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Haus St. Martin bietet Orientierung in der Orientierungslosigkeit

Demenzkranke

Der Pflege von Demenzkranken hat sich das Haus St. Martin mit Wohngemeinschaften verschrieben. Die Einrichtung steht modellhaft für einen bundesweiten Standard in diesem Pflegebereich.

Wessum

von Christian Boedding

, 26.06.2018
Haus St. Martin bietet Orientierung in der Orientierungslosigkeit

Zuhören, reden. Pflegefachkraft Melanie Weßling mit einer dementen Bewohnerin im Haus St. Martin. © FOTO: Christian Boedding

Montagvormittag in der Wohnküche der Wohngemeinschaft im Haus St. Martin am Eichengrund in Wessum. Eine Pflegekraft bereitet das Mittagessen vor und bittet dabei Frau H. (Name der Redaktion bekannt) immer wieder um ihre Ratschläge als erfahrene Hausfrau. Die Pflegekraft weiß, dass Frau H. sich immer um Haus und Familie gekümmert und dies eine große Bedeutung für sie hat. Frau H. hat Demenz. Es geht um den Erhalt der Identität, um ihr „Person-Sein“.

Dieses Bedürfnis von Menschen mit Demenz steht im Mittelpunkt der Entwicklung eines deutschlandweit gültigen Expertenstandards. Der etwas sperrige Titel lautet: „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“. Verantwortlich dafür ist das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Der Expertenstandard wird sechs Monate lang in bundesweit 25 Pflegeeinrichtungen erprobt. Eine davon ist das seit 2005 bestehende Haus St. Martin des Caritasverbandes.

Dort leben in zwei Wohngemeinschaften je neun Menschen mit einer Demenzerkrankung. Sie werden rund um die Uhr vom Pflegedienst der Caritas betreut und pflegerisch versorgt. Stellvertretend für mehrere tausend Einrichtungen zu stehen, das sei schon „eine Besonderheit“ sagt Birgit Leuderalbert, Koordinatorin Qualitäts- und Projektmanagement. Die Wessumer Einrichtung ist eine von drei teilnehmenden Wohngemeinschaften, hinzu kommen Krankenhäuser, Altenpflege-Einrichtungen und Ambulante Pflegedienste. Der Expertenstandard soll künftig für alle Einrichtungen gleichermaßen verbindlich sein.

Das Miteinander steht im Mittelpunkt

Doch worum geht es dabei genau? „Es geht um das person-zentrierte Konzept“, antwortet Birgit Leuderalbert. „Es geht um die Identität der Person. Wir stellen das Miteinander in den Mittelpunkt der Begleitung.“

Dieses Miteinander spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Eine Rolle spielen beispielsweise die Kompetenzen, die eine Pflegefachkraft für die Versorgung von Menschen mit Demenz mitbringen muss. „Sie muss in der Lage sein, kognitive Leistungseinbußen einzuschätzen und auf dieser Basis konkrete pflegerische Maßnahmen ableiten.“ Es geht darum, wie mit der demenzkranken Person in Kontakt getreten werden kann – zum Beispiel in der Wohnküche. „Wir haben von jedem Bewohner einen Biografie-Bogen“, erklärt Mariela Gerdes, Koordinatorin der Caritas für die ambulant betreuten Wohngemeinschaften. „Wir wissen, was ihnen früher wichtig war.“

Orientierung geben in einer zunehmenden Orientierungslosigkeit, darum geht es. Birgit Leuderalbert: „Demenz muss man auch als Krise des Erlebens verstehen, eine der schlimmsten Krisen, die man sich vorstellen kann. Man verliert seine eigene Identität. Menschen reagieren sehr unterschiedlich darauf.“ Der eine mit Rückzug, der andere mit Abwehrverhalten. „Auch die Verläufe sind unterschiedlich, mal langsam und über Jahre, mal rapide.“ Ein weiterer Teil des Expertenstandards ist die Beratung der pflegenden Angehörigen und nicht zuletzt ist die Einrichtung selbst gefordert: Was muss sie bereithalten, damit die Pflege von Menschen mit Demenz gelingen kann? „Es gilt, den Rahmen dafür zu schaffen. Es muss den Mitarbeitern ermöglicht werden, sich in die Personen hineinzuversetzen“, beantwortet Mariela Gerdes diese Frage.

Wünsche äußern und respektieren

Die sechsmonatige Erprobungsphase begann Anfang Januar und endet am 30. Juni. Auf der Basis der Rückmeldungen aus der Praxis soll der noch modellhafte Expertenstandard schriftlich bis Ende des Jahres überarbeitet und endgültig schriftlich fixiert werden. Geplant ist, das Werk Anfang 2019 als verbindlich freizugeben. Viele der Anforderungen seien in Wessum schon seit Jahren gängige Praxis, sagen die Verantwortlichen. „Aber trotzdem wird deutlich, dass unsere Mitarbeiter noch breiter geschult sein müssen“, berichtet Birgit Leuderalbert. Im Haus St. Martin stellen fast 60 Caritas-Mitarbeiter den Tagesablauf sicher. „Für Häuser, die bei null anfangen, ist es praktisch unmöglich, den Expertenstandard innerhalb von sechs Monaten umzusetzen.“

Dabei gilt: Weg vom Schema F. Pflegefachkraft Melanie Weßling: „Wir möchten, dass die Demenzkranken ihre Wünsche äußern und diese Wünsche respektiert werden. Das ist bei Menschen mit Demenz um ein Vielfaches schwieriger, weil die Verständigung nicht mehr so möglich ist.“ Sich in die betroffenen Personen hineinversetzen, „Beziehungsarbeit“ leisten, das kostet die Pflegekräfte Zeit. Birgit Leuderalbert sieht dabei vor allem die Politik gefordert. Sie und ihre Kollegen würden allzu gern Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in die Pflicht nehmen, der 13.000 neue Pflegestellen ankündigte.