Hildegard Hemling hat mit 60 Abitur gemacht – und kann es nur empfehlen

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Es war ein ereignisreiches Frühjahr 2020 für Hildegard Hemling. Pfingsten hat sie ihren 60sten gefeiert, im Mai ist sie zum ersten Mal Großmutter geworden. Und dann hat sie Abitur gemacht.

Ahaus

, 06.07.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es war im Jahr 2016. Die Zwillinge, die jüngsten der vier Söhne von Hildegard Hemling, waren auch aus dem Haus. Ihr fiel die Decke auf den Kopf. „Irgendwas musst Du machen“, stand damals für die 56-Jährige fest. Vier Jahre später ist die Ahauserin nicht nur 60 geworden und durfte sich über die Geburt ihres ersten Enkelkindes freuen. Sie hat auch das Abitur bestanden.

Mit dem Sohn und den Zeugnissen zum Beratungsgespräch

Hildegard Hemling muss lachen, wenn sie an einige Situationen denkt. Zum Beispiel an die Sprechstunde des Driland-Kollegs, die in der Zweigstelle im Gebäude der VHS Ahaus stattfand. Ihr Sohn, damals 23 Jahre, hatte sie begleitet. Der Berater erzählte und erzählte, und sagte dann: „Ja, Junge, dann hol‘ mal Dein Zeugnis raus“. Und dann holte Hildegard Hemling ihre Papiere raus.

Einige Tage später fing der Unterricht an. Hildegard Hemling hatte sich kurzfristig ein Herz gefasst, beim Kolleg in Gronau angerufen und sich bei der Sprechstunde erst mal vergewissert, dass auch noch ein Platz frei war. „Und dann saß ich in meiner Grundschulklasse“, erzählt die Ahauserin schmunzelnd. Dort, wo sie eingeschult wurde, verbrachte sie auch das erste Jahr als Abendgymnasiastin: in der ehemaligen Bernsmannskampschule. „Ich habe einiges wiedererkannt.“

Die Zeit war lehrreich, spannend – und auch anstrengend

Vier Jahre später hält sie ihr Abiturzeugnis in den Händen und kann auf eine spannende, erlebnis- und lehrreiche Zeit zurückblicken. Und auf eine anstrengende, das will die Abiturientin überhaupt nicht verhehlen. Aber die Arbeit hat sich für Hildegard Hemling gelohnt: „1,2 – Eins, Zwei“ steht beim Notendurchschnitt. Die Ahauserin hat als Jahrgangsbeste abgeschnitten.

Wie hat sie das geschafft – nach so vielen Jahren, in der die Familie und der Haushalt gemanagt werden mussten, sie ihrem Mann, der Unternehmer ist, den Rücken frei hielt und das klassische „Lernen“ – bis auf einen Computerkurs – zurückgefahren war? „Ich habe mich selbst gewundert, dass das so gut geklappt hat“, blickt die 60-Jährige zurück. Sie denkt, dass es an mehreren Dingen liegt: (Lebens)-Erfahrung, Fleiß und Ehrgeiz. „Als Abendgymnasiastin hätte ich keine Hausaufgaben machen müssen, ich habe sie aber gemacht.“

Das Driland-Kolleg

  • Die Anmeldung zu allen Bildungsgängen und zum Erwerb aller Schulabschlüsse ist ab sofort möglich.
  • Nebenstelle Ahaus des Driland-Kollegs: Vagedestr. 2, Tel. 02561 (42 97 173), E-Mail ahaus@driland-kolleg.de

Mathe machte ihr keine Angst. „Ich bin ein Zahlenmensch.“ Sie musste ihre Englisch-Kenntnisse auffrischen, Niederländisch als zweite Fremdsprache neu lernen und entdeckte viel Freude an Fächern wie Philosophie und Soziologie. Jeden Vormittag ging es zur Schule, nachmittags standen die Hausaufgaben an und am Wochenende wurde gelernt, wenn montags eine Klausur anstand. Und in den Ferien war auch nicht nur Freizeit.

Die Unterlagen aus dem Computerkurs herausgeholt

Erst war der Unterricht in Ahaus, später in Gronau. „Und plötzlich musste ich Power-Point-Präsentationen machen“, erzählt die 60-Jährige schmunzelnd. „Da habe ich meine Unterlagen von dem Computerkurs wieder herausgeholt.“

Ihr erstes Ziel – „aber eigentlich war der Weg das Ziel“, betont Hildegard Hemling – war ursprünglich das Fachabitur. Ihr Notendurchschnitt von 1,0, aber auch die Freude am Lernen motivierten sie dann, die acht Monate zum Vollabitur draufzupacken. Gerade das letzte Schuljahr, gibt die Ahauserin zu, war anstrengend.

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Mathe, Deutsch, Englisch, Geschichte, Soziologie und Philosophie waren ihre Fächer. Und dann kam Corona. Online-Unterricht kurz vor den Prüfungen. Sie und ihre 20 Mitstreiter – der älteste Mitschüler zu Beginn war übrigens 25 – meisterten die Situation und die zentrale Abiturprüfung. Wegen der Corona-Pandemie wurde das Zeugnis bei einer Open-Air-Feier auf dem Schulhof überreicht.

„Das, was man da lernt, muss man mitnehmen“

Nun hält Hildegard Hemling ihr Zeugnis in der Hand. „Der einzige Wermutstropfen ist, dass man jetzt keinen Beruf mehr ausüben kann mit dem Abi“, sagt sie. Aber mal sehen: „Ein Jahr mache ich Pause und dann überlege ich.“ Sie kann nur jedem empfehlen, zu lernen: „Das, was man da lernt, muss man mitnehmen“, sagt die Ahauserin überzeugt.

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