag weg. Gerade für Menschen mit Handicap ist eine feste Tagesstruktur wichtig. Eine Herausforderung auch für die Betreuer.

Ahaus

, 18.06.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ich komm mit dieser Maske nicht klar, darunter schwitze ich viel zu viel.“ Nun trägt Peter Maas sogenannte Face Shields – das gehe „blendend“. Gesehen hatte diese Ehefrau Anna bei einer Mitarbeiterin eines Supermarktes. Der 64-Jährige trägt einen Herzschrittmacher, benötigt ausreichend Sauerstoff. Das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen ist nur eine Hürde, der sich die beiden Bewohner des Hauses am Wittenkamp in der Corona-Krise stellen müssen. Seit rund zehn Jahren wohnen sie dort und werden vom Team des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW) der Behindertenhilfe des Caritasverbands Ahaus-Vreden unterstützt.

Komplette Tagesstruktur bricht weg

Seit gut 20 Jahren sind Peter und Anna Maas nun verheiratet. „Davon möchte ich keinen Tag missen“, sagt Peter Maas. Eine Zeit wie in den vergangenen drei Monaten haben sie gemeinsam noch nicht erlebt. Gerade die fehlende Arbeit in den Werkstätten Haus Hall machte Peter Maas zu schaffen. „Was soll ich denn den ganzen Tag machen?“, fragte er sich nicht nur einmal. Bald ging er kaum mehr raus, auch aus Respekt vor dem Virus. Ehefrau Anna fehlte vor allem das gemeinsame Einkaufen: „Wir helfen uns sonst doch, wo wir können.“

„Im Grunde genommen haben beide ihren persönlichen Shutdown erlebt, neben der Arbeit fehlten natürlich auch sämtliche Freizeitangebote“, weiß Bezugsbetreuerin Andrea Reckers von der Caritas zu berichten, dass gerade Menschen mit Handicap eine geordnete Tagesstruktur Sicherheit verleiht.

Viele Handicaps im sozialen Bereich

Peter und Anna Maas könnten sich dabei sogar noch glücklich schätzen, dass sie sich als Paar gegenseitig unterstützen können. Andere erlebten nun die komplette Isolation: „Während wir die Möglichkeit nutzen, Kontakte zum Beispiel über Soziale Medien aufrechtzuerhalten, so sind Menschen mit Behinderung dazu meist nicht in der Lage“, erklärt Andrea Reckers.

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Deutlich öfter als sonst habe im Büro in den vergangenen Wochen das Telefon geklingelt, ergänzt Marion Alfert vom Familienunterstützenden Dienst der Behindertenhilfe: „Die Menschen wollten einfach reden, etwas los werden. Die Frage lautete immer wieder, wann denn dies alles aufhöre.“ Viel Zeit hat man sich sehr gerne genommen, „einfach zuzuhören“. Gerade Menschen ohne Angehörige in der Region litten: „Der eine oder andere drohte auch psychisch zu kippen, andere waren gesundheitlich gefährdet“, so Andrea Reckers.

„Haben uns mehr Unterstützung erhofft"

Auch für die Betreuer stellen sich besondere Herausforderungen. Diese mussten ihre Pläne an den behördlichen Vorgaben ausrichten, Kontakte reduzieren. „Unsere Bewohner sind aber auf einen eingestellt, das ist alles nicht so einfach.“ Dazu zeige gerade diese Krise wieder einmal, wie eng die Betreuungszeiten bemessen sind – gerade in der ambulanten Hilfe und bei Behinderten. Die Zusagen durch die Sozialversicherungsträger seien insgesamt „zu schwammig“, zu pauschaliert gewesen, da habe man sich mehr erhofft, bestätigt Marion Alfert. Ein Beispiel sei die Aufstockung von Betreuungsstunden.

Die Sozialpädagogin freut sich über die große Solidarität in der Gemeinschaft: „Wir haben so viele Masken bekommen, nicht nur für unsere Mitarbeiter, sondern auch für unsere Klienten.“ Letztere seien nicht in der Lage, die wichtige Einrichtung zum Infektionsschutz selbstständig zu organisieren. Dass sie sich aber durchaus mit dem Thema Corona-Pandemie beschäftigen, dafür hat Anna Maas ein Beispiel: „Ich bin mal gespannt, wie das alles nach dem Sommerurlaub aussehen wird, wenn alle zurückkommen.“

Betreuer wollen ihrer Verantwortung gerecht werden

Viele der Mitarbeiterinnen seien bis an die Belastungsgrenze und darüber hinaus gegangen. „Gerade jetzt nimmt man die Arbeit mit nach Hause, weil man die Verantwortung hat“, berichtet Andrea Reckers. Peter und Anna Maas hätten gerade zu Beginn der Krise „viel geweint“. „Ich kann es gar nicht gut haben, wenn der Peter weint“, merkt Anna Maas an. „Die Menschen dürfen auch traurig sein, sie leiden unter dieser Isolation, viele entwickeln Ängste. Da unterstützen wie, wo wir können“, so Andrea Reckers.

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Ansonsten ist es die primäre Aufgabe, die Klienten in ihrer Selbstständigkeit zu fördern. „Das habt ihr auch gut gemeistert“, wirft Anna Maas ein. „Für Peter und Anna Maas ist die Wohnform genau die richtige“, habe man beim Caritas – so Marion Alfert – viele gute Erfahrungen mit dem ABW gemacht. In Heek sei aktuell gar noch eine eigene Wohneinheit zu belegen.

Ehepaar blüht förmlich wieder auf

Die guten Erfahrungen können Peter und Anna Maas nur bestätigen. Und sie freuen sich einfach, dass der Alltag nun Schritt für Schritt wieder zurückkehrt. Die Arbeit ist zurück, am Montag wurde gemeinsam ein Ausflug nach Münster organisiert. „Da hat man gerade Peter angesehen, wie er wieder aufblüht“, berichtet Andrea Reckers. Auch sind erste Schritte in die Öffentlichkeit wieder möglich, der Kontakt zu den Bewohnern des benachbarten Wohnheims lebe wieder auf. „Diese Anbindung ist enorm wichtig für die beiden“, erklärt Marion Alfert.

Welche Wünsche sie denn nun vor allem hätten? „Ich würde gerne wieder zum Koran-Unterricht“, sagt die 57-Jährige. Und für ihren Mann kann es nur eine Antwort geben: „Schwimmen!“ Und nach kurzem Urlaub freut man sich nun wieder auf den kommenden Montag und den Start der Arbeitswoche. Ein nächster wichtiger Schritt auf dem Weg zum wichtigen Alltag.

Ambulant Betreutes Wohnen

  • Das Angebot des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW) für Menschen mit Behinderung ermöglicht Menschen mit Behinderungen eine selbstbestimmte Lebensführung in der eigenen Wohnung und im selbst gewählten Lebensumfeld.
  • Je nach Bedarf werden sie dabei stundenweise von Mitarbeitern der Caritas unterstützt.
  • Wie viel Unterstützung die Menschen mit Behinderung bei der Bewältigung ihres Alltags benötigen, wird für jeden Einzelnen festgestellt.
  • Die Mitarbeiter der Caritas helfen ihnen beispielsweise beim Einkaufen, der Einrichtung der Wohnung, dem Aufbau und der Pflege sozialer Kontakte, bei Behördengängen oder in persönlichen Krisensituationen.
  • Ziel ist es, ein Höchtsmaß an persönlicher Zufriedenheit und Selbstbestimmung zu erreichen.
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