Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Eine Tradition, so wichtig wie Weihnachten oder Ostern

dzSo entstehen die Riesen-Bollerwagen für den 1. Mai in Haltern

Die Zeit der Abiturprüfungen ist für die meisten Schüler purer Stress, viel Lernerei und wenig Freizeit. Für Halterner Jugendliche liegt aber genau in dieser Zeit einer der wichtigsten Tage des Jahres: der 1. Mai. Junge Leute aus der ganzen Region kommen dann an den Stausee, egal wie das Wetter wird. Die Vorbereitungen für den riesigen Partytag laufen schon seit Monaten. Eine Geschichte über Tradition und Heimat im 21. Jahrhundert.

HALTERN

, 07.04.2018

Wann und wie genau das mit den großen Maiwagen am Halterner Stausee anfing, kann eigentlich niemand so genau sagen. Mit dem Bollerwagen in der Stadt herumzuziehen, das macht man in Haltern praktisch schon immer. "Als Kind sind wir mit der Familie immer zum Annaberg gelaufen", erzählt zum Beispiel Jan Schmeling. Jetzt, kurz vor den Abi-Prüfungen, steht der 17-Jährige mit einigen Freunden in der Einfahrt seines Elternhauses und baut etwas, das man schon lange nicht mehr Bollerwagen nennen kann.

"In den letzten fünf Jahren ist das Ganze wohl etwas eskaliert", meint Jonathan Stake und zieht sich die Schweißermaske übers Gesicht. Die Bollerwagen wurden immer größer, es entstand eine Art Wettbewerb unter verschiedenen Gruppen. Größer, aufwendiger, lauter. Die Wagen, die inzwischen am 1. Mai unterwegs sind, sind aufwendiger als bei manchen Karnevalsumzügen. Zapf- und Musikanlagen, Nebelmaschinen und kleine Tanzflächen auf Rädern. So ziehen Tausende, vor allem junge Leute, aus der ganzen Region einmal um den Halterner Stausee und treffen sich anschließend zur großen Party im Westuferpark.

Jan, Jonathan und ihre Freunde, die Gruppe "Beats'n'Beer", haben vor zwei Jahren mit einem etwas größeren Wagen angefangen: dem „Pilspanzer“. 2018 gilt für die Jungs und ihre Freunde das olympische Motto. Nein, nicht "Dabeisein ist alles", sondern "Citius, altius, fortius"; schneller, höher, stärker. Aussehen soll das Ergebnis wie eine Dampflok mit Anhänger, vier Meter plus zweieinhalb Meter lang. 220 Leute sollen mit dem Wagen mittanzen und beteiligen sich mit je 16 Euro an der Finanzierung: Das ergibt rund 3500 Euro für den Wagen und eine Getränke-Flatrate. Wer bezahlt hat, bekommt ein Bändchen an den Arm wie beim Musik-Festival.

Das mit der Schnelligkeit in dem olympischen Motto ist allerdings so eine Sache. "Wir müssen sehen, dass das Ganze nicht zu schwer wird", erklärt Jonathan Stake: "Das Teil müssen wir ja auch noch ziehen können." Motoren sind nicht erlaubt, Bremsen werden angebaut, beim Ordnungsamt ist der Wagen schon angemeldet. "Passt nur auf, dass er nicht umkippen kann", habe es dort geheißen.

So war "Beats'n'Beer" im Jahr 2017 unterwegs:

Die Stadt, nicht nur die Verwaltung, sondern die ganze Stadt, hat sich an das Spektakel gewöhnt - und auch viele Erwachsene freuen sich inzwischen darauf. Abends soll die Musik leiser gemacht werden, um Mitternacht soll Ruhe herrschen. Die Feierhorde wird angehalten, ihren Müll mitzunehmen. Das klappt erfahrungsgemäß eher mittelmäßig.

Die Wagen dürfen nicht auf dem Hügel im Park stehen, damit sie nicht in die Menge rollen können. Außerdem wird so vermieden, dass die Musik – vor allem Partyschlager und Elektro-Beats – weit schallt. Polizei, Ordnungs- und Jugendamt sowie ein privater Sicherheitsdienst sind vor Ort. Auch in diesem Jahr wird der Westuferpark mit großen Flutlichtmasten ausgeleuchtet, berichtet Stadtsprecher Thomas Gerlach.

Mit viel Nachbarschaftshilfe hat "Beats'n'Beer" angefangen. Ein Vater hat ein Schweißgerät besorgt, "wir hatten aber überhaupt keine Ahnung, wie man es benutzt", sagt Jonathan Stake und lacht. Also halfen Youtube-Tutorials, auch beim Planungsprogramm, mit dem die Jungs das Stahlgerüst am Computer entworfen haben. Learning by doing. Und so lernt man auch, was passiert, wenn man bei minus sechs Grad Stahl aneinanderschweißt. Könnte sein, dass er sich später geringfügig verzieht. Jetzt wissen's die Jungs.

"Unser Ziel ist, diese besondere Halterner Tradition zu bewahren", sagt Jonathan Stake: "Und es ist eine schöne Ablenkung von der Abi-Lernerei." Andere Maiwagen-Bauer verabschieden sich von dem Spektakel. Da will "Beats'n'Beer" nachrücken.

"Jedes Jahr sagen wir, diesmal ist es für uns das letzte Mal", sagt Sascha Kania. Der 26-Jährige gehört zu den sechs bis acht Leuten, die sich um den Wagen "Traboom" kümmern: unten Trabant, das DDR-Kultauto, oben offen mit fetten Boxen an einem Gestänge aus Traversen. "Es kann gut sein, dass diesmal für uns wirklich Schluss ist", sagt Kania. Auf Facebook kursiert schon eine Traueranzeige für den Power-Trabi.

Der Trabi sei 2018 zum sechsten Mal am Stausee unterwegs, erzählt Sascha, vorher war seine Gruppe mit einem umgebauten Autoanhänger unterwegs. Wann der 1. Mai in Haltern so groß wurde, "das kann man gar nicht genau eingrenzen", sagt auch der 26-Jährige. "Das muss so vor etwa zehn Jahren gewesen sein, dass es den Leuten nicht mehr laut genug war." Der Traboom sei mit etwa 120 Begleitern unterwegs, jeder bringe Freunde und Freundesfreunde mit. Da kommt man schnell auf so eine Zahl. Sascha Kania ist wichtig: "Dass es jedes Mal so friedlich abläuft, obwohl so viele Menschen auf den Beinen sind, ist wirklich bemerkenswert."

Und bemerkenswert ist auch das große Verständnis, das die Bürger für das Spektakel haben. Unsere Facebook- und Instagram-Nutzer haben wir gefragt, was sie von dem Tag halten. „Es ist nicht OK, dass der Westuferpark und die Wege dorthin zugemüllt werden“, schreibt Nicole Schäfers: „Aber es ist auch immer noch nur einmal im Jahr.“ Und da könne man durchaus mal ein Auge zudrücken. So sehen es viele Halterner, vereinzelt wird die Lautstärke der Wagen kritisiert. Zusammenfassend schreiben auch direkte Nachbarn des Parks: „Lasst sie doch Spaß haben“.

Drei Wochen vor dem 1. Mai ist das Metallgerüst des neuen großen „Pilspanzers“ praktisch fertig, etwas Feinschliff fehlt noch. In der kommenden Woche beginnen nun auch die Abiturprüfungen. „Im Endeffekt muss nur noch Holzverkleidung an den Wagen“, sagt Jonathan Stake ganz entspannt. Dann braucht die Gruppe nur noch Getränke für mehr als 200 Personen – und der 1. Mai kann kommen.