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Interview mit Stadtlohner Nachtwächter

Nachtwächter erhellt Stadtlohns Stadtgeschichte

Stadtlohn Über 9000 Menschen hat Bernhard Uepping als Nachtwächter durch die Vergangenheit der Stadt Stadtlohn geführt. Dabei scheut er weder dunkle Gassen, noch die dunklen Kapitel der Geschichte.

Nachtwächter erhellt Stadtlohns Stadtgeschichte

Bernhard Uepping in seinem Element: als Nachtwächter mit Hellebarde, Laterne und dem über hundert Jahre alten Signalhorn der Feuerwehr. Grothues Foto: Stefan Grothues

Hört ihr Leut und lasst euch sagen: Unsere Uhr hat eins geschlagen!“ Über Jahrhunderte hinweg sorgten Nachtwächter in der Dunkelheit für Ruhe und Ordnung, tuteten zur vollen Stunde das Horn und sagten die Zeit an. Vor allem aber warnten sie vor Feuer. Seit zehn Jahren gehört der Nachtwächter wieder fest zum Stadtbild dazu. Bernhard Uepping führt Besucher in die verwinkelten Gassen der Geschichte – und lässt dabei auch die dunklen nicht aus. Redakteur Stefan Grothues sprach mit dem Nachtwächter aus Leidenschaft.

Hat es in Stadtlohn eigentlich wirklich einen Nachtwächter gegeben?

Na, selbstverständlich! Vom letzten Stadtlohner Nachtwächter gibt es sogar noch Fotos: Hermann Demes war bis 1923 in der Stadt als Nachtwächter unterwegs. Zu seinen Verpflichtungen zählte das Anzünden der Gaslaternen. Alle Stadtlohner kannten ihn damals. Er war ein echtes Original. Er hat als Baiermann auch die Glocken in St. Otger geläutet und als Ausrufer mit Handglocke die Bekanntmachungen des Bürgermeisters in der Stadt vorgetragen. Alle diese Aufgaben hatte er von seinem Vater geerbt.

Nachtwächter erhellt Stadtlohns Stadtgeschichte

Hermann Demes war bis 1923 in der Stadt als Nachtwächter unterwegs.

Und wie kamen Sie dazu, der Figur des Nachtwächters neues Leben einzuhauchen?

Vor gut zehn Jahren haben wir im Verkehrsverein überlegt, in Stadtlohn mal etwas Neues anzubieten. Kurz zuvor hatte Hermann Volmer in Ahaus Nachtwächter-Rundgänge aus der Taufe gehoben. Wir haben gedacht, das ist ein guter Weg, Menschen die Heimatgeschichte näher zubringen. Und ich habe gesagt: „Ich mach das.“

Seit neun Jahren erhellen Sie mit der Handlaterne die Stadtlohner Stadtgeschichte – und das Publikumsinteresse reißt nicht ab. Haben Sie damit gerechnet?

Ich muss keine Werbung machen, das ist wunderbar. Über 9000 Menschen haben sich schon von mir durch die Stadt führen lassen. Die Mundpropaganda funktioniert. Dass die Nachtwächter-Rundgänge ein solch großer Erfolg werden, damit konnten wir nicht rechnen. Manche gehen auch zwei- oder dreimal mit. Dann frage ich: „Was willst du denn schon wieder hier?“ Dann sagen die: „Du erzählst ja jedes Mal etwas anderes!“

Nachtwächter sind seit alters her Heimatschützer. Empfinden Sie sich als Heimatgeschichtenschützer?

Unbedingt. Es war mir immer schon ein wichtiges Anliegen, die Geschichte hochzuhalten, auch, als ich vor 43 Jahren den Heimatverein mitbegründet habe. Mein Motto war: „Colligite fragmenta temporum, ne pereant!“ Sammelt die übrig gebliebenen Stücke der Zeit, damit sie nicht verloren gehen!

Welche Leute nehmen denn an den Nachtwächterrundgängen teil?

