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Jürgen Klopp

Der Meistermacher

Jürgen Klopp ist zur richtigen Zeit der richtige Mann am richtigen Ort. Seine wichtigste Eigenschaft: Er ist ein Menschenfänger. Kein Trainer in Deutschland begeisterte je so sehr die Massen wie Klopp, der Diplom-Sportwissenschaftler aus dem Schwarzwald.

DORTMUND

von Von Sascha Fligge

, 02.05.2011
Jürgen Klopp

Am Ziel: Jürgen Klopp mit der Meisterschale.

Dortmunds Coach balancierte die komplizierte, multinationale Gruppe mit Feingefühl aus, pochte auf Gleichbehandlung und gab nichts auf in der Vergangenheit erworbene Meriten. Von der Öffentlichkeit wurde der Trainer fälschlicherweise lange als Kumpeltyp wahrgenommen – dabei ist er in der Sache knallhart und autoritär.

Ein Fußballverrückter im Grenzbereich, der dank seiner rhetorischen Fähigkeiten regelmäßig (improvisierte) Vorträge vor Managern hält. Geben Sie ihm auf einem leeren Platz ein Mikrofon – nach einer Viertelstunde ist der Platz voll.   Fußballerisch steht Klopp für hohen läuferischen Aufwand, aggressives Pressing und explosives Umschaltspiel. Moderne Kickkunst eben. Drei Jahre arbeitet der Fan des „Vollgas-Fußballs“ nun schon in Dortmund und kletterte stets in der Tabelle. Vom sechsten auf den fünften und vom fünften auf den ersten Platz. Wir stellen die Frage: Wie viel Klopp steckt schon in diesem BVB?

Petra Stüker arbeitet in Borussias Fanbetreuung. Sie sagt: „In den Jahren vor Jürgen Klopp mussten wir unsere Trainer immer fragen, ob sie zu einem Fantreffen kommen würden.“ Klopp hingegen sei im Sommer 2008 selbst aktiv geworden: „Er hat von sich aus um ein Gespräch mit den Anhängern gebeten, wollte ihnen erklären, was von der ersten Saison unter seiner Leitung zu erwarten ist.“   Stüker meint, Klopp sei bis heute „immer ein Vorreiter in Sachen Fannähe geblieben“. Eine ihrer Lieblingsgeschichten: „Während eines Fanprojekt-Treffens haben Klopp und seine Frau Ulla stundenlang mit den Fans geknobelt. Wir dachten, die wollen gar nicht mehr nach Hause…“

„Er ist ein absoluter Profi auf diesem Gebiet“, sagt BVB-Pressechef Josef Schneck. „Mit jedem Interview, das Klopp gibt und mit jedem TV-Auftritt, steigt die Anzahl der Begehrlichkeiten. Wir können die ganzen Interviewwünsche, die an ihn herangetragen werden, inzwischen gar nicht mehr erfüllen.“   Klopp gilt als rhetorische Allzweckwaffe der Borussia. Schneck:„Man muss ihm nie Tipps geben, wie er sich zu verhalten hat.“ Sein Sprachwitz sprudelt aus einer unerschöpflichen, natürlichen Quelle. „Ich muss am Tag Hunderte Entscheidungen treffen, und wenn ich da immer überlegen würde, wie wirkt das auf wen und vor allem natürlich auf die Öffentlichkeit, dann wäre der Tag definitiv zu kurz“, sagt der Trainer. Mitunter eckt er auch an. Klopp nimmt nicht jeden Journalisten ernst. Und das lässt er die Betreffenden deutlich spüren.

Große Namen und in der Vergangenheit erworbene Heiligenscheine interessieren ihn nicht. Er installierte zu Beginn seiner Amtszeit in Mats Hummels und Neven Subotic (damals beide 19) das jüngste Manndecker-Paar der Bundesliga-Historie. In der vergangenen Spielzeit ersetzte er BVB-Publikumsliebling Dede durch das Eigengewächs Marcel Schmelzer, dem vor Klopps Trainerzeit selbst im Dortmunder Amateurbereich niemand eine Profikarriere zugetraut hatte. Inzwischen ist Schmelzer der stärkste Linksverteidiger der Liga und Nationalspieler.   Übrigens: Klopp ist in der Kabine nicht der smarte Dauerlächler, sondern durchaus ein hierarchisch denkender, manchmal auch aufbrausender und zorniger Chef. Wenn er sich zu einer personellen Entscheidung durchgerungen hat, ist diese fast unumstößlich. „Wir entscheiden uns ja auch irgendwann für eine Frau, und wenn man nicht ganz verwirrt ist, entscheidet man sich anschließend nicht jeden Tag wieder für eine andere. So ist das auch als Trainer“, sagt er.

In seiner ersten Saison hat er dem BVB 200.000 Euro gerettet. Hospitality-Kunden, die auf dem Absprung waren, fing Klopp mit dem Lasso wieder ein. Telefonisch! Stefan Heitfeld, Leiter des Teams von BVB-Vermarkter Sportfive, erinnert sich: „Ich saß daneben, als er die Kunden abtelefoniert hat. Wir haben die Karte Klopp bewusst gespielt. Der Trainer ist authentisch, glaubwürdig, hat immer einen Spruch auf Lager.“ Manch ein VIP-Karten-Kunde habe anfangs nicht geglaubt, dass wirklich der Coach am anderen Ende der Leitung spricht. „Ja, klar, und ich bin der Kaiser von China, entgegnete einer“, sagt Heitfeld.   Es war nicht die einzige Vermarktungs-Aktion mit Klopp. Der Trainer ließ sich in einem Dortmunder Nobelhotel für Sportfive auch schon mit 100 potenziellen Neukunden des BVB fotografieren. Heitfeld: „Jeder Einzelne bekam ein Foto von sich mit Meisterschale – und natürlich mit Jürgen Klopp.“ Der Mann hat offenbar eine Engelsgeduld.