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133 Patienten im ersten Jahr behandelt

LWL-Tagesklinik ergänzt Therapieangebot in Haltern

Die LWL-Tagesklinik in Haltern ergänzt das Netz der Therapieangebote für psychisch kranke Menschen. Allerdings könnten Patienten in einer Kleinstadt aus Angst vor dem Urteil ihrer Nachbarn den Schritt in eine wohnortnahe Einrichtung scheuen. Wird die Klinik angenommen?

Haltern

von Silvia Wiethoff

, 07.06.2018
133 Patienten im ersten Jahr behandelt

Dr. Peter Wolff, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, gehört zum Team, das die Patienten in der LWL-Tagesklinik in Haltern behandelt.Wiethoff © Foto: Silvia Wiethoff

Am Anfang war Dr. Peter Wolff skeptisch. Würden die Halterner den Weg in die LWL-Tagesklinik finden und das Angebot für Psychiatrie und Psychotherapie annehmen oder würde die Sorge vor dem Urteil der Nachbarn in der Kleinstadt diesen Schritt verhindern?

Gut eineinhalb Jahre nach der Eröffnung der Einrichtung spricht die Nachfrage nach wohnortnahen Therapieplätzen für sich. Die Patienten kommen hauptsächlich aus Haltern. Die Klinik führt eine Warteliste. Dass Gefühle der Scham aufgrund einer psychischen Erkrankung und ihrer Behandlung nicht angesagt sein sollten, macht Dr. Wolff deutlich: „Jeder von uns kann daran erkranken.“ Zu den Ursachen gehören biologische Faktoren (wie Stoffwechselstörungen) ebenso wie psychische (Persönlichkeitszüge) oder soziale Faktoren (Stress und Konflikte am Arbeitsplatz oder in der Familie).

Menschen, die von Peter Wolff und einem Team aus Krankenschwestern/-pflegern, Bewegungs- und Ergotherapeuten, Sozialarbeiter und Psychologin behandelt werden, leiden beispielsweise an Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen. Ein Vorgespräch dient zunächst dem gegenseitigen Kennenlernen, dann wird das Beschwerdebild beleuchtet, das der Patient mitbringt. Nicht alle Krankheitsbilder können in der Tagesklinik behandelt werden, erklärt Peter Wolff. Wenn beispielsweise ein Suchtproblem im Vordergrund stehe oder akute Suizidgefahr bestehe, kann einem Patienten in der teil-stationären Einrichtung nicht weitergeholfen werden.

20 Plätze stehen zur Verfügung

Wer einen der 20 Plätze der Tagesklinik in Anspruch nimmt, erfährt eine umfassende Therapie mit multimodalem Ansatz, die eine Kombination aus verschiedenen Behandlungsformen ermöglicht. Im Mittelpunkt steht die tägliche Gruppenpsychotherapie, die den Patienten auf jeden Fall die Erfahrung vermittelt: Ich bin mit meinen Problemen nicht allein. Zwei Beispiele zeigen, welche Krankheitsbilder und individuellen Schicksale in der Tagesklinik behandelt werden.

Ein junger Mann, der an einer Depression und sozialen Angststörung leidet, gerät zum Ende seines Studiums aus der Bahn. Aus Angst vor einem neuen Lebensabschnitt, vor neuen Situationen und neuem Arbeitsumfeld, absolviert er die letzten Prüfungen nicht mehr und zieht sich vollends zurück. Zuletzt sitzt er fast nur noch vor seinem Computer.

Neues Selbstbewusstsein entwickelt

Im Grunde ist schon der Schritt in die Tagesklinik eine Herausforderung. Hier entwickelt er mit viel Unterstützung neues Selbstbewusstsein, lernt, sich zu äußern und mithilfe eines Reizkonfrontationstrainings soziale Situationen wie einen Einkauf oder ein Gespräch zu bewältigen. Gegen Ende seiner Therapie in der Tagesklinik haben sich die Symptome seiner Depression und seiner Angststörung deutlich verbessert, was sich auch auf seine Alltags- und Freizeitgestaltung auswirkt. Auf Empfehlung der Ärzte in Haltern wechselt er in eine Reha-Maßnahme, in der ihm auch Berufspraktika angeboten werden.

Dann gibt es die junge Frau, die wegen einer Angststörung nicht mehr arbeiten kann. Mit der Angst vor dem Autofahren hat sich die Erkrankung eingeschlichen. Am Schluss kann die Frau aus Angst vor der Angst nicht mehr am Berufsleben teilnehmen, dabei ist sie ein Mensch mit dem Lebensmotto: Ich muss unbedingt stark sein. Ich muss funktionieren.

Therapie gibt Unterstützung

Ihre Therapie bringt an den Tag, dass sie viele emotionale Kränkungen und Verletzungen in ihrem Leben hat hinnehmen müssen. Alle hat sie runtergeschluckt und einfach weitergemacht. Gemeinsam mit ihren Therapeuten bearbeitet sie das Thema der Enttäuschung und der emotionalen Vernachlässigung in ihrer Kindheit. Auch sie absolviert ein Reizkonfrontationstraining und lernt, ihre Bedürfnisse zu äußern. In der Klinik macht sie die Erfahrung, dass die Reaktionen nicht Desinteresse oder Entwertung sind, sondern Trost, Unterstützung und Akzeptanz. Heute kann die junge Frau wieder am Leben teilnehmen. Nach einer beruflichen Eingliederung ist sie in der Lage, ihren Beruf auszuüben.

Peter Wolff und seine Kollegen begleiten die Patienten dabei, negative Kreisläufe zu durchbrechen. „Es ist schwierig, Verhaltensmuster zu ändern, die man sein Leben lang mitschleppt,“ beschönigt er die Herausforderung für die Hilfesuchenden in der Klinik nicht. Die Geschichte von Patienten zeigt, dass es mit der richtigen Unterstützung gelingen kann.

Die Tagesklinik des Westfälischen Landesverbandes (LWL) wurde Anfang 2017 in Haltern eröffnet. Im ersten Jahr wurden in den beiden Gruppen mit jeweils zehn Plätzen täglich zwischen 8.30 und 16 Uhr 133 Patienten behandelt. Dr. Peter Wolff lebt mit seiner Familie in Sythen.