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Eine Nacht allein im Hotel der Zukunft

dzSmartel Ahaus

Das neue Smartel in Ahaus ist ein Hotel ohne Menschen. Bedient wird es mit dem Smartphone. Volontär Falko Bastos hat das Smartel im Selbstversuch getestet. Nicht alles ist smart.

Ahaus

, 11.06.2018

Es sind nur wenige Fingertipps auf dem Smartphone, die mich 82 Euro ärmer machen. Konto erstellen, Zimmer wählen, Bezahlen per Paypal. „Willkommen im Smartel“ erscheint auf meinem Display. Meine Neugier ist geweckt. Werde ich das Hotel der Zukunft erleben?

Keine 24 Stunden später stehe ich vor einer verschlossenen Glastür an der Coesfelder Straße in Ahaus. Dass es in einem Hotel ohne Personal keine Rezeption gibt, dürfte kaum überraschen. Dass es keinerlei Erklärung zum Öffnen der Tür gibt, dagegen schon. Ich starte die Smartel-App und finde das Steuerungs-Menü. „Hoteltür öffnen“, erscheint ganz oben. Erleichterung.

Es dauert nicht lange bis zur ersten Ernüchterung. Denn ich brauche einige Versuche und einiges an Kraftaufwand, bis sich die Tür öffnet. Nach dem hellen, quietschbunten Treppenhaus erwartet mich ein dunkler, quietschbunter Flur, auf dem es süßlich stechend nach Lösungsmittel riecht. Pink trifft auf Neongrün, Orange auf Türkis – jede Wand des verwinkelten Flures wird in einer anderen Farbe angestrahlt.

Eine Nacht allein im Hotel der Zukunft

Die Beleuchtung im Flur ist ziemlich bunt. © Falko Bastos

Meine Zimmertür erkenne ich daran, dass mein Vorname auf dem eingebauten Display steht. Datenschutz? Dass an den anderen Türen keine Namen stehen, lässt mich vermuten, dass ich in dieser Nacht der einzige Gast sein werde. Der einzige Mensch im Smartel? Unbehagen bereitet mir das erst, als die Zimmertür mir den Einlass verweigert. Alternativ zur Smartphone-Öffnung gibt es auch einen fünfstelligen Zahlencode zur Eingabe auf dem Tür-Display.

Das Problem ist aber weder die Entsperrung per Smartphone noch die per Zahlencode, sondern die Mechanik der Tür. Durch Versuch und Irrtum lerne ich, dass man erst kräftig ziehen und dann ebenso kräftig drücken muss, um die Tür zu öffnen. Ich frage mich, welchen Vorteil die digitale Entriegelung hat, wenn sich die Tür kaum öffnen lässt, ohne eine Hand frei zu haben.

Flur in Betonoptik, bunt beleuchtetes Bett

Drinnen erwartet mich eine angenehm reduzierte Einrichtung. Schnörkellos in Weiß mit grauer Betonoptik präsentiert sich das Zimmer. Und im Vergleich zum Flur wirkt es hier deutlich heller. Einzige Gemeinsamkeit mit dem Flur: Die bunten Farben, in denen der Bereich um das Bett ausgeleuchtet wird. Im Studio „Brazil“ dominiert Grün als voreingestellte Lichtfarbe.

Wer sich eine andere grell-bunte Farbvariante wünscht, kann dies problemlos ändern. Entweder per Smartphone oder auf dem fest installierten Kontrollpanel an der Wand. Neun verschiedene Lichtfarben mit Namen wie „Juicy“ oder „Jungle“ stehen zur Auswahl, um das Licht der eigenen Stimmung anzupassen. Ich bin nicht in der Stimmung für Knallbonbon-Optik und suche nach Optionen wie „stinknormal“ oder „Lasst mich in Ruhe mit Farben“. Fündig werde ich beim neunten von neun Versuchen mit „Freeze“. Der Name ist Programm, denn ab jetzt strahlt das Zimmer im Kaltweiß eines OP-Saals.

Im Video sehen Sie unter anderem, wie die Steuerung der Zimmertechnik funktioniert.

