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Gündogan über einen erfüllten Traum und EM-Touristen

Bei der Nationalelf

Ilkay Gündogan kommt mit einem Lächeln zu unserem Gespräch im DFB-Quartier "Dwor Oliwski". Es ist das erste Interview, das der 21-Jährige als EM-Teilnehmer gibt. Noch vor einem halben Jahr war der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund meilenweit von der Nationalelf entfernt. Jetzt ist er mittendrin - und kann deshalb auch mit dem Begriff des "EM-Touristen" nur wenig anfangen.

DANZIG

21.06.2012
Gündogan über einen erfüllten Traum und EM-Touristen

Radfahren können sie auch, aber viel lieber würden Ilkay Gündogan, Mario Götze und Marco Reus (v.l.) bei dieser Europameisterschaft auf dem grünen Rasen ihr Können zeigen.

Es ist sensationell. Gerade an Spieltagen, wenn man das ganze Drumherum miterlebt. Das ist etwas Einzigartiges und etwas, das man so schnell nicht vergisst. Da geht ein Traum in Erfüllung. Ich bin sehr glücklich darüber, das alles mit 21 Jahren, also noch sehr früh in meiner Karriere, mitzuerleben. Das erfüllt mich mit Stolz.

Ich denke, dass ich intern inzwischen meinen Platz gefunden habe und integriert bin. Ich bin selbst auch offener geworden in den vergangenen Wochen. Das alles hat dazu geführt, dass ich mich jetzt sehr wohl hier fühle. Ich war vorher ja nur ein-, zweimal für ein paar Tage dabei. Mittlerweile kenne ich die Jungs seit ein paar Wochen. Ich kann auch im Training jetzt mein richtiges Spiel zeigen. Man kann deshalb schon sagen, dass ich angekommen bin. Aber …

… ich bin noch kein gestandener Nationalspieler. Ich muss mich erst noch etablieren und meine Leistung zeigen. Ich denke jedoch, dass ich auf einem ganz guten Weg bin.

Ich mache mir darüber keine großartigen Gedanken. Ich bin Teil dieser tollen Mannschaft. Welche Begriffe andere dafür verwenden, ist mir egal. Die, die noch keinen Einsatz hatten, sind zwar nicht die Hauptprotagonisten bei diesem Turnier. Aber wir sind auch enorm wichtig für das Teamgefühl.

Wir führen die positive Stimmung weiter, hängen uns im Training rein und üben Druck aus. Dadurch fördern wir die Leistung der gesamten Mannschaft. Wir haben einen fantastischen Kader, auch in der Breite. Jeder hat das Potenzial, dem Team zu helfen. Das hat man ja zuletzt bei Lars Bender gesehen.

Klar, wegen solcher Momente ist man Fußballer geworden. So etwas macht deine Karriere speziell.

Natürlich kommt manchmal ein bisschen Langeweile auf, aber das gehört dazu. Die Tage hier ähneln sich. Man trainiert ein- oder zweimal täglich, ansonsten hat man viel Freizeit. Aber wir können damit auch ganz ordentlich etwas anfangen. Wir schauen zusammen einen Film, gehen in die Sauna, spielen Billard. Und zum Glück lief ja bis jetzt fast jeden Abend Fußball im Fernsehen. (lacht)

Das ist kein Problem. Ich versuche, das Ganze mit der nötigen Lockerheit anzugehen, aber dabei trotzdem fokussiert und konzentriert zu bleiben.

Die Frage kann ich jetzt noch nicht beantworten, sondern erst nach dem Turnier. Noch vor einem halben Jahr hätte das niemand vermutet, dass ich hier bin. Ich bin froh, dass ich nach einer schwierigen Hinrunde in Dortmund zurückgekommen bin und dadurch den Sprung in den EM-Kader geschafft habe. Das wird mir immer bleiben.

Nein. Natürlich habe ich diese Kritik wahrgenommen. Aber ich hatte trotzdem nie das Gefühl, dass ich anderen beweisen müsste, was ich drauf habe. Es ging nur darum, es mir selbst und den Leuten zu beweisen, bei denen ich in der Pflicht stand. Also meinem Trainer, dem Manager, den Teamkollegen. Ich wollte helfen. Es war eine schöne Bestätigung für mich, dass ich das in der Rückrunde dann auch konnte und meinen Teil dazu beigetragen habe, mit dem BVB so eine tolle Saison zu spielen.

Sicherlich hilft es ab und an, mit Menschen über seine Probleme zu reden. Aber es liegt mir nicht, mit meiner Familie und meinen Freunden über meine Sorgen im Sport zu reden.

Vielleicht auch das. Ich möchte sie damit nicht belasten. Wenn es um meine Person geht, bin ich eher der Typ, der sich selbst Gedanken macht. Ich fresse die Sachen nicht in mich rein, aber ich analysiere meine Situation lieber klar und kühl, mache es mit mir selbst aus. In der Vergangenheit konnte ich so immer gute Entscheidungen treffen und eine Lösung finden. Eine Sache ist dabei allerdings wichtig.

Man muss das Vertrauen seines Trainers spüren. Dann kann man seinen Weg auch in kritischen Zeiten weiter verfolgen. So war es bei mir im vergangenen Jahr und so konnte es dann auch in die richtige Richtung gehen.

