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Galionsfigur Jeanne

Jeanne d'Arc: Frankreichs Nationalheldin. Freiheitskämpferin, Heilige, mythische Figur, die Autoren und Filmemacher immer wieder fasziniert hat.

Alexandra Gerull (Regie) und Tanja Hellwig (Schauspielerin) wollen in den Kopf der Legende schauen. «Jeanne versuchen» heißt ihr Bühnenstück, am Samstag im Wichern gespielt.

Ein fast zweistündiger Monolog. Viel Text, den Tanja Hellwig zu stemmen hat. Mal ist sie in der Rolle der historischen Jeanne, dann wechselt sie in Publikumansprache oder erzählt von Begegnungen mit modernen Jeannes. Auch die «brennen» für eine Sache, opfern sich auf in einer selbst gewählten Mission.

Jeanne verstand sich als göttliches Werkzeug, geleitet von Visionen und Stimmen. Im Vokabular von heute: «Sie hatte den direkten Draht nach oben», sagt Hellwig.

Zu Beginn sitzt sie auf einem Stuhl mit Engelsflügeln. «Der Engel des Herrn geht Euch voran!» Ein Bauernmädchen spricht beim König vor. Gott habe ihr aufgetragen, die Engländer aus Frankreich zu verjagen.

1428 war das. Jeannes innere Flamme entfacht den Mut der Franzosen. Triumphe auf dem Schlachtfeld scheinen Bestätigung, dass die Jungfrau vom Himmel geschickt ist. Aus einer Truhe nimmt Tanja Hellwig Kettenhemd und Stiefel. Müssen wir uns Jeanne vorstellen wie Demi Moore in «G.I. Jane»? Ein Leben zwischen Beten, Fasten, Kämpfen. Hellwig nennt sie «eine Schauspielerin in einem nicht endenwollenden Stück». Gott ist Chef und Regisseur. Motto: «Wenn er mich schon zulabert, dann mach' ich was draus.»

Das Bühnenlicht wechselt zu Blutrot, Glocken läuten, die Piaf singt «Mylord». «Hören Sie Stimmen?», fragt die Bühnen-Jeanne und zitiert «I Don't Like Mondays» von den Boomtown Rats: Der Silikonchip in ihrem Kopf schaltet auf Überlastung. Moderne Jeannes sind in der Nervenklinik, können Krankenschwestern sein oder Globalisierungsgegnerinnen.

Okay: Jeanne als feministische Galionsfigur, Prototyp der Kämpferin. Tanja Hellwig meistert die fliegenden Rollen- und Zeitwechsel sehr gut, aber das Stück könnte dramaturgische Straffung vertragen. Weniger wäre mehr. Trotzdem viel Beifall. Kai

Am Freitag (29.6.) ist das Stück in der Paulus-Kirche zu sehen.

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