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Dortmunder lebt mit der Niere eines Unbekannten

Apell zum Tag der Organspende

Vor 17 Jahren bekam der heute 54-jährige Klaus Zimmermann aus Dortmund ein Spenderorgan. Grund für ihn, zum Tag der Organspende einen Appell an seine Mitmenschen zu richten.

Mengede

von Nils Heimann

, 01.06.2018
Dortmunder lebt mit der Niere eines Unbekannten

Jeder Mensch, der geeignet ist, sollte sich als Organspender zur Verfügung stellen, fordert Klaus Zimmermann. © Foto: Nils Heimann

Entspannt sitzt Klaus Zimmermann auf der Terrasse seines Hauses. Den Blick zufrieden auf den gepflegten Garten gerichtet, hört er dem Zwitschern der Vögel zu. In seiner Hand hält er einen Pott dampfenden Kaffee, an dem er hin und wieder genüsslich nippt. Keine Frage: Klaus Zimmermann ist zufrieden mit seinem Leben – und genießt es in vollen Zügen.

Bereits mit 18 Jahren wurde die Nierenschädigung festgestellt

Damit er das heute überhaupt kann, musste jedoch ein anderer Mensch sterben. Denn bereits früh wurde bei Klaus Zimmermann eine Nierenschädigung festgestellt und es war klar, dass er irgendwann ein Spenderorgan brauchen würde.

„Es war 1981. Ich war gerade 18 Jahre alt und angefangen zu arbeiten. Bei einer Vorsorgeuntersuchung stellte sich heraus, dass meine Blut- und Nierenwerte sehr schlecht waren“, erinnert Zimmermann sich an einen der entscheidenden Tage in seinem Leben. „Beschi...“ habe sich diese Diagnose angefühlt, sei „niederschmetternd“ gewesen. „Aber die Ärzte sagten mir auch, dass ich nicht sterben, sondern nur irgendwann an die Dialyse müsse. Heilbar ist dieses Leiden ja nicht.“

Alles getan, um den Tag X herauszuzögern

Um den Tag X so lange wie möglich hinauszuzögern, habe er sich daher an alle Anweisungen der Ärzte gehalten. Immer viel getrunken und Blut- und Nierenwerte kontrollieren lassen: „Bis 1994 ist es gut gegangen, doch dann verschlechterten sich die Werte dramatisch. Die Dialyse war unausweichlich.“

An seine erste Blutwäsche erinnert sich der gelernte Maschinenbautechniker immer noch, als ob es gestern gewesen wäre: „Das war am 30. Oktober 1994.“ Von da an hieß es drei Mal die Woche für jeweils vier bis fünf Stunden an die Maschine zur Blutreinigung. Insgesamt knapp sieben Jahre. Und das Ganze nach der Arbeit. Stress pur also für Klaus Zimmermann.

Dialysepatienten können Rente beantragen

„Wenn man Dialysepatient ist, kann man zwar Rente beantragen. Erhält man dann aber ein Spenderorgan, muss man wieder zurück ins Berufsleben.“

Da Zimmermann überzeugt war, irgendwann eine neue Niere zu erhalten, war Rente keine Option für ihn. „Mein Arbeitgeber, die Ruhrkohle AG, hat mich aber die ganze Zeit über unterstützt. Dafür bin ich heute noch sehr dankbar“, sagt Zimmermann mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Die zufriedene Miene weicht jedoch unmittelbar einer nachdenklichen; man merkt dem 54-Jährigen an, dass das letzte Wort seines Satzes eine Veränderung in ihm auslöst.

Klaus Zimmermann würde gerne jemanden seine Dankbarkeit zeigen

Denn Dankbarkeit würde er gerne auch einem anderen Menschen zu kommen lassen. Einem Menschen, der seinem Spender nahe steht. „Doch das geht nicht, da Organspenden anonym bleiben, ich also nie erfahren werde, von wem meine neue Niere stammt.“

Dass er sie bekommt, davon hätte Klaus Zimmermann beinahe auch nichts erfahren. Als am 29. Mai 2001 der entscheidende Anruf vom Bochumer Knappschaftskrankenhaus kam, lag er gerade in den Städtischen Kliniken auf dem OP-Tisch und wurde an der Schulter operiert. „Der Arzt hat mir hinterher gesagt, dass er ziemlich nervös geworden sei und sich gesputet habe, mit der OP fertig zu werden, weil er ja nicht wusste, wie lange man mir die Niere in Bochum reserviert“, erzählt Zimmermann mit einem Schmunzeln.

In Narkose zur Organtransplantion gefahren worden

Noch in Narkose sei er dann nach Bochum verlegt worden. „Erinnern kann ich mich weder an die Fahrt noch die Vorbereitungen zur Transplantation.“ Nur ein paar Ohrfeigen und die Frage einer Ärztin hätten sich eingebrannt: „‚Möchten Sie eine Niere haben?‘, musste sie aus rechtlichen Gründen wissen.“

Glasklar erinnern kann sich der 54-Jährige jedoch an den Morgen nach der Transplantation. Dabei gehen dann auch die Emotionen mit ihm durch. Die Stimme stockt. „Als ich aufgewacht bin, habe ich sofort gemerkt: Meine Blase ist voll. Die Niere arbeitet.“ Danach sei er direkt zur Toilette gegangen und habe nach knapp sieben Jahren das erste Mal wieder pinkeln können. „Da flossen Urin und Tränen gleichzeitig.“

Die Niere funktioniert seit 17 Jahren einwandfrei

Inzwischen funktioniert die Niere 17 Jahre einwandfrei und es geht Klaus Zimmermann gut. Doch neben Erinnerungen an die schwere Zeit der Dialyse schwebt stets ein Damoklesschwert über ihm: Die Angst davor, dass die neue Niere auch irgendwann mal ihren Dienst versagen könne.

Daher habe er sich auch den für eine Dialyse nötigen Stunt nie verlegen lassen. „Sollte die Niere versagen, könnte ich sofort wieder an die Maschine angeschlossen werden.“ Dass es dazu niemals kommt, dass er nicht noch einmal auf ein Spenderorgan angewiesen sein wird, hofft er natürlich inständig.

Jeder sollte von Geburt an Organspender sein

Dennoch appelliert er an alle, denen es gesundheitlich möglich ist, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen, das auch zu tun. „Ich wäre sogar dafür, ähnlich wie in Österreich die Widerspruchslösung einzuführen.“ Die besagt nämlich, dass jeder von Geburt an Organspender ist, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich.

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