Im Fußball gibt es die verschiedensten Typen, aber davon hängt der Erfolg meiner Meinung nach nicht ab. Dazu muss man sich nur mal den FC Barcelona angucken. Von den Spielern dort hört man kaum mal etwas Privates – im Gegensatz zu Christiano Ronaldo. Man kann  wenig reden und trotzdem erfolgreich sein. Erfolg ist keine Charaktersache. Wichtig ist nur, dass man sich selbst nicht des Erfolgs willen ändert.

Nein, ich hatte nie Probleme, mein Ding durchzuziehen. Was in den Medien passiert, kann ich ohnehin nicht beeinflussen.

Ich habe damit erst vor einem Jahr angefangen, aber ich habe gemerkt, dass es enorm wichtig geworden ist. Am Anfang war mir das nicht so bewusst, aber mittlerweile habe ich zum Beispiel auch sehr viele Fans in der Türkei, die mir auf Facebook folgen. Ich poste dort deshalb ab und zu Privates, damit die Leute auch abseits des Platzes einen Eindruck von mir gewinnen können. Ich möchte den Fans nahestehen und ihnen etwas von mir geben. Ich denke, es ist schön, wenn die Leute auch mal mit jemandem kommunizieren können, den sie sonst vielleicht nur aus dem Fernsehen kennen.

Gelöscht habe ich noch nie etwas. Dazu mache ich mir im Vorfeld zu viele Gedanken darüber, was ich am besten schreiben könnte. Ich veröffentliche nie etwas, um jemanden schlecht dastehen zu lassen oder weh zu tun. Es soll um mich gehen und um niemand anderen.

Es gab schon negative Kommentare, aber nie rassistische Beleidigungen. Als ich mich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hatte, bekam ich Nachrichten von Türken, die in Deutschland leben, aber meine Entscheidung nicht nachvollziehen konnten. Das hat mich verwundert, aber es waren nur ein paar Personen, die man an einer Hand abzählen konnte. Deshalb habe ich mir darüber auch keine großen Gedanken gemacht. Es ist Teil des Geschäfts, auch bei Kritik zu seiner Entscheidung zu stehen. Außerdem ist bei mir der Trend in den vergangenen Wochen deutlich in die andere Richtung gegangen.

Mir schreiben sehr viele Menschen, die in der Türkei leben, dass sie sehr stolz auf mich sind und die EM mit einem anderen Interesse verfolgen. Mesut und ich repräsentieren ein Stück ja auch die Türkei. Solch positive Reaktionen machen mich stolz und glücklich.

Nein, ich war nicht ständig in Konfliktsituationen verwickelt. Klar gab es in meiner Jugend die eine oder andere Pöbelei, die ich versucht habe, zu schlichten. Aber ich musste nie großartig einschreiten und etwas erklären. In der Hinsicht hatte ich wirklich viel Glück. Meine besten Kumpels haben sich immer von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit distanziert. Und durch den Fußball war ich ohnehin eine Person, die kulturübergreifend akzeptiert wurde. Der Sport ist ein gutes Mittel dazu. Man kämpft dort für ein gemeinsames Ziel.

In unserem Land leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, die sich als Deutsche fühlen, aber auch stolz auf ihre ursprüngliche Heimat sind. Wir spiegeln genau das wider. Bei uns sind Spieler unterschiedlicher Herkunft und Kulturen dabei, aber wir harmonieren fantastisch. Es ist schön zu sehen, wie viel Spaß wir gemeinsam haben. Bei uns zählt nur, was man dafür tut, diese Gemeinschaft zu fördern. Man sollte einen Menschen nicht danach beurteilen, woher er kommt, sondern nur nach seinem Charakter. Ich denke deshalb auch, dass unsere Nationalmannschaft ein gutes Beispiel dafür ist, wie es in Deutschland auch außerhalb des Sports aussehen sollte.

Bislang sah es ein bisschen so aus, als könne jeder jeden schlagen. Einen richtigen Favoriten konnte ich noch nicht erkennen. Es gab keine Mannschaft, die herausgestochen ist. Jedes Team musste schon sehr enge Spiele bestreiten. Für uns wurde es gegen Dänemark gegen Ende noch eng. Für Spanien und England ebenfalls. Die Nationen liegen noch sehr nah beieinander. Deshalb hatten auch die vermeintlichen großen Mannschaften schon Probleme.

Unser Ziel ist ganz klar, ins Halbfinale einzuziehen. Wir sind in der Lage, die griechische Verteidigung zu knacken. Das müssen wir auf dem Platz jetzt aber auch zeigen.

(lacht) Ach, wir haben auf meiner Position so viele Alternativen. Da mache ich mir deshalb gar keine Sorgen, dass es in der Hinsicht Probleme geben könnte.

Natürlich wäre es schön, wenn ich bei diesem Turnier noch die eine oder andere Einsatzminute bekommen würde. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist, werde ich eine Menge aus diesem Turnier mitnehmen. Der Bundestrainer hat mir ein gutes Feedback gegeben. Ich werde weiterhin alles geben für das Team und in Zukunft dann hoffentlich eine gute Rolle bei der Nationalmannschaft spielen.  

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