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Flüchtlingsehepaar aus dem Iran

„Jede Nacht höre ich sie schluchzen“

Erle Der Erler Gerd Gutschow hat ein iranisches Ehepaar bei sich aufgenommen, das vor neun Monaten aus der Heimat geflüchtet ist. Doch die Angst bleibt. Gutschow sagt über das Paar: „Jede Nacht höre ich sie schluchzen.“

„Jede Nacht höre ich sie schluchzen“

Der Erler Gerd Gutschow hat ein iranisches Ehepaar bei sich aufgenommen, das wegen der Angst vor Verfolgung nicht mit Namen oder Foto in der Zeitung erscheinen möchte. Die Integrationsbeauftragte der Gemeinde, Nicole Höbing (M.), und der Leiter des Ordnungsamts, Markus Büsken (r.) freuen sich über die gelungene Integration. Foto: Foto: Berthold Fehmer

Die 32-Jährige und der 31-Jährige wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Aus Angst vor weiterer Verfolgung. In Teheran war er Fabrikbesitzer, sie leitete das Büro eines Schönheitschirurgen. Der 31-Jährige erhielt den Auftrag der Regierung, zwei Millionen Plastikflaschen für Soldaten herzustellen. Gezahlt werden sollte zunächst die Hälfte als Vorschuss, die andere Hälfte nach Beendigung des Auftrags. Doch die Revolutionsgarde behauptete, der 31-Jährige habe in den Flaschen Drogen schmuggeln wollen. „Geld ist nie gezahlt worden“, sagt Gutschow.

Als der 31-Jährige am 17. September 2016 mit dem Motorrad auf dem Weg von der Arbeit nach Hause war, überfuhr ihn von hinten ein Auto. „Sie haben versucht, ihn zu töten“, sagt Gutschow. Der 31-Jährige überlebte mit schlimmen Kopfverletzungen, landete anschließend im Gefängnis. Nur durch die Zahlung einer Kaution von umgerechnet 85.000 Euro vom Firmenkonto gelangte er wieder auf freien Fuß und stellte anschließend Strafanzeige. Doch die Akten über das Geschäft mit der Regierung oder seinen Krankenhausaufenthalt waren verschwunden. Stattdessen erhielt das Ehepaar Morddrohungen von der Revolutionsgarde. Das Paar tauchte unter, engagierte einen Schlepper, der einen Flug nach Paris organisierte. Er brachte sie nach Gießen, wo sie Asylanträge stellten. Von dort gelangten sie nach Essen, Rees und Raesfeld.

„Waren mir sympathisch“

Dort lernten sie Gutschow beim „Café International“ kennen, bei dem sich Flüchtlinge und Einheimische regelmäßig im ehemaligen Haus Epping treffen. „Sie waren mir sympathisch“, erinnert sich Gutschow. Auf seinen Wunsch zeigten sie ihm ihr Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft an der Dorstener Straße. „Sie haben sich nicht beschwert, aber ich war schockiert“, sagt er. „Man konnte sich so gerade durch das kleine Zimmer durchschlängeln.“

Gutschow nahm das Paar auf. Vor vier Wochen war das. „Ich lebe hier alleine seit dem Tod meiner Frau.“ Auch die drei Töchter sind längst ausgezogen. Erfahrung mit Flüchtlingen als Untermieter hat Gutschow schon im Jugoslawien-Krieg gesammelt, als seine Familie ein bosnisches Paar für zwei Jahre aufgenommen hatte. Das iranische Paar ist im Gästezimmer im Keller untergekommen, hat dort eine Küche, eine Dusche. „Wir essen oft zusammen“, sagt Gutschow. „Und oft fragen sie mich Sachen wie: ‚Heißt es jetzt der Tisch oder das Tisch?‘“ Beide lernten bis spät in die Nacht Deutsch. Gutschow sagt: „Sie lernen, lernen, lernen.“

Nach der Dublin-III-Verordnung droht beiden allerdings die Abschiebung nach Frankreich. Denn dort betraten sie zum ersten Mal europäisches Festland. Dort fürchtet das Ehepaar allerdings, dass die Revolutionsgarde sie aufspüren könnte. Ein eingeschalteter Rechtsanwalt sehe gute Chancen, dass das Gericht aufgrund des Gesundheitszustandes vor allem des 31-Jährigen auch ein Asylverfahren in Deutschland in Betracht ziehen könne, so Gutschow. Der 31-Jährige wird von einem Psychiater behandelt, der einen Suizidversuch nicht ausschließt. Ein Neurologe soll eingeschaltet werden.

So wie Gutschow das traumatisierte Paar jede Nacht weinen hört, so kontrolliert geben sich die Beiden tagsüber. In der Flüchtlingsunterkunft baten sie um Arbeit. Die 32-Jährige teilte in der Mensa der Alexanderschule das Essen aus, der 31-Jährige half dem Hausmeister der Unterkunft oder in der Fahrradwerkstatt. „Er ist handwerklich sehr geschickt“, sagt Gutschow. „Ich will Deutsch lernen und dann eine Ausbildung als Krankenschwester machen“, sagt die 32-Jährige, eine gelernte Grundschullehrerin. Der 31-Jährige sagt: „Ich will arbeiten in einer Fabrik oder im Handwerk.“

Sozialamtsleiter Markus Büsken sagt, dass die Gemeinde keinen Einfluss auf die Entscheidungen des Asylverfahrens habe. Er hat allerdings schon mehrere ähnliche Fälle von Raesfelder Flüchtlingen erlebt, in denen Gerichte ein Asylverfahren in Deutschland zuließen. „Im letzten Jahr ein halbes Dutzend.“

Weitere 40 Flüchtlinge

Die Integrationsbeauftragte der Gemeinde, Nicole Höbing, sieht bei dem Paar „ein gelungenes Beispiel für Integration“. Büsken würde sich wünschen, dass weitere Raesfelder dem Beispiel Gutschows folgen. Denn der Wohnungsmarkt in Raesfeld sei „angespannt“ und in den kommenden Wochen sollen weitere 40 Flüchtlinge Raesfeld zugewiesen werden. Anerkannte Flüchtlinge aus den Flüchtlingsunterkünften, „die sich bewährt haben“, so Höbing, wolle man deshalb gern in Privatwohnungen unterbringen. „Das müssen auch nicht unbedingt Wohnungen sein, die für den ersten Wohnungsmarkt geeignet sind“, so Höbing.

„Wir würden als Ansprechpartner und Vermittler zur Verfügung stehen“, sagt Büsken. Vermieter würden etwa nicht mit Verträgen über Monate oder Jahre gebunden, sondern könnten eine Benutzungsvereinbarung abschließen. Büsken: „Wir wollen das möglichst unkompliziert regeln.“

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