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Das Kino im U bekommt einen neuen Träger

„Kino im U“

Der Verein „Kino im U“ löst sich auf und übergibt die Trägerschaft des Kinos an die Stadt. Damit enden sechs Jahre versierter kuratorischer Arbeit.

DORTMUND

von Hannah Schmidt

, 02.07.2018
Das Kino im U bekommt einen neuen Träger

Judith Funke (l.) kuratierte seit 2016 das Programm des Kinos, Silke Räbiger leitete den Verein „Kino im U“. Wie der Saal nach dem Ende des Vereins nun weiter bespielt wird, steht in den Sternen. © Oliver Schaper

Das Dortmunder U ist eine Auster. Inmitten seiner historischen und architektonischen Wucht bildete sich in zwei Jahre langer Bauzeit, relativ leise, relativ heimlich, vor acht Jahren ein einzigartiger Raum: Das „Kino im U“, mit seinen 174 Plätzen und tiefroten Wänden, barrierefrei und mit umfassender Technik, die nicht vergleichbar ist mit der anderer Kinos in der Region. „Eine echte Perle“, nennt Silke Räbiger das Kino. „Und ich hoffe, dass es weiterhin angemessen bespielt wird.“

Die Leiterin des Internationalen Frauenfilmfestivals (IFFF) hat 2010 diesen Raum im Erdgeschoss der ehemaligen Brauerei mit aufgebaut und den Trägerverein „Kino im U“ als Vorsitzende geleitet. Der Verein machte die „Perle“ zu einem Ort, der, unabhängig von Besucherzahlen, keine Blockbuster zeigen musste, sondern sich im Gegenteil zu einer Stätte entwickelte, an der das Kino an sich, der Film als Kunstform zelebriert wurde – zwei Mal in der Woche mit eigenem Programm.

Finanzielle Entscheidung

Jetzt, nach sechs Jahren, löst sich „Kino im U e.V.“ mit Beginn der Sommerpause auf. Es war eine ganz unromantische finanzielle Entscheidung, wir Räbiger berichtet. Kuratorin Judith Funke geht nach Köln, und man war sich einig: Weitermachen ist nur eine Option, wenn ihre Nachfolgerin nicht wie sie nur eine halbe, sondern eine volle Stelle bekommt. „Eigentlich“, sagt Räbiger, „braucht man, wenn man einen wirklichen Kinobetrieb hier ausbauen will, sogar zwei Leute.“ Doch keine Chance. Die Mittel wurden nicht einmal für eine Stelle genehmigt.

Dass die Stadt jetzt die Trägerschaft übernimmt, kann zu diesem Zeitpunkt ungefähr alles bedeuten: ein Ausbau des Programms unter versierter Kuration im besten Fall, mehr Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit und Hilfskräfte. Im schlimmsten Fall aber bleibt das Kino lange Zeit ohne Leitung und eigenes Programm – „und es wäre schade, wenn sich unsere über Jahre hinweg liebevoll herangezogene Publikumsstruktur wieder auflöste“, sagt Judith Funke.

„Verschiedene Möglichkeiten“ werden „geprüft“

Dass eine Stelle ausgeschrieben werden soll, sei dem Verein jedoch zugesagt worden, sagt Räbiger. Von der Stadt heißt es dagegen offiziell: „In welcher Konstellation, rechtlichen Struktur und unter welcher Leitung das Kino mit eigenem Filmprogramm wieder eröffnet, steht heute noch nicht fest.“ Es würden „verschiedene Möglichkeiten geprüft“, während das Kino den einzelnen Partnern im U für ihr Begleitprogramm zur Verfügung stünde.

Doch bliebe die Nutzung dieses Raumes allein dabei – es wäre unwürdig. Mit zwei 35-Millimeter-Maschinen, einem 16-Millimeter-Projektor und einer Sprecherkabine, die Simultan-Einsprechen und Dolmetschen möglich macht, ist das Kino so gut ausgestattet wie erst wieder das Filmforum Museum Ludwig in Köln. „Wir sind hier technisch in der Lage mit jedem digitalen und analogen Filmmaterial umzugehen“, sagt Räbiger. Und das ist nicht nur ein Versprechen – es bringt es vor allem eine Verpflichtung mit sich: diese Möglichkeiten auszunutzen, so gut es geht.

