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Kitas setzen auf Sport

Zu viele dicke Kinder in NRW

NRW Jedes zehnte Kind in NRW ist übergewichtig, wenn es in die Schule kommt. Experten fordern daher, Kinder schon früh für ein gesundes Leben zu begeistern. Wie in den Kitas der Region gegen die Pfunde gekämpft wird.

Zu viele dicke Kinder in NRW

In der Kindertagesstätte „Wirbelwind“ in Dortmund können die Kinder fast den ganzen Tag über nach Herzenslust turnen und toben. Und ihr Essen wird täglich frisch zubereitet. Foto: Schaper

Kinder knien und sitzen im Sandkasten, backen Kuchen oder füllen kleine Anhänger mit Sand. Es ist Januar und die Temperaturen liegen um die fünf Grad. Doch in der DRK-Kita an der Burgstraße in Haltern gibt es kein schlechtes Wetter, das den Aufenthalt an der frischen Luft verhindern könnte. Seit ihrer Eröffnung 2003 trägt die Kita das Gütesiegel „Anerkannter Bewegungskindergarten des Landessportbundes NRW“ mit dem Pluspunkt Ernährung. Hinter dem sperrigen Namen steckt der Wille, schon die Kleinsten für gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung zu begeistern. Das ist in der Einrichtung mit 50 Kindern nicht nur ein Lippenbekenntnis.

Schon zur Einschulung zu viel auf den Rippen

Warum Bewegung wichtig ist, zeigen die Zahlen übergewichtiger Kinder bei der jährlichen Schuleingangsuntersuchung. In das Schuljahr 2015/2016 starteten in NRW demnach 6,3 Prozent der Kinder mit Übergewicht und 4,6 Prozent mit Adipositas. Und die Zahlen stiegen.

Beispiel Castrop-Rauxel: Für das laufende Schuljahr zählte Dr. Wiebke Selle, Abteilungsleiterin für Kinder- und Jugendgesundheit beim Kreis Recklinghausen, bei den Untersuchungen zwar knapp 78 Prozent der Kinder mit Normalgewicht – doch jedes Zehnte war zu schwer. In Dortmund sind es sogar 13 Prozent. Und auch Dr. Petra Winzer-Milo, Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes des Kreises Unna, meldete für Lünen 7,5 Prozent der insgesamt 699 eingeschulten Mädchen und Jungen seien zu dick.

Übergewicht ist übrigens kein Problem der Städte. Bewegungsmangel gibt es auch auf dem Land. In Ahaus etwa stieg die Zahl der übergewichtigen Schulanfänger zwischen 2011 und 2015 von 4,5 Prozent auf 5,2 Prozent und die der Kinder mit Adipositas von 4 Prozent auf 4,2 Prozent. Diese Tendenz bestätigt sich im gesamten Kreis Borken. Die folgende Grafik zeigt den Anteil übergewichtiger Kinder in ausgewählten Städten.

So wird Übergewicht ermittelt

Die Zahlen beziehen sich auf eine Definition der Arbeitsgemeinschaft Adipositas. Ob Kinder übergewichtig sind, ermittelt sie über den Body Mass Index (BMI). Liegt der aus Größe und Gewicht errechnete BMI-Wert eines Kindes über dem von 90 bis 97 Prozent der anderen Kinder in seinem Alter, gilt es als übergewichtig. Bei einem noch höheren BMI-Wert ist es adipös, also stark übergewichtig.

Der Anteil von Kindern mit Übergewicht steigt an, je älter sie werden. Eine deutschlandweite Untersuchung des Robert-Koch-Instituts ergab zwischen 2009 und 2012, dass unter den 11- bis 17-Jährigen bereits ein Fünftel zu viel wogen. Als Erwachsener ist nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes dann fast jeder Zweite übergewichtig.

Früher Ansatz ist wichtig

Und doch lohnt es sich trotz der geringeren Zahl von Übergewichtigen, die Altersgruppe der Vor- und Grundschüler näher zu betrachten. Denn gerade in diesem Alter entwickeln Kinder Muster, die ihr weiteres Leben prägen.

Elke Meis-Möllenkotte ist Ernährungsberaterin und sieht es als großes Problem, dass so viele Kinder mit Übergewicht zu ihr kommen. Denn „die haben kaum Chancen im Erwachsenenalter nicht mehr übergewichtig zu sein“.

Für Ingo Froböse ergeben sich daraus Probleme, die über zu viel Gewicht an sich hinausgehen. Der Sportwissenschaftler und Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln beobachtet, wie die Kinder gleichzeitig körperliche Fähigkeiten verlieren: Sie sind weniger beweglich, haben Probleme mit Ausdauer und Koordination und das Lungenvolumen lässt nach. Mit dem Gewicht steigt auch das Risiko für Folgekrankheiten, die bei Kindern sonst selten sind: Diabetes, Bluthochdruck, Osteoporose, Rücken- und Knochenprobleme oder Schwierigkeiten des Herz-Kreislauf-Systems.

