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Selmer Kirchturm soll Kletterturm werden

Klettern am Kirchturm

Aus dem Kirchturm der ehemaligen St. Josef-Kirche in Selm soll ein Kletterturm werden. Etwa zehn Meter hoch könnte es dann für Kletterer gehen. Noch im Herbst könnte es soweit sein, wenn das Bistum Amen sagt.

Selm

von Sylvia vom Hofe

, 04.06.2018
Selmer Kirchturm soll Kletterturm werden

Der Kirchturm ist übrig geblieben von der abgerissenen Kirche St. Josef. Jetzt steht ihm eine neue Karriere bevor. © Foto: Sylvia vom Hofe

Als am 29. Juni 1924 die Bauarbeiten für die katholische Kirche St. Josef an der Kreisstraße begannen, war Klettern weit davon entfernt, Volkssport zu sein. Erst recht Fassadenklettern. Und an die Möglichkeit, in der Freizeit den Kirchturm von außen hinaufzuklettern, haben Kaplan Bruns und die anderen, die vor 94 Jahren Spenden für die neue Kirche gesammelt hatten, bestimmt keinen Gedanken verschwendet. Im Herbst 2018 könnte genau das möglich werden.

Der Blick wandert die rote Klinkerfassade hoch. „Bis zur ersten Glockenöffnung“, sagt Pfarrer Claus Themann. So hoch könnte die Kletterwand reichen. „Das sind etwa zehn, elf Meter.“ So hoch hinaus dürfte es nur gehen mit entsprechender Begleitung und Sicherung.

„Die ersten drei Meter wollen wir aber als Übungsbereich freigeben. Dort dürften Kletterer, auch ohne per Seil gesichert zu sein, Griffe und Schritte an der kirchlichen Steilwand üben. Denn sie würden nicht – wie es heute noch ist – auf harten Asphalt fallen, sondern auf einen weichen Spezialboden – vorausgesetzt, alles läuft so, wie die Kirchengemeinde St. Ludgerus es sich wünscht. Zurzeit sieht es dafür aber ganz gut aus.

Sieg im Volksbank-Voting

Wie groß die Unterstützung für das Kletterturm-Projekt ist, haben Pfarrer Themann und die anderen Initiatoren gerade erst erfahren: Die Volksbank hatte zur Abstimmung über förderwürdige Projekte aufgerufen. Die meisten Stimmen – und damit die größte Spende im Wert von 5000 Euro – hatte der Turm bekommen: fast ein Fünftel der Gesamtkosten in Höhe von 26.000 Euro.

„Ich freue mich riesig über diesen Zuspruch“, sagt Philipp Jünemann von den Selmer Pfadfindern. Sie hatten die Idee zum Kletterturm. Und die war ihnen mit Blick auf die Bedeutung des Anbaus gekommen, der neben dem Kirchturm entsteht.

Von der am 14. Dezember 1924 eingeweihten Kirche St. Josef ist dort nichts mehr zu sehen. Das Kirchenschiff, das zuletzt immer weniger Gläubige besucht hatten, war vor eineinhalb Jahren abgerissen worden.

Pfarrzentrum und Kletterturm

An seine Stelle lässt die Kirchengemeinde zurzeit ein neues Pfarrzentrum bauen: „Mit jugendpastoralem Schwerpunkt“, wie Jünemann betont. Der Kletterturm könnte diese Hinwendung auf junge Menschen gleich von Weitem deutlich machen.

„Wir wollen, dass beides noch in diesem Jahr gleichzeitig fertig wird“, sagt Claus Themann: Pfarrzentrum und Kletterturm. Allerdings: Noch fehlt für den Turm das letzte OK – oder das letzte Amen: „So sei es!“ – des Bistums Münster. Einen Kirchturm zum Kletterturm zu machen: Das wäre für die katholische Kirche ein Leuchtturmprojekt. „Ich kenne keine andere Gemeinde“, sagt Themann.

Abseilaktionen in Münster

Die Jugendkirche effata an der Neubrückenstraße in Münster habe zwar bereits Abseilaktionen vom Kirchturm gemacht: Aber eine dauerhafte Klettereinrichtung, wie Selm sie plant, gebe es auch dort nicht. Diesen Lückenschluss sieht Themann als wichtig im Sinne der Erlebnispädagogik, die die Arbeit in der Jugendpastoral präge. „Kletterer können dort etwa erleben, wie sichtig es ist, sich gehalten fühlen zu dürfen.“ Etwas, das auch den Glauben ausmacht. Das Bistum hatte sich am Montag gegenüber unserer Redaktion nicht geäußert.


Kommentar von Redaktuerin Sylvia vom Hofe:

„Kletterturm wäre ein echter Gewinn“

Wenn es um Glauben geht, fehlen oft die passenden Worte. Manchmal helfen Bilder und Musik. Ganz bestimmt aber auch Klettergriffe und Seile. Wer einmal die Kirchturmwand hochsteigt, braucht ja nicht gleich an den Weg in den Himmel zu denken. Er oder sie muss auch nicht als gläubiger Mensch wieder hinabkommen, aber bestimmt als jemand, der weiß, dass ihm mit Vertrauen auf sich selbst und auf andere neue Wege offen stehen. Dass es ein Gewinn ist, sich einen Ruck zu geben. Dass es sich lohnt, die Perspektive zu wechseln – alles Erfahrungen, die nicht nur für junge Menschen wertvoll sind. Ich freue mich auf den Kletterturm – auch weil er den Blick auf den Josefs-Kirchturm verändern wird. Er wäre dann nicht mehr trauriges Andenken an eine zu Ende gegangene Ära, sondern starkes Symbol des Aufbruchs.