Hohes Versprechen an die Kunst

Der Trägerverein verstand den Saal als künstlerische, als ästhetische und experimentelle Spielwiese zu nutzen, wie ein Virtuose ein einzigartig gutes Instrument. Judith Funke als Kuratorin brachte umfassendes Fachwissen mit: Die studierte Fernseh- und Theaterwissenschaftlerin und Komparatistin arbeitete vorher bei Festivals wie den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, der ISEA2010 Ruhr und dem Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest.

Sie realisierte mit der finanziellen Unterstützung des Vereins in den vergangenen Jahren das idealistische Vorhaben, das hohe Versprechen an die Kunst, das Räbiger und ihren Mitstreiterinnen beim Aufbau des Kinos vorschwebte: Monat für Monat grub sie neue unbekannte und besondere Filme aus, die außer bei Festivals wohl kaum mehr zur Aufführung gekommen wären, wahre Schätze und wertvolle Raritäten.

Historischer 35-mm-Streifen

So liefen seit März 2016 bei den „Dernière Séances“ in Kooperation mit dem Dortmunder Kunstverein Filme wie Andrei Tarkowskis „Stalker“ von 1979 in einer restaurierten Originalfassung, Steven Soderberghs Independent-Stück „Sex, lies and videotape“ von 1989 und David Cronenbergs Horrorfilm „Shivers (Parasiten-Mörder)“ von 1975. Letzteren hatte Funke als historischen 35-Millimeter-Streifen ergattert, „der fleckig war und an den Ecken schon schimmelte“ – archaischer kann ein Kinoerlebnis kaum sein.

Jetzt lief am Donnerstagabend der letzte Film unter der Regie des Vereins – die neunte Runde der „Dernière Séance“ wurde wirklich zur „letzten Vorstellung“: mit „Under the skin“ von Jonathan Glazer mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle, der beim Filmfestival in Venedig vor fünf Jahren Loblieder und Buhrufe gleichsam abbekam.

Der Verleih Senator Film befand den Film für „schwer vermarktbar“ und also für kinountauglich – in der Folge wurde er nur in Einzelvorführungen und Festivals wie dem Filmfest München 2014 auf großer Leinwand gezeigt. Dabei ist das Werk durch seine experimentelle Machart, das Spiel mit Licht, Kameraführung und Blickrichtungen auch eine Hommage an das Kino selbst, laut FAZ „ohne Zweifel einer der exzentrischsten, unheimlichsten, rätselhaftesten Filme seit langem.“ Wieder so eine Perle, die Funke da ausfindig gemacht hatte.

Den wenigsten Besuchern war kurz vor der Vorstellung wohl wirklich bewusst, dass diese 108 Minuten die letzten unter ihrer Kuration waren – bis Funke und Oriane Durand, künstlerische Leiterin des Kunstvereins, in einer kurzen Anmoderation darauf hinwiesen. „Eine derart inspirierende Zusammenarbeit erfährt man wirklich selten“, sagte Durand und hielt kurz inne. „Die Zeit wird mir wirklich fehlen.“ Es gab Applaus von den Besuchern, etwa 15 an der Zahl, vor allem studentisch, jung. Und dann ging ein letztes Mal in dieser Ära das Licht aus – die Bühne gehörte dem Film.

Der Verein „Kino im U e.V.“ bestand aus Vertretern der einzelnen Partner im U und vom Internationalen Frauenfilmfestival. Sie kümmerten sich nur um die Finanzierung, waren an der Auswahl der Filme und der Gestaltung des Programms nicht inhaltlich beteiligt. Als Verein (wie auch der HMKV) war Kino im U flexibler als andere Träger im U. Nun werden die Mühlen „langsamer mahlen“, wie Silke Räbiger sagt. Dass Funke nur mit einer halben Stelle für das Kino arbeiten konnte, sehen sie und Räbiger als Mangel: Gerne hätten sie mehr gemacht, vor allem ein größeres Programm und weitreichendere Öffentlichkeitsarbeit. Die RWE bzw. innogy sponserte die Technik im Kino – anders als viele glauben wurde das Kino nicht mit laufenden Beiträgen von innogy finanziert. Infos zum Kino im U gibt es unter www.dortmunder-u.de.