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Gewissheit darüber, wo das eigene Kind ist

Besondere Begräbnisstätte

Auf dem Selmer Friedhof gibt es eine Begräbnisstätte für nicht lebend geborene Kinder. Für Eltern ist sie ein wichtiger Ort der Trauer. Nun soll sie noch weiter vergrößert werden.

Selm

von Malte Bock

, 04.07.2018
Gewissheit darüber, wo das eigene Kind ist

Heiko Leidorf von den Stadtwerken (4.v.r.) hat dem Team der Gruppe Pusteblume die Vergrößerung der Begräbnisstätte vorgestellt. Nora Jost (v.l.), Antonius Sandmann, Iris Graumann, Monika Heitmann, Pastor Andreas Floringer, Elisabeth Sandmann und Josef Althoff sind begeistert. Auf dem Foto fehlt Doris Krug. © Foto Malte Bock

Es ist ein schlichtes Symbol. Zwei Hände aus Stein, die eine Pusteblume aus Edelstahl halten. Die Skulptur steht auf einer Grabstelle auf dem Selmer Friedhof. Auf einer besonderen Grabstelle – einer Begräbnisstätte für nicht lebend geborene Kinder.Seit sieben Jahren gibt es die Initiative „Pusteblume“.

Es ist eine Gruppe aus Mitgliedern der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden. Die Mitglieder setzen sich dafür ein, dass fehlgeborene Kinder in Würde bestattet werden. „Bei Eltern besteht der Wunsch und vor allem das Bedürfnis, zu trauern und Abschied zu nehmen“, erklärt Elisabeth Sandmann den Zweck von „Pusteblume“. Die Mitglieder begleiten die Bestattung. Sie bereiten Texte vor und sind einfach da. Die Eltern sind so nicht alleine. Konfessionelle Unterschiede gebe es bei den Beisetzungen nicht, betont Pastor Andreas Floringer.

Antonius Sandmann weist darauf hin, dass die Eltern, die das Schicksal einer Fehlgeburt erlitten haben, den Mitgliedern der „Pusteblume“ derweil nicht bekannt sind. Alles läuft anonym. Der Kontakt für weitere Gespräche könne nur auf Initiative der Eltern entstehen. Für eine intensive Begleitung stellt die Gruppe den Kontakt zu Fachstellen her. Die Gruppe wird ausnahmslos von den Krankenhäusern über die Sterbefälle informiert.

Ort zum Trauern

Vier Bestattungstermine gibt es im Jahr. Sie finden auf dem Selmer Friedhof statt, auf der Begräbnisstätte mit der silbernen Pusteblume. Vor Jahren schon ist die Stelle in Arbeitsgemeinschaften der Fächer Kunst und Religion in der Realschule entwickelt worden. Für Eltern soll es ein Ort der Erinnerung und Trauer sein. „Nicht nur eine Grabstätte“, sagt Andreas Floringer. „Wir möchten die Eltern ermutigen, um ihr Kind zu trauern. Auch wenn sie an der Trauerfeier nicht teilnehmen können, haben sie hinterher einen Ort, an dem sie für ihr Kind eine Kerze anzünden, ein Kuscheltier ablegen können“, ergänzt Elisabeth Sandmann.

Oft noch Tabuthemat

Für die Eltern ist oft auch ein weiterer Punkt wichtig: Es herrscht Gewissheit. Gewissheit darüber, wo das eigene Kind jetzt ist. Die Frage nach dem „Warum“ könne an der Begräbnisstätte abgelegt werden, sagt Nora Jost.

Die Stätte ist vor einigen Wochen noch mal um ein ganzes Stück größer geworden. „Einfach und unkompliziert“, wie Antonius Sandmann sagt. Die Frage sei gewesen, eine zusätzliche Grabstelle zu schaffen oder die bisherige Stätte zu erweitern. Man habe sich für die Erweiterung entschieden. An der linken Seite ist entlang der Grabstätte nun ein kleiner Weg entstanden. Umgesetzt worden ist die Maßnahme durch Mitarbeiter der Stadtwerke unter Begleitung von Holger Leidorf. „Wir sind positiv sehr überrascht, man kann sagen: begeistert“, beschreibt Elisabeth Sandmann.

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Wie wichtig der Ort ist, zeigt auch eine Erfahrung, die sich für die Mitglieder in ihrer siebenjährigen Zeit der Begleitung nicht verändert hat. Das Thema der Fehlgeburt ist ein Tabuthema. Es bewegt sich in der Grauzone. Man spricht nicht darüber. „Wenn die Eltern sich trauen würden, im Freundeskreis darüber zu reden, werden sie hören, dass viele betroffen sind“, sagt Elisabeth Sandmann. Der Ort auf dem Friedhof biete so auch die Chance, zu erzählen, ermutigt Monika Heitmann. Denn bei aller Trauer soll es eins sein – ein schöner Ort.

So läuft das ehrenamtliche Engagement
Ein Kind, das mit weniger als 500 Gramm geboren wird, ist rechtlich gesehen eine Fehlgeburt. Die Gruppe Pusteblume arbeitet ehrenamtlich und hat eine Begräbnisstätte für diese fehlgeborenen Kinder geschaffen. Für die Eltern ist die Beisetzung kostenfrei. Die Selmer Bestatter sind unentgeltlich tätig und kümmern sich um den Transport aus den Krankenhäusern.