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Als junges Mädchen lebte die Westhofenerin Irmgard Fulfs in der Nähe der Zeche Viktoria in Lünen. Ihr Wunsch 1951: Einmal mit dem Förderkorb einfahren. So begann ihr größtes Abenteuer.

Westhofen

, 25.09.2018 / Lesedauer: 4 min

Wissbegierig und abenteuerlustig war Irmgard Fulfs schon als junges Mädchen. Das bescherte der heute 84-jährigen Westhofenerin 1951 eine Nacht unter Tage, allein unter Männern.

Irmgard Fulfs, geborene Schröder, wuchs in Lünen auf, in den Nähe der Zeche Viktoria. Es war eine harte Zeit, erinnert sie sich. Der Vater war nach Kriegsende noch lange in Gefangenschaft. Die Oma verdiente Geld dazu, indem sie für die Erkerfenster der Steigerhäuser Gardinen aus Wolle häkelte. Außerdem betrieb sie einen kleinen Handel – in ihrer Küche. Auf einem großen Küchenschrank standen Gläser mit Gewürzgurken, Bonbons und eingelegten Heringen, die sie an die Bergleute verkaufte, wenn sie vor oder nach der Schicht an ihrem Haus vorbeikamen. Und natürlich gab es aus „Mutter Schröders Küche“ auch das verdiente Bier nach Schichtende. Während Enkelin Irmgard am Küchentisch die Hausaufgaben erledigte, tranken die erschöpften Kumpel auf der Bank vor Schröders Haus ihr Feierabendbier.

Wo kommt die geklaute Kohle her?

In der Nachkriegszeit wurde den Familien Kohle zugeteilt. „Doch es reichte nicht, um unser Haus zu beheizen. Also gingen wir Kohlen von den Zügen klauen. Das machte damals jeder“, berichtet Irmgard Fulfs.

Mit einem Bollerwagen wurden die geklauten Kohlen nach Haus gebracht. „Neugierig wie ich war, wollte ich wissen, wo die Kohle herkommt.“ Deshalb wollte die patente 17-Jährige, die mittlerweile eine Ausbildung zur Verkäuferin in einem Lüner Kaufhaus machte, unbedingt einmal selbst in die Zeche einfahren.

Onkel schmuggelte 17-jährige Nichte für eine Schicht unter Tage

Irmgard Fulfs aus Westhofen war schon mal als Mädchen unter Tage auf der Zeche Viktoria in Lünen. Sie wurde von ihrem Onkel heimlich mitgenommen. © Bernd Paulitschke

Onkel Emil erfüllte seiner Nichte den Wunsch. „Der war nämlich ein richtiger Draufgänger, der hat sich alles getraut und alles gemacht, um unsere Familie zu unterstützen“, sagt Irmgard Fulfs. Einmal habe er sogar ein geklautes Schwein in einem großen Zuber in der Schröders Waschküche gekocht. Und wer Irmgard Fulfs so von Onkel Emil erzählten hört, ahnt schon, von wem sie ihre Abenteuerlust geerbt hat.

Leberwurststulle als Wegzehrung

Eines Abends war es soweit. Irmgards Mutter schmierte der Tochter noch eine dicke Leberwurststulle und füllte eine Flasche Wasser ab – schließlich sollte das Mädchen mit ihrem Onkel eine ganze Schicht unter Tage verbringen – acht Stunden. Dann marschierten Onkel und Nichte Richtung Zeche.

Dass Irmgard mit einfahren sollte, war natürlich ein Geheimnis, in das nur wenige eingeweiht waren. „In diesem Abend fuhr der Steiger nicht mit ein, deshalb ging das.“ Die sechs Kumpel aus Onkel Emils Schicht erklärten dem Mädchen vor dem Förderkorb geduldig, wie man die Bergmannskluft richtig anzog - in die Kaue, die Umkleide der Bergleute, durfte sie natürlich nicht mit hinein. „Ich bekam die volle Montur mit Brille, Helm und Lampe.“

Auf 1200 Meter Tiefe

Dann ging es mit Förderkorb runter auf 1200 Meter Tiefe. „Ich war sehr aufgeregt und hatte auch ein wenig Angst“, erinnert sich Irmgard Fulfs. Die Angst verflog jedoch schnell, als sie den Stollen betrat und in die faszinierende Welt des Bergbaus eintauchte. Eine Grubenbahn brachte das Mädchen und die Männer zum Flöz. Dort konnte Irmgard Fulfs die Arbeit der Streckenarbeiter genau beobachten. „Beim Streckenvortrieb löste eine große Maschine die Kohle und die Männer lagen zum Teil auf dem Bauch und holten die Kohle mit den Händen heraus. Das war eine schlimme, harte und gefährliche Arbeit.“ Es war heiß und stickig im Stollen, und Irmgard verschaffte sich immer mal ein paar Züge frische Luft, indem sie sich vor den Lüftungsschaft stellte. Einmal wäre sie dabei fast aufgeflogen. Ein anderer Trupp kam ihr entgegen, und das Licht ihrer Grubenlampe, die sie locker vor ihrer Brust um den Hals baumeln ließ, blendete den Steiger

Leuchte einem Bergmann nie ins Gesicht

„Verdammte Blage, mach Dein Ding aus. Wie lange bist Du denn schon hier unten, dass Du nicht weißt, dass man einem Bergmann nicht ins Gesicht leuchtet?“ Der Steiger hielt das schlanke große Mädchen offenbar für einen jungen Mann. Den Blick nach unten raunte Irmgard Fulfs nur: „Noch nicht so lange“. Und der Trupp zog weiter. „Ich wusste nicht, dass es quasi eine Beleidigung ist, einem Bergmann ins Gesicht zu leuchten.“ Zum Ende der Schicht schenkten die Kumpel Irmgard einen Holzklotz, in den sie Edelweiß und ihre Initialen geschnitzt hatten. Während sich die Männer in der Kaue duschten und umzogen, legte sich das erschöpfte Mädchen in der Vorhalle auf eine Bank. Mit dem Holzklotz unter dem Kopf schlief sie ein. Als ihr Onkel sie weckte, war der Klotz verschwunden. „Die Leute haben sowas ja damals alle gebraucht zum Verheizen, aber ich fand es einfach nur hundsgemein. Müde, schwarz und traurig gingen Onkel Emil und ich heim.“

Weg war das Erinnerungsstück. Und eine Zeit lang durfte Irmgard von ihrem Geheimnis auch niemandem etwas erzählen, damit der Onkel keinen Ärger bekam. Doch eines hat die 17-jährige doch aus der Tiefe mitgebracht: „Hochachtung für die Männer, die dort schwer schufteten und ihr Leben riskierten.“

Erinnerung im Herzen bewahrt

Irmgard Fulfs jüngerer Bruder wurde später gegen den Willen seines Vaters auch Bergmann. Er brachte es bis zum Obersteiger. „Weil mein Großvater bei einem Grubenunglück auf der Zeche Grimberg starb, hatte er Angst um seinen Sohn. Er hasste die Zeche , doch mein Bruder wollte unbedingt unter Tage.“ Vor ein paar Jahren schenkte er seiner Schwester eine Grubenlampe. Die Nacht in der Zeche Viktoria wird Irmgard Fulfs nie vergessen – auch ohne Souvenir.

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