Wer die dazu passende Temperatur wünscht, kann das Zimmer per Klimaanlage auf bis zu 18 Grad runterkühlen. Auch Licht und Fensterrollo lassen sich per Fingertipp steuern. Ärgerlich ist, dass das Fenster sich nur wenige Zentimeter öffnen lässt, weil es von innen gegen das davor montierte Rollo stößt. Auf der Website hatte das Smartel ein „öffenbares Fenster mit Blick in die Stadt“ versprochen. Stattdessen blicke ich durch das geschlossene Fenster auf die Großbaustelle gegenüber.

Kein smarter TV, keine künstliche Intelligenz

Ich starte den Fernseher mit dem Smartphone. „Schön, dass Du da bist, Falko“, begrüßt er mich. Technik-Nerds wären wohl enttäuscht, dass dahinter keine künstliche Intelligenz steckt, mit der man plaudern kann. Fraglich, ob sich Leute, die ihre Haustechnik per Sprachbefehl an Alexa und Co. steuern, von virtuellen Lichtschaltern auf dem Smartphone beeindrucken lassen.

Auch der Fernseher kommt weniger smart daher, als man es aus dem eigenen Wohnzimmer kennt. Während man Netflix und Co. auf jedem aktuellen Fernseher per Fernbedienung starten kann, geht das im Smartel nur über einen Umweg namens Google Chromecast. Damit lassen sich Medien von Mobilgeräten auf den Fernseher streamen. Dafür ist zusätzlich die App „Google Home“ nötig. Ich scheitere an der Einrichtung. Ein von der App versprochener Code erscheint nicht auf dem Bildschirm.

Das Badezimmer ist schnörkellos und funktional. Besonders smart ist es nicht. Die einzige Funktion zur digitalen Steuerung bleibt darauf beschränkt, die Beleuchtung des Badezimmerspiegels an- und auszuschalten. Bluetooth-Lautsprecher unter der Dusche sucht man vergeblich, und der Wasserhahn wird mechanisch bedient.

In einer Schublade im Flur finde ich die Minibar mit gekühltem Bier, Cola und Wasser. In einer weiteren Schublade gibt es Schokolade, Chips und Kapseln für die Kaffeemaschine. Snacks und Getränke sind inklusive, denn im Hotel gibt es sonst weder Essen noch Getränke. Für warmes Essen empfiehlt die Smartel-Website die Tobit-eigene Burgerschmiede. „Lass es Dir direkt ins Smartel liefern“, schlägt die Seite vor. Das überzeugt mich. Also bestelle ich zwei Burger per App. Dort habe ich die Wahl zwischen Abholung, Lieferung in eine Sportsbar und Lieferung zum Auto. Das Smartel steht nicht zur Wahl.

Potenzielle Störenfriede im menschenleeren Hotel

Bevor ich das Zimmer verlasse, um die Burger abzuholen, stelle ich das Steuerungs-Panel auf „abwesend“. Wer nun erwartet, dass das Smartel die Abwesenheit des Gastes nutzt, um Energie zu sparen, wird überrascht. Der Fernseher läuft weiter und die voreingestellte Bett-Beleuchtung springt an. Auch eine andere Funktion überrascht. So kann ich im Steuerungs-Menü angeben, nicht gestört werden zu wollen. Aber wer könnte mich in einem Hotel ohne Menschen schon stören? Auf dem Flur zeigt sich das Ergebnis: „Pssst“ steht nun auf dem Display an meiner Zimmertür. Potenzielle Störenfriede im menschenleeren Hotel sind gewarnt.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So sieht das Smartel Ahaus von innen aus

Falko Bastos, Volontär das Münsterland Zeitung, hat sich für eine Nacht im neuen Smartel Ahaus eingemietet.
13.06.2018
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Chips, Schokolade und Kaffeekapseln gibt es inklusive.© Falko Bastos
Im Schlafzimmer steht ein Queensize-Bett.© Falko Bastos
Die Beleuchtungsvarianten sind leider alle ziemlich bunt.© Falko Bastos
Der Flur ist schlicht und schnörkellos.© Falko Bastos
Das Badezimmer ist nicht besonders smart.© Falko Bastos
© Falko Bastos
Anders als versprochen, ließ sich das Fenster nicht öffnen, da es vom Rollo blockiert wird.© Falko Bastos
War leider nicht verfügbar: Die Essens-Lieferung ins Smartel. © Falko Bastos
Das Begrüßungs-Paket im Bad mit Seife und Körperlotionen.© Falko Bastos
Die Armatur ist nicht smart.© Falko Bastos
Mit dem Wandpanel lässt sich die gesamte Technik im Zimmer steuern.© Falko Bastos
Freundlich, aber nicht smart: Der Fernseher.© Falko Bastos
Die Minibar bietet kühle Getränke. Die sind im Studio-Preis enthalten.
Das Smartphone ist hier unbedingt notwendig.© Falko Bastos
Auf dem Nachtisch gibt es mehrere Möglichkeiten zum Aufladen des Handys.© Falko Bastos
Ein Blick ins Zimmer© Falko Bastos
So sieht die Benutzeroberfläche zur Zimmer-Steuerung auf dem Smartphone aus.© Falko Bastos
Abdunkeln ließ sich das Zimmer entgegen der Beschreibung nicht.

