Ulrich Kipp, Schulleiter des Berufskollegs für Technik in Ahaus, sieht trotz der Corona-Krise keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Er sagt: „Wir schaffen das schon – irgendwie." © Johannes Schmittmann
Berufskolleg

Ahauser Berufskolleg im Lockdown: Optimismus trotz Herkulesaufgabe

Der Lockdown bedeutet auch für das Berufskolleg für Technik Ahaus schwierige Zeiten. Besonders für die Abschlussklassen. Schulleiter Ulrich Kipp will sich aber nicht unterkriegen lassen.

Ulrich Kipp ist seit sieben Jahren Schulleiter des Berufskollegs für Technik Ahaus (BTA). Seitdem trägt er die Verantwortung für rund 2500 Schülerinnen und Schüler. Auch im normalen Alltag gleicht das schon einer Herkulesaufgabe. Vor zehn Monaten entschied das Schicksal, um in der Mythologie zu bleiben, dem griechischen Heros noch eine 13. Aufgabe an die Hand zu geben: die Bewältigung der Corona-Krise.

Besonders für die Abschlussklassen beginnt gerade die ganz heiße Phase. In diesen Tagen stünden am BTA eigentlich zahlreiche Prüfungen an. Doch wo es irgendwie geht, werden sie verschoben. Eine Verlängerung des Lockdowns, wie sie in dieser Woche von Bund und Ländern beschlossen wurde, sorgt – bei Schülern und Lehrern – nicht gerade für Entspannung. Wie die nächsten Monate verlaufen, entscheidet bei vielen Jugendlichen über die (berufliche) Zukunft.

Trotz schwieriger Situation keine Schwarzmalerei

Doch Ulrich Kipp und sein Team sträuben sich dagegen, nun Schwarzmalerei zu betreiben. „Natürlich ist die Situation nicht einfach. Ich bin, wie viele meiner Kollegen, ein Verfechter des Präsenzunterrichts. Aber wir sind auch Techniker. Und die finden immer irgendwie Lösungen“, sagt der Schulleiter. Trotz Mund-Nasen-Schutz zeichnet sich in seinem Gesicht ein Lächeln ab.

Eine vergleichbare Situation wie die Corona-Krise hat Ulrich Kipp in seinen sieben Jahre an der Schule noch nicht erlebt.
Eine vergleichbare Situation wie die Corona-Krise hat Ulrich Kipp in seinen sieben Jahre an der Schule noch nicht erlebt. © Johannes Schmittmann © Johannes Schmittmann

Er zählt auf, was bisher gut funktioniert hat. „Wir haben im Frühjahr 2020 ein Hygienekonzept entwickelt, mit dem man gut arbeiten kann. Später haben wir immer wieder Modifizierungen vorgenommen, weil sich manche Dinge erst im Betrieb zeigen.“ Kipp ist der Überzeugung: „Wir können sicheren Präsenzunterricht ermöglichen.“ Als Bestätigung verweist er auf die niedrige Zahl der Coronainfektionen an seiner Schule. Und das, obwohl trotz Lockdowns teilweise 400 Schüler im Präsenzunterricht waren. Allesamt aus Abschlussklassen, für die eine Sonderregelung gilt.

„Der Unterricht ist nicht das Problem“

Trotzdem hält der Schulleiter den Lockdown aktuell für richtig: „Die Zahlen sind zu hoch. Der Unterricht ist nicht das Problem, aber das Drumherum. Auf dem Schulweg und in den Pausen gibt es Kontakte, die wir derzeit vermeiden müssen.“ Und so hat sich im Laufe der Zeit der „Verfechter des Präsenzunterrichts“ mit der digitalen Alternative immer mehr angefreundet. Das liegt auch daran, dass nichts von 0 auf 100 gehen musste.

„Wir arbeiten in manchen Bereichen – zum Beispiel bei der Mediengestaltung – schon lange sehr digital. Breitbandanschluss und W-Lan gehören für uns seit Ewigkeiten zum Standard“, so Ulrich Kipp. Aktuell wartet man – genau wie viele andere Schulen – noch auf mobile Endgeräte, mit denen zunächst die Lehrer ausgestattet werden sollen. Als weiteren Erfolgsfaktor bezeichnet der Schulleiter die klaren Strukturen. Auch beim digitalen Unterricht sollen sich die Klassen an den Stundenplan halten. „Es gibt feste Termine für die Videokonferenzen. Das gibt dem Ganzen mehr Struktur.“

Schwächen des Distanzunterrichts offengelegt

Obwohl Ulrich Kipp alles möchte, nur nicht wehklagen, benennt er auch die klaren Schwächen des Distanzunterrichts. „Die Spannbreite der Schülerschaft an einem Berufskolleg ist mit anderen Schulformen nicht zu vergleichen. Die Jüngsten sind 15, die Ältesten über 40.“ Eine weitere Besonderheit: rund 90 Prozent der Schüler sind männlich.

Die große Sorge des Schulleiters: „Es bleiben zwangsläufig einige auf der Strecke.“

Besonders hat sich das gezeigt, als vor den Sommerferien 2020 vom Schulministerium die Ansage kam, dass im Distanzunterricht keine Noten verteilt werden dürfen und auch das „Sitzenbleiben“ ausgesetzt wurde. „Wenn neben dem persönlichen Kontakt auch noch die Verbindlichkeit fehlt, entscheiden sich Jugendliche manchmal dann doch lieber dafür, die Nacht am Computer durchzuzocken, statt morgens den Unterricht zu besuchen“, sagt Kipp.

Schwierige Zeiten für Internationale Förderklasse

Vor noch größeren Problemen stünden die Schüler der Internationalen Förderklasse. Viele von ihnen haben noch Sprachdefizite, die eigentlich im Unterricht ausgebessert werden sollen. „Vor dem Laptop ist es schwierig, in diesem Bereich Fortschritte zu erzielen. Auch die sozialen Kontakte, durch die man eine Sprache ebenfalls schneller lernt, fehlen weitgehend“, berichtet der BTA-Schulleiter.

Damit die Schüler auch in dieser schwierigen Zeit nicht mit ihren Sorgen alleine sind, hat man am Berufskolleg für Technik von Anfang an die beiden Schulsozialarbeiter mit ins Boot geholt. Obwohl seit dem neuerlichen Lockdown nur an die virtuelle Tür geklopft werden kann, ist die Arbeit der Sozialpädagogen nicht weniger geworden. Für Ulrich Kipp ein Zeichen dafür, dass die Abläufe an seiner Schule trotz Distanz funktionieren.

Sein Wunsch für die Zukunft hätte vor einem Jahr noch sehr bescheiden geklungen: „Ich hätte gerne wieder einen ganz normalen Schulalltag.“ Und dann fügt er hinzu: „Aber bis es so weit ist, schaffen wir das schon. Ich bin und bleibe Optimist.“ Herkules lässt grüßen.

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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