Zu viele dicke Kinder in NRW

Die Kids der Tageseinrichtung Tausendfüßler in Schwerte toben in ihrer Turnhalle. Foto: Bernd Paulitschke

Bildungshintergrund und Milieu haben Auswirkungen

Das ist Grund genug für zahlreiche Initiativen, zu handeln und die Ursachen für Übergewicht bei Kindern anzugehen. Diese lassen sich auf den ersten Blick auf eine einfache Formel bringen: ungesunde Ernährung + zu wenig Bewegung = Übergewicht. Dahinter werden mögliche Einflüsse vielschichtiger. Experten suchen die Ursachen unter anderem in gesellschaftlichen Milieus und Entwicklungen. Das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen fand etwa heraus, das Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung häufiger übergewichtig waren, die aus Familien mit niedriger Bildung stammten. Unter ihnen waren 8,1 Prozent adipös, bei den Kindern aus Familien mit einer hohen Bildung dagegen nur 2,2 Prozent.

Auch die Kultur und das Umfeld, in denen die Kinder aufwachsen, bestimmen wohl mit, welche Rolle Essen für sie einnimmt und wie sie sich ernähren. Froböse, Meis-Möllenkotte und andere Experten machen auch Computer, Fernseher und Smartphones dafür verantwortlich, dass vor allem Jugendliche sich wenig bewegen und nicht bewusst essen. Auf der anderen Seite kann die digitale Welt laut Froböse „Motivator, Aktivator, Stimulator sein“. Gerade Spiele auf Computer und Smartphone können Kinder dazu animieren auf virtuellen Bühnen zu tanzen oder auf Schnitzeljagd zu gehen.

Trotz vieler möglicher Faktoren von außen spielt laut Froböse und Meis-Möllenkotte die Familie eine große Rolle dabei, ob ein Kind übergewichtig ist. Damit meinen sie nicht die genetische Veranlagung, die Eltern ihren Kindern weitergeben. Laut Froböse macht diese bei Übergewicht nur 30 Prozent aus, die restlichen 70 Prozent schreibt er dem Lebensstil zu. Diesen wiederum lernen Kinder zu einem großen Teil in der Familie.

Zu viele dicke Kinder in NRW

Bewegung wird im DRK-Kindergarten Lippramsdorf nicht nur großgeschrieben. Die Kinder spielen bei jedem Wetter draußen und buddeln auch im Januar im Sandkasten. Foto: Foto: Silvia Wiethoff

Im Wachstumsprozess verschwinden Pfunde

In Panik geraten müssen Eltern aber nicht, nur weil ihr Kind ihnen ein bisschen pummelig erscheint. Ingo Froböse hält nicht viel von den Tabellen, die Kinder in zu dick, zu dünn oder normal einteilen. In der ständigen Entwicklung eines Kindes mit all seinen Veränderungen seien solche Richtwerte schwierig. „Mal kurz ein speckiges Kind zu haben, ist nicht schlimm“, sagt Froböse. Das könne auch eine ganz normale Phase sein. Ist das Kind tatsächlich übergewichtig und bewegt sich eingeschränkt, sollten die Eltern aktiv werden. Da sind sich Ernährungsberater und Sportwissenschaftler einig und versprechen gute Chancen.

„So lange das Kind wächst, hat es noch gute Möglichkeiten, überflüssige Pfunde loszuwerden – wenn die ganze Familie mithilft!“, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Auch hier können sich Eltern an die beiden zentralen Begriffe halten: Ernährung und Bewegung. Und die meisten Ratschläge der Experten gelten nicht nur für übergewichtige, sondern für alle Kinder.

Richtwert: Eine Stunde Bewegung am Tag

Laut Ingo Froböse sollen sich Kinder eine gute Stunde am Tag bewegen, zum Beispiel Fangen spielen, hüpfen oder springen. So werde das Wachstum stimuliert und motorisches Lernen angeregt. Im Alter der Vor- und Grundschule ginge es vor allem darum, grundlegende Bewegungsarten zu lernen, auf die die Kinder dann aufbauen können. So üben sie beispielsweise im Kinderturnen, zu rollen, zu balancieren und zu werfen. Froböse rät davon ab, dass Kinder sich schon in diesem Alter nur auf eine Sportart konzentrieren. Die Aufgabe der Eltern sieht er darin, Kindern Raum und Zeit zu geben, in denen sie sich bewegen können, sie zum Spielen zu animieren, sie anzuleiten und mitzumachen.

