Ahauser Schlossgespräch: Kritik an Corona-Maßnahmen und Gesundheitssystem

dzHeribert Prantl zu Gast

Bei einem weiteren Teil der Reihe „Ahauser Schlossgespräche“ zeigte Journalist Heribert Prantl klare Kante. Er kritisierte die Ökonomisierung des Gesundheitssystems und einige Corona-Maßnahmen.

Ahaus

, 24.09.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer den Journalisten, Autoren und Juristen Prof. Heribert Prantl zu einem Vortrag einlädt, wie es nun die VHS in Zusammenarbeit mit dem Verein der Ehemaligen des Alexander-Hegius-Gymnasiums getan hat, der weiß zumindest, was er nicht bekommt: hohle Phrasen. Das bestätigte das langjährige Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung auch am Dienstagabend bei einem weiteren Teil der Reihe „Ahauser Schlossgespräche“ im Kulturquadrat.

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Rund 150 Zuschauer hingen dem Redner eine knappe Stunde an den Lippen. In den kurzen Pausen hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Prantl schnitt schwere Themen zu rhetorischen Filetstücken. Titel seines Vortrags: „Kranke Häuser, bittere Medizin: Ein Plädoyer gegen die Ökonomisierung des Gesundheitswesen.“ Statt mit den Krankenhäusern begann Heribert Prantl aber mit Covid-19.

„Froh, dass die Eltern schon tot sind“

Gleich bei seinen ersten Sätzen ging ein Raunen durch das Publikum: „Meine Eltern – ich habe sie geliebt. Aber während der Corona-Zeit war ich froh, dass sie schon tot sind; schon gestorben vor der Coronakrise.“ Die Vorstellung, die eigene Mutter im Altersheim nicht besuchen zu dürfen und sie dort „in Einsamkeit vor Einsamkeit stirbt“, hätte er nicht ertragen können. „Ich hätte vor Gericht versucht, eine einstweilige Verfügung zu erwirken.“

Als „pauschalisierende Herzlosigkeit“ bezeichnete er den Umstand, dass sich viele Angehörige während des sogenannten Lockdowns aus Gründen des Infektionsschutzes vor dem Tod nicht von geliebten Menschen hatten verabschieden können.

Im Anschluss an den Vortrag signierte Heribert Prantl noch zahlreiche Bücher.

Im Anschluss an den Vortrag signierte Heribert Prantl noch zahlreiche Bücher. © Johannes Schmittmann

Heribert Prantls Mutter war genau vor einem Jahr gestorben. Sie litt unter Demenz. Und so schlug der Journalist einen Bogen zum allgemeinen Umgang mit alten und kranken Menschen im deutschen Gesundheitssystem. „Wir müssen sie weiter wie Erwachsene behandeln, nicht wie Kinder. Hilfsbedürftigkeit gehört zum Menschsein und ist keine Störung, die behoben werden muss.“

„Auch die Alten sind unsere Zukunft“

Man könne der älteren Generation nicht vorwerfen, dass die Menschen in Deutschland eine immer höhere Lebenserwartung haben. „Auch die Alten sind unsere Zukunft, denn die Zukunft ist das Alter.“ Eventuell brauche es, so Prantl, einen neuen Gesellschaftsvertrag. „Es gibt nicht mehr nur vier gleichlange Abschnitte im Leben: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es gibt einen sehr viel längeren Herbst, der unsere Gesellschaft aber auch sozialer machen kann: Wenn die geschenkte Zeit nicht nur Freizeit, sondern soziale Zeit ist.“

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Wie ein roter Faden zog sich durch Heribert Prantls Vortrag die Kritik am Gesundheitssystem. Vor allem die Ökonomisierung der Krankenhäuser stößt ihm sauer auf. „Ist der Wert eines Lebens abhängig vom Alter oder wie viel jemand in die Krankenkasse eingezahlt hat?“, fragte er. Der radikale Ökonomismus in diesem Bereich sei ein Midas-Glaube.

Vergleich zum gierigen Midas

Hintergrund: Laut einer griechischen Sage wünschte sich Midas von Gott, dass alles, was er berühre, zu Gold werde. Allerdings drohte ihm schnell der Tod, da auch Speisen und Getränke sich in Gold verwandelte. Am Ende befreite ihn ein Bad im Fluss Paktolos von dem Fluch. Heribert Prantl glaubt: „Unsere Gesellschaft braucht auch solch befreiende Bäder wie Midas es genommen hat.“

Und in Richtung der Träger der Krankenhäuser sagte er: „Man kann am eigenen Erfolg und der eigenen Geldmacherei krepieren.“ Scharf kritisierte der Journalist auch, dass Patienten neuerdings nicht selten Kunden genannt werden. „Es geht häufig um die, die ein Leben lang geackert haben, aber jetzt nicht mehr ackern können.“ Er forderte „die Auferstehung der Nächstenliebe“.

Ihm sei klar, dass im Gesundheitssystem immer verdient worden sei, allerdings „mit anderen Methoden als heute“. Aktuell laute das Motto: Nur ein kranker Kunde ist ein guter Kunde. „Es gibt eine Befindlichkeitsindustrie. Jede Abweichung von der Norm wird zur Krankheit erklärt.“

Differenzierte Meinung zum Thema Sterbehilfe

Zur Entkriminalisierung der „geschäftsmäßigen Sterbehilfe“ präsentierte er eine differenzierte Meinung. Grundsätzlich befürworte er das Urteil das Bundesverfassungsgerichts, allerdings sei es „zu Giftbecher-fixiert“ und gebe dem Lebensrecht zu wenig Raum. Damit habe man neue Unsicherheiten geschaffen. „Die schwerste Frage wird es sein: Wann ist der Wunsch freiwillig?“

Antworten darauf forderte Heribert Prantl am Dienstagabend von der Politik. „Der Gesetzgeber muss klären: Wo liegen die Grenzen?“ Denn eines dürfe auf keinen Fall passieren, betonte der Journalist: „Es darf keine Sterbeeinladungs-Schrift werden. Und es darf keinen Druck zum Ableben geben.“

Nach einer Stunde beendete Heribert Prantl seinen Vortrag unter großem Applaus. Die Zuschauer nutzten die Gelegenheit, noch mit dem 67-Jährigen ins Gespräch zu kommen. In diesem offenen Dialog wiederholte er seine Kritik an den Coronaschutzmaßnahmen: „Es kann nicht sein, dass wir über ein Tempolimit mehr diskutieren als über gravierende Grundrechtseingriffe. Das, was die Regierung in den ersten Monaten unternommen hat, darf man nicht als Blaupause nehmen. Wir müssen genau schauen, welche Maßnahmen richtig und falsch waren.“

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