100 Jahre alte Karussellpferdchen warten im Packwagen auf ihren Auftritt

dzAhauser Kirmes

Mit Hully Gully, Twister und Co. ist die Ahauser Schaustellerfamilie Scheffer auf Jahrmärkten unterwegs. Doch eine nostalgische Liebe gehört den historischen Karussellpferdchen.

von Marita Brinkmann-Theile

Ahaus

, 07.09.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Kinderkarussell ist meist das erste Fahrgeschäft, mit dem ein Mensch fährt. Manch heutige Großeltern oder Eltern erinnern sich sicherlich an Zeiten, als sie selbst mit leuchtenden Kinderaugen die Zügel eines Karussellpferdchens in der Hand hielten. Wie schön es doch wäre, mal wieder ein bezauberndes Karussellpferdchen besteigen zu können. Das jedoch ist in Ahaus bereits seit Jahrzehnten nicht mehr möglich.

Das wunderschöne Plakat zur diesjährigen Ahauser Kirmes, auf welchem sich elegante Karussellpferde tummeln, ließ Hoffnung aufkeimen. Fehlanzeige: Es gibt kein Pferdchenkarussell für die Ahauser Kinder. Doch so ganz stimmt das nicht. In einem Packwagen der Ahauser Schausteller-Familie Scheffer schlafen die Pferdchen samt Karussell und wären glücklich, wieder zur Freude der Kinder und Erwachsenen ihre Runden drehen zu dürfen.

Handgeschnitzt und handbemalt

Ein allerliebstes Exemplar der Spezies Karussellpferdchen erwartet bei Familie Scheffer den angekündigten Besuch – ein kleines Juwel, nahezu 100 Jahre alt. Der Korpus des Pferdchen besteht aus Holz, ist handgeschnitzt und handbemalt. Jedes sieht anders und sehr gepflegt aus und glänzt in seinen Originalfarben und mit echtem Rossschweif wie neu. Zärtlich streicht Chiara, die Tochter des Chefs, mit der Hand über das Pferdchen.

100 Jahre alte Karussellpferdchen warten im Packwagen auf ihren Auftritt

Die 85-jährige Anna-Luise Scheffer wohnt in einem luxuriös eingerichteten Wohnwagen, reist aber nicht mehr mit. © Marita Brinkmann-Theile

Dann bittet die 85-jährige Grande Dame der Schausteller-Dynastie, Anna-Luise Scheffer, zum Kaffee in ihren luxuriös eingerichteten Wohnwagen mit ausfahrbarem Erker, ihren „Camping“ in der Schaustellersprache. Sie reist zwar nicht mehr mit, ist aber mit ihrem glasklaren Verstand eine sprudelnde Quelle der Familien- und Kulturgeschichte der Schaustellerei und natürlich der Karussellpferdchen.

100 Jahre alte Karussellpferdchen warten im Packwagen auf ihren Auftritt

Ein Bild aus alten Tagen von der Ahauser Kirmes © privat

„Bereits als ich meinen vor elf Jahren verstorbenen Mann Rudolf kennenlernte, gehörte das alte Karussell des Schwiegervaters zum Geschäft.“ Lola, wie sie von allen genannt wird, stammt selbst aus einer Schaustellerfamilie und lebte nach ihrer Heirat mit Mann und fünf Söhnen in Lemgo. Bis 1978 reisten sie mit der Raupe, Spielautomaten und eben dem Pferdchenkarussell auf die Jahrmärkte und Kirmessen.

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Viele Rundfahrgeschäfte betrieben

„1978 kam dann der Mack Musik-Express, den so um 1990 unser Sohn Anton übernahm. Seit 1981 leben wir in Ahaus, zahlen unsere Steuern und sind Ahauser, haben Haus und Grund und viel Platz für unsere Campings und Packwagen. Wir haben meist Rundfahrgeschäfte betrieben: Hully Gully, den Twister, Raupe, Round up und immer ein Kindergeschäft. Das liebste waren mir immer die Pferdchen. Sogar für die Fernsehwerbung einer Versicherung wurde es mal gebucht.“

