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Bettina van Haaren im Interview

Sie malt nur, was sie liebt

Dortmund Auf den ersten Blick wirken die Werke von Bettina van Haaren surreal. Sie selbst mag diesen Ausdruck aber gar nicht. Viel mehr seien die Bilder irreal: Ein Kürbis fungiert als Herz, ein Fuß liegt in einem weiblichen Schritt, Hasen, die auf der Schulter sitzen. Das gefällt nicht jedem.

Sie malt nur, was sie liebt

Bettina van Haarens Bilder widersprechen den normalen Sehgewohnheiten des Betrachters. Tiere, ihren eigenen Körper und Dinge des Alltags fasst sie in ungewohnter Konstellation zusammen. Foto: Jennifer Hauschild

Mit ihren Kunstwerken eckt Bettina van Haaren an. Auf eine erfolgreiche Art und Weise. Sie erntet gleichermaßen Lob und Kritik, Bewunderung und Ablehnung. Wie können sie mit etwas so Schrecklichem, so erfolgreich sein? Das würden manche sie fragen, erzählt sie. Es sei nicht schrecklich, was sie da mache, sie wollen niemanden ekeln. sie liebe, was sie tut, sie liebe alles, was sie malt, sagt sie.

Es sind wohl die Gegensätze in ihren Zeichnungen, die manche verstören. Reale Elemente unserer Welt verbindet die Künstlerin so, dass irreale Bildnisse entstehen. Zugleich abstrakt und detailgetreu. Im Interview erzählt sie, wie wichtig die Kunst als Ausdrucksform für sie ist und erklärt, was es mit ihrem Stil und den Botschaften ihrer Werke auf sich hat. Dabei hat sie die Gabe, zu antworten, ohne, dass die jeweiligen Fragen gestellt wurden. Ein Interview, das mit zwei Fragen auskommt:

„Sie sind nicht eines Morgens aufgewacht und haben so gemalt, wie Sie es heute tun. Wie haben Sie die Kunst für sich entdeckt?“

Also es gibt kein Schlüsselereignis, wie man es vielleicht gerne hören würde. Es war einfach so, dass ich schon immer gerne gezeichnet und gemalt habe. Das war für mich eine Ausdrucksmöglichkeit, die ich sehr stringent verfolgt habe. Und dann stand im Raum, ob ich es hinkriege, eine Eignungsprüfung zu bestehen. Ich habe nach dem Abitur wie wild gearbeitet und als es dann geklappt hatte, fühlte ich, dass das ein Weg für mich sein könnte.

Das begann an der Akademie in Mainz, 1981. Der Beginn des Studiums war großartig, aber ich habe mich auch von Anfang an gefragt: Reicht meine Begabung? Ich hätte sicher auch Medizin oder Jura studieren können. Dort geht das Verhältnis von Arbeitsinvestition und Erfolg schneller zusammen.

Besessenheit einer Idee

Die Kunst ist etwas sehr Unwägbares. Ich war immer schon eine unglaublich leidenschaftliche Arbeiterin, mein ganzes Leben ist von Kunst durchdrungen. Aber es war immer auch ein massiver Zweifel, weil man sich immer fragt, ob das der richtige Weg ist. Kunst hat immer auch etwas mit der Besessenheit einer Idee zu tun. Ich würde sagen, das gab es bei mir von Anfang an schon immer.

Bei mir war diese Besessenheit der Mensch. Ich bin von mir selbst ausgegangen, habe mich befragt, was meine Weltsicht ist. Das hat sich natürlich in meinen 37 Jahren als Künstlerin geändert. Am Anfang war mein Stil deutlich expressiver.

Jetzt ist daraus eine Besessenheit von den Dingen geworden. Ich habe langsam den Realitätsgrad gesteigert. Es begann mit Kohlezeichnungen, Schwarzweiß, und ging in die Farbwelt über. Jetzt male ich permanent mit Nuller-Pinseln, das sind die feinsten Pinsel, die es überhaupt gibt.

Nicht bekleidet

Ich möchte den Menschen, den Tieren, den gemachten Dingen, der Vegetation auf die Spur kommen, sodass ich diesen Dingen unendlich viel Zeit zuwende. Zentral ist mein Körper, weil das für mich die authentischste Sicht ist. Ich stelle mich mir möglichst schonungslos und offen, in dem ich mich auch nicht bekleidet darstelle, sondern frage: Was ist da?

Die Gesellschaft lehnt das ab und wird oft auch wütend, wenn ich auch den inzwischen alternden Körper zeige, der jedoch auch schön sein kann. Ich wende mich eben dem Leben zu. Ich stelle mich ein Stück gegen diesen Neuheits- und Schönheitswahn. Das Gewebe von Adern ergibt einen wunderbaren Grünton in der Haut. Falten zeigen etwas von Lachen, manchmal von Bitterkeit, aber all das gehört dazu.

