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Das große Krabbeln in Selm

Maikäfer fliegen wieder

Selm Wer in der Abenddämmerung radelt, hält zurzeit besser den Mund. Denn Maikäfer können nicht so schnell ausweichen. Und die Zeiten, als die einst besungenen Sumsemänner noch als Leckerbissen galten, sind vorbei. Eine Spurensuche aus persönlichem Blickwinkel, die sich aufgedrängt hat.

Maikäfer fliegen wieder

Flugkünstlerr sind Maikäfer nicht. Dieses Exemplar lag nach der Kollision mit der Regenrinne auf dem Rücken. Die helfende Hand, die ihn umgedreht hat, will der Sumsemann erst gar nicht verlassen. Foto: Foto: Sylvia vom Hofe

Auch wenn Juli Zeh noch so mitreißend schreibt: Über die Lektüre ihres Romans „Nullzeit“ sind mir irgendwann die Augen zugefallen. Die stumme Alptraumwelt der Tiefsee zwischen den Buchdeckeln entwickelt im Schlaf ein bedrohliches Eigenleben: Fischschwärme schießen vorbei, Kraken strecken ihre Tentakeln aus und Stachelrochen schießen laut brummend in die Höhe. Laut brummend? Unter Wasser? Da meldet selbst das träumende Unterbewusstsein Zweifel an. Ich erwache – aber es brummt immer noch.

Brauner Einbrecher

Nicht 20 Meter unter der Wasseroberfläche, sondern zweieinhalb Meter unter der Schlafzimmerdecke – und damit unmittelbar vor meiner Nase: ein drei Zentimeter großer, brauner Einbrecher., der vor Anstrengung brummt. Nicht das einzige ungewöhnliche Geräusch. „Plong. Plong. Peng.“ Alle paar Augenblicke klopft es draußen an der Regenrinne: Chitinpanzer auf Kupfer. Inzwischen selbst hellwach werde ich Zeugin eines besonderen Frühlingserwachens. Die Maikäfer sind da.

Sie sind alles andere als Flugkünstler. Erst recht nicht, wenn sie noch gar keine Gelegenheit hatten zum Üben und gerade erst aus dem Boden gekrochen sind, geweckt vom warmen Aprilwetter. Wo genau, werden kleine Löcher im trockenen Blumenbeet am nächsten Morgen verraten. Verzweifelte Versuche, taumelnd das erste Hindernis auf dem Weg zum nahrhaften Laubwald zu überwinden: das Hausdach mitsamt Dachrinne und meinem geöffneten, hell erleuchteten Schlafzimmerfenster.

Sorge und Freude

Das Konzert aus Brummen und Plong macht Waldbauern in Hessen bereits Sorgen, wie ich am nächsten Tag erfahre. Von einem Hauptflugjahr der Maikäfer ist beim dortigen Waldbesitzerverband schon die Rede. Und von hohen Schäden.

Klaus Klinger, Leiter der Biologischen Station in Bergkamen-Heil, die für den Kreis Unna und Dortmund zuständig ist, widerspricht am Telefon. Ob 2018 ein ausgesprochenes Maikäferjahr werde, wie es nur alle paar Jahre vorkomme, lasse sich noch gar nicht sagen.

Maikäfer fliegen wieder

Wenige Wochen bleiben, um zu fressen und sich fortzupflanzen. Foto: picture alliance / dpa

Und selbst wenn: „Es ist in jedem Fall eine normale Populationsdynamik.“ Nichts, das Sorgen machen müsste. Ganz im Gegenteil. Angesichts des dramatischen Artensterbens sei das Käferbrummen doch etwas Schönes, sagt der Diplom-Biologe. Die Zeiten, als Maikäfer in unseren Breiten eine bedrohliche Plage waren, seien in jedem Fall längst vorbei.

„Kritze, kratze“

Max und Moritz haben sie erlebt. „Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei. / In den Bäumen hin und her / Fliegt und kriecht und krabbelt er“, heißt es im fünften Streich der Lausbubengeschichten von Wilhelm Busch.

Maikäfer fliegen wieder

„Max und Moritz“, hier eine Erstausgabe von 1865, haben Maikäfer für einen ihrer Streiche missbraucht. Foto: picture alliance / dpa

Obwohl die gereimte Erzählung mehr als 150 Jahre alt ist, ist noch weitgehend bekannt, wie die vom Baum geschüttelten und heimlich versteckten Käfer beim armen Onkel Fritze für ein böses Erwachen sorgten: „Doch die Käfer, kritze, kratze / kommen schnell aus der Matratze“. Verglichen damit, ging es mir mit einem einzigen Käfer im Schlafzimmer noch gut. Ihm übrigens auch: Denn während Onkel Fritz das „Ungetier“ samt und sonders totschlägt, erhält mein unfreiwilliger Gast freies Geleit nach draußen.

Maikäfersuppe

Wäre der Onkel ein Gourmet seiner Zeit gewesen, hätten die Käfer womöglich ein anderes Schicksal erlitten. 30 Exemplare reichen schon, um eine alte Spezialität für vier Personen zu kochen: Maikäfersuppe.