Zwischenzeitlich gesellte sich auch Schwiegertochter Andrea (48) hinzu. „Sie ist „privat“, erklärt Schwiegermutter Lola, „also nicht aus einer Schaustellerfamilie, woran wir uns erst gewöhnen mussten.“ Aber Andrea Scheffer kennt sich aus: „Solch ein altes Fahrgeschäft wie unser Pferdchenkarussell bezeichnen wir als ‚Bodenmühle‘. Sie besitzt einen Salzwasseranlasser. Je tiefer zwei Eisen in ein stromleitendes Fass mit Salzwasser gehängt werden, um so schneller dreht sich das Karussell. So war immer ein sanftes Anlaufen gewährleistet.“

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„Auf die Bodenmühle kommt dann der Besatz, also die Pferde“, wirft Lola ein. Und wodurch erfolgt das Rauf und Runter der Pferdchen? Andrea lacht: „Das geschieht mit Hilfe einer Kommissionsstange und einem Schaukelmechanismus.“

Es wird Abwechslung gefordert

Wie bedauerlich, dass solch ein historisches Prunkstück eingelagert werden musste, weil auf den heutigen Kirmessen andere Angebote erforderlich geworden sind.

„Bei der Vielzahl der verschiedenen Fahrzeuge auf einem Kinderkarussell wollen die Kinder gerne bei jeder Runde ein anderes Auto fahren. Im Sommer reicht der Betrieb eines Pferdchenkarussells einfach nicht aus“, kommentiert Anton Scheffer, seit 27 Jahren Inhaber und Manager des Traditionsunternehmens.

Er sagt weiter: „Wir bieten inzwischen ein Kinder-Sportkarussell an, das mein Bruder Willi führt, weil die wirtschaftliche Lage für uns Schausteller einfach schlechter geworden ist. Wir haben zu kämpfen. Dazu tragen nicht nur steigende Kosten bei. Es gibt einfach auch weniger Kinder.“

Kein Platzvorteil als Ahauser

„Auch als Ahauser genießen wir keinen Platzvorteil bei der Kirmes. Es gibt immer gute und schlechte Plätze. Sie werden vom Veranstalter dem Beschicker zugewiesen. Niemand hat aufgrund eines Vertrages ein Anrecht auf einen bestimmten Platz. So musste damals auch das Pferdchenkarussell vor der Marienkirche weichen. Auch das Sponsoring seitens der Stadt Ahaus entfiel.“

Dennoch: Familie Scheffer hält die Tradition hoch: Nico Scheffer (26) ist mit Leib und Seele Schausteller und wird wohl einmal das Geschäft des Vaters übernehmen. Die 19-jährige Chiara Scheffer ist im Besitz des Fachabiturs und hat jüngst in Ahaus mit der Ausbildung zur Erzieherin begonnen. Aber auch sie liebt das Geschäft ihrer Familie und besonders das Kinderkarussell mit den Pferdchen: „Es wäre wunderbar, wenn darauf wieder Kinder reiten könnten.“

Unverwechselbarer Charme

Dass auch das Schaustellergewerbe eine Kultur- und Sozialgeschichte besitzt und bereits vor Jahrhunderten unsere Kulturlandschaft bestimmte und belebte, ist den wenigsten Menschen bewusst. Zu den Zeitzeugen dieser uralten Geschichte zählen auch die Pferdchenkarussells und es ist zu schade, wenn sie immer mehr verschwinden oder nur noch als billige Kunststoff-Repliken oftmals im Kleinformat, auftauchen.

Früher war das Pferdchenkarussell der Familie Scheffer ein prägendes Element des Ahauser Weihnachtsmarktes. Und immer noch gäbe es die Möglichkeit, die Pferdchen in der Vorweihnachtszeit ins rechte Licht bei „Ahaus leuchtet auf“ zu setzen. Denn mit dem Charme eines alten Pferdchenkarussells vermag in der Vorweihnachtszeit keines der modernen Fahrgeschäfte zu konkurrieren. Denn dabei dürften sicherlich auch die Augen unserer medienverwöhnten Kinder noch aufleuchten.

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