Als ich mit dem Essen zurückkehre, trifft mich das schlimmste Schicksal eines Smartel-Nutzers. Nach der stundenlangen Nutzung meines Smartphones zur Zimmer-Steuerung ist der Akku leer. Gut, dass ich mir den Türcode gemerkt habe, denn nachlesen kann ich ihn nur auf dem Smartphone. Anders als in vielen Automatenhotels gibt es keine Funktion, sich mit einem Kundendienst verbinden zu lassen.

Möglichkeiten, den Akku aufzuladen, gibt es im Zimmer dagegen reichlich. Auf dem Nachttisch liegt keine Bibel. Dafür wird er zum Altar für das Heiligtum. Ein QI-Charging-Spot zum kabellosen Aufladen ist in die Tischplatte eingebaut. Darunter findet sich eine Steckdose mit separaten USB-Anschlüssen.

Im Queensize-Bett daneben liegt es sich gut. Ich teste den Schlafmodus. Das Rollo fährt herunter und alle Lichtquellen werden ausgeschaltet. Das heißt: alle bis auf das Kontrollpanel, das einfach weiterleuchtet. „Studio komplett abdunkelbar“ steht auf der Website. Das Rollo ist aber einige Zentimeter zu schmal, um Licht von außen abzuhalten. Beim Einschlafen frage ich mich noch, ob ich nachts das Smartphone mit ins Bad nehmen muss, um das Licht anzustellen. Immerhin erweist sich diese Sorge als unbegründet. Ein Bewegungsmelder an der Decke, verhindert, dass Hotelgäste nachts nach dem nicht vorhandenen Schalter suchen.

Baustellenlärm um 7 Uhr morgens

Einen Weckservice für den Morgen gibt es nicht. Dafür hat man ja sein Smartphone. Noch bevor der Wecker klingelt, werde ich vom Baustellenlärm geweckt. Der kommt nicht von der Baustelle auf der anderen Straßenseite, sondern aus dem Smartel. Nebenan läuft seit sieben Uhr der Schlagbohrer. Vom Bett aus, sorge ich für den „Pssst“-Hinweis an meiner Tür – ohne Erfolg. Ein gutes Feature wäre jetzt die Smartphone-Steuerung für die Kaffeemaschine.

Auf dem Flur begegne ich Bauarbeitern und Reinigungskräften in Tobit-Montur. Es sind die ersten Menschen, die ich nach 14 Stunden im Smartel sehe. Irgendwie beruhigend, dass sie da sind.

Im Smartel Ahaus kosten die Studios zwischen 70 Euro (Einzelzimmer) und 135 Euro (Zwei Räume), jeweils ohne Frühstück. Zum Vergleich: Hof zum Ahaus: EZ: 51 Euro, DZ: 82 Euro, Apartment: 80 Euro. Schlosshotel: EZ: 69 Euro, DZ: 99 Euro. Landhotel Elkemann: EZ: 39 Euro, DZ: 83 Euro (alle mit Frühstück). Das sagt Tobit: „Der Start läuft noch“, so Claire Krotofil vom „Creative Team“. Bis Ende Juni werde noch an den letzten Zimmern gearbeitet und die Software sei erst im dritten Quartal komplett. „Natürlich gibt es noch die eine oder andere Kinderkrankheit.[...] Wer aktuell im Smartel wohnt, aber eigentlich eher nicht technikaffin ist, der empfindet die Bedienung an manchen Stellen noch ein bisschen zu umständlich. Aber das ändert sich schnell. [...] Wir verbessern das Smartel Woche für Woche.“