Erzieher und Leiter werden geschult

Elke Meis-Möllenkotte ist es in Bezug auf die Ernährung von Kindern besonders wichtig, ihnen die Verantwortung dafür zu geben, wann sie satt sind. Eltern sollten ihre Kinder dabei unterstützen zu „spüren, was Hunger heißt und zu essen, bis sie sich wohl satt fühlen“. Stattdessen beobachte sie oft, wie Eltern ihre Kinder animieren, möglichst viel zu essen. Zudem sollten sie auf eine ausgewogene Lebensmittelauswahl achten und sich dabei an der Lebensmittelpyramide orientieren. Das bedeutet: Viele ungesüßte Getränke, Obst und Gemüse, in Maßen Brot, Beilagen und tierische Produkte und wenig Süßigkeiten. Auch geregelte und gemeinsame Essenszeiten helfen dabei, dass sich die ganze Familie bewusst ernährt.

Die Experten aus Sport und Ernährungswissenschaft fordern von Eltern vor allem eines: Vorbild sein. Wer mit seinen Kindern spielt und sich bewegt und sich selbst bewusst ernährt, schafft die besten Voraussetzungen, dass sie dieses Verhalten übernehmen.

Tageseinrichtung „Abenteuerland“

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Bewegungskindergärten mit Pluspunkt Ernährung

Doch nicht nur die Familien sind in der Verantwortung. Landesweit haben unter anderem Politik, gesetzliche Krankenkassen und der Landessportbund das Problem von übergewichtigen Kindern erkannt. Mit verschiedenen Ansätzen und Schwerpunkten verfolgen sie alle ein Ziel: Kinder und Jugendliche sollen sich gesund ernähren und viel bewegen. Und das am besten schon ganz früh. Die Initiative der anerkannten Bewegungskindergärten mit Pluspunkt Ernährung setzt in den Kitas an.

Ab dann sind nicht mehr nur die Eltern Vorbild für gesundes Essen und Bewegung. Daher werden unter anderem Erzieher und Leiter der Einrichtungen von Ernährungsberatern geschult, die Kitas organisieren Veranstaltungen für Eltern und integrieren das Thema in ihre pädagogische Arbeit. Dazu gehören täglich Zeiten, in denen die Kinder sich bewegen, ausgewogene Ernährung, feste Regeln zum Beispiel zu Süßigkeiten und gezuckerten Getränken und eine gemeinsame Esskultur. Außerdem sollen sich Kinder mit ihrem Essen beschäftigen und es mit all ihren Sinnen erfahren.

Zu viele dicke Kinder in NRW

Petra Stein (l.) und Daniel Opshölder vom Bewegungskindergarten „Die Arche“ in Ickern. Foto: Marcel Witte

Das tun die Kitas für die Gesundheit der Kinder

Marion Büker ist seit zwölf Jahren Leiterin der Kita „Wirbelwind“ am Dubliner Weg in Dortmund. Sie sagt, es gebe jeden Tag Rohkost, viel Gemüse – bereits auf dem Frühstücks-Buffet. Fleisch oder Fisch werde dagegen den Kindern nur einmal in der Woche serviert. Das gelte natürlich auch für Aufschnitt. Kuchen stehe nicht grundsätzlich auf dem Index, aber gebacken werde ausschließlich mit Vollkornmehl. Für die Kita-Leiterin ist auch Eltern-Beratung extrem wichtig, wie dieses Beispiel zeigt: „Uns ist es schon passiert, dass Eltern entrüstet fragten: ,Wie, mein Kind bekommt nicht jeden Tag Fleisch?‘“.

Besonders gefördert werden dabei Kitas in Gebieten mit vielen sozial benachteiligten Familien.

Wie effektiv diese und andere Initiativen sind, werden weitere Untersuchungen zeigen müssen. In den vergangenen Jahren ist es nicht gelungen die Zahl übergewichtiger Kinder zu senken. Anders als bei den Erwachsenen, hat sie sich jedoch auf einem Niveau eingependelt. Dieser Trend zeigt sich sowohl in NRW als auch in ganz Deutschland. Das Gesundheitsministerium sieht weiterhin den Anlass zu intervenieren, weist aber darauf hin, „dass immerhin erfreuliche 80,2 Prozent der Kinder normalgewichtig sind“.

Ein 2015 verabschiedetes bundesweites Präventionsgesetz und eine Landesrahmenvereinbarung für NRW schließen die Prävention von Übergewicht bei Kindern ein. Auch das Projekt der anerkannten Bewegungskindergärten mit dem Pluspunkt Ernährung wurde gerade bis 2020 verlängert, damit noch mehr Kinder gesund in die Schulzeit starten.

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