Querbeet alle! Junge Menschen, alte Menschen, Schulklassen, Lehrerkollegien, Kegelklubs, Vereine, Nachbarschaften, Familien. Und manchmal sind auch Doktoren und Professoren darunter. Und ich denke mir dann: „Na, was sollst du denen bloß erzählen?“ Am Ende kommen die dann zu mir und bedanken sich für die tolle Führung. Und wenn mal einer etwas besser weiß als ich, dann beziehe ich den immer mit ein. So lerne auch ich immer wieder etwas Neues.

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Heimatgeschichte ist nicht jedermanns Sache. Wie schaffen Sie es, das Interesse zu wecken?

Es geht nicht nur um Informationen. Oft sagen Bilder mehr als 1000 Worte. Darum zeige ich auch historische Fotografien und die Bilderausstellung in der Kirche. Die Figur des Nachtwächters an sich ist ja auch ein Bild der Geschichte. Ich trage Gedichte vor, spreche mal Plattdeutsch oder singe auch. Da hören die Leute einfach gebannt zu. Und wenn mal in der letzten Reihe jemand schwätzt, dann tadele ich nicht. Ich gehe aber näher zu ihnen hin, sodass sie merken: „Wir werden ja direkt angesprochen.“

Welche wichtigen Kapitel der Stadtgeschichte wollen Sie auf jeden Fall vermitteln?

Die Stadtlohner Pfarrei gehört zu den vier ältesten im ganzen Bistum. Vor 800 Jahren missionierten hier der heilige Liudger und der heilige Otger. 800 Jahre später wurde bei der Schlacht im Lohner Bruch Geschichte geschrieben, als über 50.000 Soldaten über den Düwing Dyk marschierten. Nach dem Sieg der Kaiserlichen Truppen wurde sogar eine Straße in München in der Nähe des Nymphenburger Schlosses in „Stadtlohner Straße“ benannt.

Dunkle Gassen fürchtet der Nachtwächter nicht. Wie sieht es mit den dunklen Kapiteln der Stadtlohner Geschichte aus?

Die gehören dazu, die darf man auf keinen Fall auslassen. Das dunkelste Kapitel haben wir ja in der jüngeren Geschichte erlebt. Ich selbst kann mich noch daran erinnern, als wir im Luftschutzkeller saßen und die Bomben auf die Stadt fielen. Oder als am Abend des 21. März der Kirchturm wie eine Fackel brannte und dann in sich zusammensackte. Zur geschichtlichen Wahrheit gehört aber auch, dass Stadtlohn eine Nazi-Hochburg war, dass es auch hier einen Klein-Goebbels gab. Ich nenne auch die Namen der Funktionsträger, aber nicht die der Mitläufer. Ich will ja nicht richten, das ist nicht meine Aufgabe.

Sie sind ein leidenschaftlicher Stadtlohner, obwohl Sie in Ahaus leben …

… Viele wollen das gar nicht glauben, dass ich nicht in Stadtlohn wohne. Aber hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich 45 Jahre gearbeitet, hier habe ich mich engagiert, hier bin ich verwurzelt. Aber man soll ja den Heimatbegriff nicht zu eng fassen. Ich bin Stadtlohner, Ahauser, Münsterländer, Deutscher – und ich bin Europäer …

… und also auch ein Verfechter der doppelten Stadtangehörigkeit …

(lacht) Unbedingt!

Was macht am Ende Heimat und Heimatgeschichte für Sie aus?

Heimat ist mehr als nur der Geburtsort. Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle, wo ich mich einbringen kann, wo ich verstanden werde. Heimatgeschichte muss mehr sein als Gefühlsduselei nach dem Motto „Früher war alles besser.“ Das war es ja gar nicht. Aus der Geschichte müssen wir etwas lernen. Zum Beispiel, dass wir jetzt seit 73 Jahren Frieden haben, dass wir auf sehr hohem Niveau klagen können, dass es uns eigentlich sehr gut geht. Dass wir eigentlich auch mal dankbar sein können und hoffen, dass auch in anderen Ländern Frieden einkehren möge.

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