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Wo das Leben fürchterlich ist: „So dunkel der Wald“

Berlin. Eine kleine Familie lebt zurückgezogen in einer Waldhütte. Auf den ersten Blick ist das wenig bemerkenswert. Doch die Geschichte, die die Österreicherin Michaela Kastel in ihrem Roman erzählt, ist nervenaufreibend.

Wo das Leben fürchterlich ist: „So dunkel der Wald“

Das Cover des Buches „So dunkel der Wald“ von Michaela Kastel. Foto: Kiepenheuer & Witsch

Eine kleine Waldhütte, abgelegen in einer einsamen Schlucht. Hier wohnt die 20-jährige Ronja mit ihrem Vater und ihren vier jüngeren Geschwistern.

Den Menschen im nächsten Ort, rund 30 Autominuten entfernt, kommt die zurückgezogen lebende Familie zwar etwas seltsam vor, aber niemand macht sich ernsthaft Gedanken über sie. Dabei versteckt sie ein fürchterliches Geheimnis.

Die Geschichte, die Ronja als Erzählerin des Romans „So dunkel der Wald“ der Österreicherin Michaela Kastel berichtet, ist alles andere als harmlos. Obwohl die Kinder den großen, älteren Mann „Paps“ nennen, ist er nicht ihr Vater. Im Gegenteil. Schnell wird klar, dass der Mann die Kinder entführt hat und sich über Jahre immer wieder an ihnen vergeht.

Dabei ist „Paps“ noch nicht einmal die schlimmste Verharmlosung. Das ist wohl das „Sonnentor“. Ronja und der etwas jüngere Jannik erzählen den kleineren Kindern, die Kinder, die nicht wiederkommen, seien „durch das Sonnentor gegangen“. Gleich zu Beginn des Romans räumt Ronja mit dieser Lüge auf: Das Sonnentor ist „das dunkle Loch mitten im Felsen, in das Paps uns wirft, wenn wir nicht artig waren.“

Wie lange es diese unselige Gemeinschaft schon gibt, weiß Ronja nicht, aber als sie vor zehn Jahre entführt wurde, war Jannik schon da. Und sie weiß auch nicht, wie viele Kinder in diesen zehn Jahren gekommen und in das „Sonnentor“ verschwunden sind. Ihre ganze Welt besteht aus der Hütte im Wald und der Schlucht, und die Kinder tun alles, um den Zorn des brutalen Mannes nicht auf sich zu lenken.

Ronja weiß nur zu gut, welches Risiko man eingeht, wenn man dem Willen des Mannes nicht folgt: „Ich dachte, Paps hätte jedes Stückchen Seele in mir zerschmettert, alles Empfindsame für immer aus mir herausgerissen, mit jedem Tag in dieser Hölle.“

Kastel gelingt es, mit nur wenigen Szenen und Beschreibungen eine bedrückende, angsterfüllte Stimmung zu schaffen. Es gibt keine Begründungen oder Erklärungen, es gibt nur Angst und Schmerz für die Kinder. Kastel genügen einige Andeutungen, um ihr Ziel zu erreichen. Sie schreckt aber auch vor drastischen Szenen nicht zurück.

Die Dimension des Verbrechens klingt in einer zweiten Handlungsebene an. Eine Kriminalkommissarin versucht, eine Serie von Kindesentführungen aufzuklären. Ihre Recherchen führen sie auch in die Gegend, in der Ronja und die anderen leben.

Dann geschieht etwas, das die Existenz der Gruppe auf eine schwere Probe stellt. Auf einmal könnte alles ganz anders geworden sein. Kastel lässt ihre Erzählerin Ronja die Bedeutung dieser Entwicklung durch eine Beobachtung ihres kleinen „Bruders“ in einem einziges Satz prägnant zusammenfassen: „Ein Kind, das sich für tot hielt, erkennt unter Tränen, dass es erwachsen werden darf.“

Aber so einfach ist die Welt des Romans natürlich nicht. Die Jahre in der Einsamkeit haben die Kinder in jeglicher Hinsicht geprägt. Ronja erkennt, was ihr bisheriges Leben aus den Kindern gemacht hat: „Wir sind Wilde ohne Verständnis für die Welt.“

Michaela Kastel beschreibt in ihrem Roman in sehr beeindruckender Weise, welche Folgen eine derartige Ausnahmesituation für die menschliche Psyche hat. Der Roman der 30-jährigen Wienerin hat österreichische Filmemacher so beeindruckt, dass sie sich schon vor der Veröffentlichung die Filmrechte gesichert haben.

- Michaela Kastel: So dunkel der Wald. Emons Verlag, Köln, 302 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-7408-0293-6.

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