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Irene Hanebecks Sehnsucht nach Hause

Ein Buch voller Erinnerungen an Kriegszeiten

Es sind Erlebnisse, die Irene Hanebeck niemals vergessen wird: ihr Landjahr, ihre Zeit an der Reichsführerinnenschule und ihre Flucht zurück in den Westen – als das Heimweh über die Angst siegte.

Bittermark

von Carolin West

, 02.06.2018
Irene Hanebecks Sehnsucht nach Hause

Irene Hanebeck heute: Ihre Erlebnisse von 1943 bis 1945 hat sie zunächst auf der Schreibmaschine, dann am Computer abgetippt. © Carolin West

Es war eine Freundin aus Landjahr-Tagen, die Irene Hanebeck dazu brachte, ihre Erlebnisse aufzuschreiben – aus dem Landjahr und darüber hinaus. „Wir haben heute noch Kontakt“, erzählt Irene Hanebeck. „Meine Freundin wollte einfach wissen, was ich nach dem Landjahr erlebt habe.“

Zunächst schrieb die 89-Jährige ihre Erinnerungen auf Schreibmaschine, später tippte sie alles am Computer ab. „Ich habe einen Computer-Kurs besucht“, sagt sie. „Und die Kursleiterin sagte: ‚Wir machen da ein Buch draus‘.“

111 Seiten sind es geworden, auf denen Irene Hanebeck ihre Erlebnisse von 1943 bis 1945 chronologisch schildert. Auch Fotos vom Landjahr, der Reichsführerinnenschule und Weimar sind in dem inzwischen gebundenen Buch abgedruckt. „Die Zeit vergeht, die Erinnerungen bleiben“ – steht auf dem Buchdeckel.

Gut 50 Exemplare hat Irene Hanebeck drucken und binden lassen. Sie habe das Buch auch an einen Verlag geschickt, der jedoch nur einen Ausschnitt daraus haben wollte. „Ich verschenke die Bücher an Familie und Freunde“, sagt sie. Sie zu verkaufen komme nicht in Frage.

Das Landjahr in Gütersloh

Irene Hanebecks Aufzeichnungen beginnen 1943, als sie ins Landjahr nach Gütersloh kam. „Auf eine höhere Schule durfte ich nicht gehen“, erzählt sie, „weil mein Vater nicht so in der Partei engagiert war.“ Ihr Lehrer habe sich dann dafür eingesetzt, dass sie das Landjahr machen durfte.

Irene Hanebecks Sehnsucht nach Hause

So sah Irene Hanebeck im Jahr 1943 aus, als ihr Landjahr begann. © Carolin West

Insgesamt 100 Dortmunder Mädchen wurden damals nach Gütersloh in das Kloster Marienfeld gebracht. Dort wurden sie in fünf Gruppen eingeteilt: die Haus-, Küchen-, Wasch-, Näh- und Werk- sowie die Gartengruppe. Wobei lediglich die Hälfte der Mädchen im Lager arbeitete, die anderen verrichteten ihren „Außendienst“ auf den umliegenden Bauernhöfen.

„Wir wurden in allen Bereichen geschult“, sagt Irene Hanebeck. „Nur Englisch lernten wir nicht. Das war ja die Sprache des Feindes.“

Die Reichsführerinnenschule

Nur drei Monate nachdem ihr Landjahr begonnen hatte, wurde sie zur Weiterbildung an die Reichsführerinnenschule in der Uckermark geschickt. Dort bestand der Unterricht zumeist aus regulären Schulfächern – Küchendienste waren passé.

Nach Hause durften die Mädchen in dieser Zeit trotz ihres großen Heimwehs nicht. „Weihnachten 1944 durfte ich dann aber immerhin bei meiner Großmutter im Sudetengau verbringen“, erzählt Irene Hanebeck. „Weihnachten im Lager – das wäre schlimm gewesen.“

Irene Hanebecks Sehnsucht nach Hause

Der Essensplan sah zur damaligen Zeit fast so aus wie ein Stundenplan. Um das Essen kümmerte sich der Küchendienst. © Carolin West

Nach ihrer Rückkehr zur Reichsführerinnenschule, nun in Klein Butzig, dauerte Irene Hanebecks Aufenthalt in ihrem neuen Domizil nicht lange. Das gesamte Dorf floh und auch die Schülerinnen folgten ihm kurz darauf. „Drei Wochen lang waren wir auf der Flucht“, erinnert sich Irene Hanebeck. Das sei eine ihrer schlimmsten Erfahrungen in dieser Zeit gewesen.

„Wir wussten ja nicht, wo wir uns das nächste Mal ausruhen können. Wir hatten kaum zu Essen und zu Trinken.“ Deshalb haben die Mädchen Schnee in ihre Tassen gefüllt und diesen getrunken, sobald er durch ihre Körperwärme geschmolzen war.

Ziel ihrer Flucht war die Reichswerkschule in Hinrichshagen. Von dort aus ging es für Irene Hanebeck weiter nach Weimar, wo sie als Haushaltslehrling zu einer Familie Koch kam. Doch dort hielt sie es nicht lange aus. „Ich wollte nach Hause. Ich wusste ja gar nicht, ob meine Eltern noch leben“, sagt sie. „Und sie wussten nicht, ob ich noch lebe.“

Die Heimkehr nach Dortmund

Irene Hanebecks einzige Hoffnung: Heiligenstadt. Denn das nahegelegene Dorf Siemerode lag direkt an der Grenze. „Die Orte hatte ich mir eingeprägt“, schreibt sie in ihrem Buch, „und dort wollte ich hin!“ Auf dem Weg zur Grenze sei sie immer wieder vor der Überquerung gewarnt worden.

Doch ihr Heimweh sei so übermächtig gewesen, dass sie dennoch weiterging. Ein Russe griff sie schließlich in Siemerode auf und wollte sie über die Grenze bringen – aber nicht ohne Gegenleistung.

„Er sagte: ‚Du zwei Minuten mit mir schlafen, dann ich dich bringen über Grenze‘“, erzählt Irene Hanebeck. Deshalb machte sie sich kurze Zeit später alleine auf den Weg. Sie sei gelaufen so schnell sie konnte. Kurz vor der Grenze sei sie dann vom Wachturm gesichtet worden. „Warum sie nicht geschossen haben, weiß ich nicht“, sagt Irene Hanebeck. „Da muss ich einen Schutzengel gehabt haben, wenn nicht zwei.“

Irene Hanebecks Sehnsucht nach Hause

In ihrem Landjahr benötigte Irene Hanebeck einen solchen Ausweis. © Carolin West

Dann habe sie sich immer weiter vorgekämpft bis ein Mann die erlösenden Worte sagte: „Sie sind im Westen, Fräulein.“ Mit dem Güterzug ging es dann nach Dortmund – nach Hause. „Und da waren dann auch meine Eltern, meine Schwester und meine Großmutter“, sagt Irene Hanebeck mit Tränen in den Augen. „Die Erinnerung an all das geht nicht weg. Ich habe das immer noch vor mir.“


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