Zeit muss man aushalten können

Ein weiterer Aspekt ist die Zeit: Ich habe meine Arbeitsprozesse ganz bewusst und zunehmend verlangsamt. Dieses Aushalten von Zeit stelle ich gegen diese Überflutung von Bildern. Ich brauche für die Arbeit an einer Leinwand über ein Jahr. Das ist ein bewusstes Projekt. Ich möchte Zeit festhalten, sie einsetzen und auf eine Fläche fixieren.

Sie malt nur, was sie liebt

Die Künstlerin arbeitet nach dem Prinzip „pars pro toto“ – ein Teil steht für das Ganze. Alles, was sie malt, hat sie in ihrem Atelier – auch präparierte Tiere. Einmal, erzählt sie, habe sie sich auch ein menschliches Lungenpräparat für ein Werk geliehen. Foto: Jennifer Hauschild

Und Zeit erwarte ich auch von meinem Betrachter. Da meine Bilder so viel Essenz komprimieren und ich auf einer Fläche viel festfriere, erwarte ich vom Betrachter, dass er kein Urteil fällt, bevor er sich nicht eine gewisse Zeit genommen hat. Erst mit der Zeit entwickelt sich eine Aufnahmebereitschaft.

Das erste Gefühl beim Betrachter ist häufig Verstörung und Ablehnung, weil ich so viele Themen in einem Bild anspreche. Neben dem Vanitas-Aspekt spielt immer auch die Verzweiflung über die politische und gesellschaftliche Entwicklung mit rein. Ich habe keine Möglichkeit ein Kriegsgeschehen direkt abzuzeichnen, weil ich die Dinge als Stellvertreter in meinem Atelier brauche.

Ein Teil steht für das Ganze

Hier auf dem einen Bild ist ein Maschinengewehr, das ist aufgeblasen. Es ist ein Stellvertreter, pars pro toto, ein Teil steht für das Ganze. Für mich steckt das Thema Krieg dann zum Beispiel in dem aufgeblasenen Maschinengewehr.

In meinen Bildern gibt es ganz viele Aspekte in einem Bild. Das kann Biografisches sein, Gesellschaftliches, Politisches. Es ist vor allem die vollkommene Überforderung von uns selbst enthalten. Von der Flut der Wirklichkeit. Ich versuche, eine vorläufige Ordnung herzustellen, aber ich bleibe überfordert. Die Bilder sind daher sehr fragmentiert.

Ärger in der aufgehübschten Welt

All das, was da in Facetten auftritt, führt zu einer Überforderung. Es drückt das Gefühl aus, zum Bersten voll von Alltäglichkeit zu sein. Dieses Gefühl versuche ich in meine Bilder zu bringen. Das muss der Betrachter erst einmal aushalten. Und ich merke, dass das in unserer aufgehübschten Welt wirklich oft Ärger macht.

Die große Herausforderung dabei ist die nicht bewegte Fläche. Die Zweidimensionalität fordert von mir und auch vom Betrachter, dass wir die Raumillusion selbst herstellen. Es ist so eine große Herausforderung, sodass ich keine Installation oder Performance als Ausdrucksmöglichkeit brauche.

Versuche des Andenkens

Jetzt habe ich relativ viel am Stück geredet. Vielleicht könnte ich noch über ein weiteres Problem sprechen: Nämlich, das Ende des Prozesses zu finden. Also, wann ist ein Bild beendet? Ich betrachte meine Bilder als Versuche des Andenkens, sie sind ein vorläufiges Ende. Irgendwann weiß ich, jetzt habe ich zu diesem Themenkomplex genug gesagt, es ist intensiv genug, ein Weiter wäre zu viel. Und dann beginne ich eine neue Arbeit.

Sie malt nur, was sie liebt

Künstlerin Bettina van Haaren arbeitet als Dozentin an der TU Dortmund. Ihr Atelier ist in Witten. Foto: Jennifer Hauschild

Die Kunst ist für mich schon eine Lösung, mit der Überforderung umzugehen. Diese Brüchigkeit unserer Gesellschaft muss man in sich selbst finden. Das ist auch in der Lehre ein wichtiger Aspekt. Es muss klar sein, dass es keine heile Welt gibt und es ist wichtig, dass man sich an etwas reibt.

Ich liebe es, mich der eigenen Wirklichkeit malerisch, zeichnerisch oder druckgraphisch anzunähern. Mir haben mal Leute unterstellt, ich würde Folter darstellen. Aber das ist es ganz und gar nicht. Ich lege nur verschiedene Bewegungsabläufe übereinander, lasse Hände und Füße agieren. Das sind keine Verstümmelungen. Wäre das eine Frage von Ihnen gewesen?

Ja. Als Betrachter sehe ich ja nur das Endprodukt. Das Interessante ist: Was ist Ihre Motivation?

Ich meine, dass ich damit auch etwas verarbeite, etwas bewältige. Auch das Bild über das Sterben meiner Mutter hat etwas in mir geklärt, geordnet. Es ist die Chance für mich, Erkenntnisse zu gewinnen – und zwar in einem Bild.

Alles, was ich male, liebe ich. Wieso sollte ich etwas malen, das ich nicht fantastisch finde? Aber seit wann ist unsere Welt heil? Geordnet? Und warum sollten wir denn dann in der Kunst eine heile Welt aufbauen?

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