Von wegen Dschungelcamp. Das Rezept nennt mir das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) in Bonn-Duisdorf: immerhin das Kompetenz- und Kommunikationszentrum für Ernährungsfragen in Deutschland. Es verweist auf das Magazin für die Staatsarzneikunde aus dem Jahr 1844: „ein vortreffliches und kräftiges Nahrungsmittel“. Und so wird es gekocht: „Vor der Zubereitung wäscht man die Käfer und entfernt die hornartigen Flügel und Beine. Anschließend werden sie mit einem Mörser zerstoßen, in heißer Butter angeröstet und in einer Fleischbrühe gekocht. Die Suppe wird vor dem Essen passiert und mit etwas Mehlschwitze und Eigelb gebunden.“ Das Ganze soll wie Krebssuppe schmecken. Zu einer Empfehlung, das proteinreiche Gericht nachzukochen, versteigen sich die obersten Ernährungsfachleute der Nation aber dann doch nicht: Die Insektenmahlzeit habe bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in Nordhessen und Thüringen auf dem Speiseplan gestanden – also zu einer Zeit, als Maikäfer noch zahlreich waren, bekämpft werden mussten – oder aufgegessen.

Insektensterben

Karl-Heinz Jelinek, Insektenkundler vom Naturschutzbund (Nabu) NRW, frage ich besser erst gar nicht, nach seinen kulinarischen Vorlieben. Das drastische Insektensterben in Folge einer immer industrialisierten Landwirtschaft und zunehmenden Verstädterung ist dem Erftstädter ohnehin schon auf den Magen geschlagen. Der Maikäferpopulation scheint es zumindest etwas besser zu gehen, sagt er am Telefon. Nachdem der gemütliche Sumsemann aus dem Kinderbuchklassiker „Peterchens Mondfahrt“ in denn 1980er-Jahren schon verschwunden zu sein schien, hätten sich die Bestände der Blatthornkäfer, wie die in drei Arten aufgeteilte Maikäferfamilie heißt, seit den 90er-Jahren erholt, so Jelinek. Der Insektenkundler aus dem Rheinland hat auch das Brummen in den Abendstunden registriert – mit Freude. Aber auch mit Wehmut. Denn er weiß, was die unbeholfenen Krabbler, die zum ersten Mal ihre Flügel aufspannen¨– „fragen Sie mich nicht, wie die bei dem Körperbau überhaupt fliegen können“ – nicht ahnen:

Rund vier Jahre unter Tage

Der größte Teil ihres Lebens liegt in diesem Augenblick bereits hinter ihnen. „Sie lebten etwa drei bis vier Jahre als Larve im Erdreich“ – als sogenannte Engerlinge. Im Herbst schlüpfen daraus die braunroten Käfer, bleiben aber den Winter über noch unter Tage – bis jetzt. Ob Männchen – für Laien nicht zu unterscheiden, für Leute wie Jelinek an längeren Fühlern zu erkennen – oder Weibchen: zwei Dinge gibt es im nur wenige Wochen dauernden Käferdasein zu erledigen: Fressen und Fortpflanzen.

„Das Männchen stirbt sofort nach dem Akt.“ Das Weibchen, das die Eier legt, kann den Frühling noch ein paar Tange länger genießen.

Im Kindergarten

Und sich bestaunen lassen – etwa von den Mädchen und Jungen der Kita „Kleine Strolche“ an der Püttstraße. „Wir suchen die Maikäfer nicht“, sagt Leiterin Susanne Gründken. Aber wenn ein Kind einen Käfer zufällig finde, schauten ihn sich alle mit dem Lupenglas an. Vielleicht lassen sie ihn auch mit seinen sechs Widerhakenbeinchen über die Hand laufen. Sie werden ihn aber nicht besingen. „Klar, kenne ich das Maikäferlied“, sagt Gründken.

Maikäfer fliegen wieder

Im „Liederbuch für die westfälischen Volksschulen“, das 1914 in Dortmund erschienen ist, findet sich das Maikäferlied - zwischen „Seid fröhlich im Grünen“ und „Gott, der Allwissende“. Foto: Foto: Sylvia vom Hofe

Mit den Kindern singe sie es aber nicht. Die anderen Kitas halten es genauso, wie eine Stichprobenumfrage ergibt. Und auch der renommierte Chorleiter Hans W. Schumacher aus Selm hat es nie einstudiert.

Ein Albtraumlied

Mit gutem Grund. Das Wiegenlied nach der Melodie von „Schlaf Kindlein, schlaf“ ist ein einziger Albtraum.

„Maikäfer flieg / Der Vater ist im Krieg / Die Mutter ist in Pommerland / Pommerland ist abgebrannt / Maikäfer flieg.“ Kind und Käfer sind also völlig allein auf der friedlosen Welt: eine traumatische Erfahrung. Der Duisburger Musiker Volksliedersammler Michael Zachcial, der das Volksliederarchiv online betreibt, sieht die Ursprünge des verstörenden Liedes im 30-jährigen Krieg – also vor 400 Jahren. Menschen seiner Generation – Zachcial ist 55 Jahre alt – ist das Maikäferlied noch geläufig. Es stand in Musikbüchern und Liederheften. Heute ist es daraus verschwunden. „Der Mai ist gekommen“, ist mir auch viel lieber, sagt Chorleiter Schumacher: statt Käfer und Krieg grünende Bäume und Wanderlust, statt des einschläfernden Hin- und Herwiegens ein tänzerischer, Sechsachtel-Rhythmus, statt Trauer Fröhlichkeit. „Das singe ich im Frühjahr regelmäßig mit den Kindern.“

Blinder Passagier

Feierabend. „Mai-Käfer-flieg“: Im gleichförmigen Rhythmus des Ohrwurms strampele ich auf dem Fahrrad heimwärts. Plong! Der erste Käfer ist gegen den Helm geflogen. Weitere werden folgen. Ein Käfer ist als blinder Passagier auf meiner Bluse mitgefahren und schafft es bis ins Haus.

Plötzlich sehne ich mich nach der stillen, krabbelfreien Unterwasserwelt in Juli Zehs Taucherroman. Vorm Einschlafen werde ich die nächsten Seiten lesen – bei geschlossenem Fenster.

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