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«Learning by doing»

WERNE Über die Rolle der Familie, ihre Verantwortung in der Erziehung und ihre Aufgabe, Kindern Kompetenzen zu vermitteln: Darüber sprach RN-Redakteurin Helga Felgenträger mit Gabriele Kranemann, Leiterin der Familienbildungsstätte. Vorgestellt wird auch das geplante Projekt zwischen Familienbildungsstätte und Realschule.

27.06.2007

Warum sehen sich Eltern oft außerstande, Erziehungsaufgaben zu übernehmen?

Kranemann: Kinder zu erziehen, und für eine gesunde Entwicklung zu sorgen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, eigenverantwortlich zu haushalten, dies sind Aufgaben, die komplexes Wissen und Kompetenzen erfordern. Grundkenntnisse der Ernährung und Nahrungszubereitung fehlen heute in vielen Familien.

Welchen Stellenwert hat das Thema Ernährung heute?

Kranemann : Ich bin mir sicher, dass der Stellenwert der Ernährung im täglichen Stress von Erwerbsarbeit, sozialen Verpflichtungen und persönlichem Freizeitverhalten zugenommen hat. Die sozial-kommunikative Bedeutung des Essens ist gewachsen. So könnten sich Familien überlegen, wie der Alltag anders gestaltet werden kann. Für mich ist zum Beispiel das gemeinsame Frühstück sehr wichtig. Immer mehr Kinder und Erwachsene gehen ohne Essen aus dem Haus. Dabei ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder kognitive Aufgaben besser bewältigen können, nachdem sie gefrühstückt haben.

Wie kann auf das Essverhalten von Kindern Einfluss genommen werden?

Kranemann : Nach einer Befragung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung haben z. B. Werbespots im Fernsehen erstaunlich wenig Einfluss auf das Essverhalten von Kindern. Das meiste wird von den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen abgeschaut. Lehnen diese z.B. Gemüse oder Vollkornprodukte ab, wird es schwierig, Kinder zum Verzehr zu bewegen. In unseren Kochkursen kann ich einen gegenläufigen Trend feststellen. Durch das «learning by doing» und dem gemeinsamen Essen erleben unsere Teilnehmer, wie wichtig auch für ihre Familien zuhause das gemeinsame Mahlhalten sein kann.

Wie sieht es generell mit den hauswirtschaftlichen Fähigkeiten der heutigen Generation aus? Hat man es verlernt, einen Knopf anzunähen?

Kranemann : Teilweise ja. Im Nähkurs erzählte mir eine Kursleiterin, dass in manchen Familien Hemden zum Knöpfe annähen zum Schneider gebracht werden. In der Schule werden diese Grundkenntnisse wie einst im Handarbeitsunterricht nicht mehr gezielt vermittelt und zu Hause hat keiner Zeit oder die richtigen Utensilien hierfür. Mir ist aufgefallen, dass sich in einigen Haushalten keine Stricknadel mehr befindet. Ich muss eingestehen, dass auch bei mir keine Strümpfe mehr gestopft werden. Kaputte Socken werfe ich weg.

Wenn keiner mehr weiß, wie eine Stopfnadel aussieht oder ein Salatkopf gewaschen wird, wenn grundlegende Fertigkeiten im Haushalt nicht weitergegeben werden. Wie sehen dann die Haushalte der Zukunft aus?

Kranemann : Für die Haushalte der Zukunft ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche Kompetenzen der Haushaltsführung erlernen. Ich glaube zwar, dass der Anteil der so genannten traditionellen Hausarbeit wie Kochen, Putzen Waschen, Bügeln usw. durch die Technisierung weniger werden wird. Dafür wird die Lebensbewältigung im Haushalt und in der Familie immer anspruchsvoller werden. Es gilt, Haushalt als Wert wahrzunehmen und Jungen und Mädchen zur Gestaltung des häuslichen Lebensraumes zu befähigen. Unsere Projektidee, die wir gemeinsam mit der Realschule entwickelt haben, ist ein Kurs-Angebot zum Erwerb eines Haushaltsführerscheines: «Fit für den Haushalt - Fit fürs Leben». Der Kurs findet einmal wöchentlich während des gesamten Schuljahres in unserer Lehrküche statt.

Welche Schwerpunkt setzt das neue Unterrichtsfach?

Kranemann : Die Schülerinnen und Schüler erhalten einen Überblick über die ständig wiederkehrenden Arbeiten im Haushalt, erfahren, wie sie sie zu erledigen haben und wie sie rationell organisiert werden können. Sie lernen, dass gesunde Ernährung auch mit geringem Aufwand an Geld zu bewerkstelligen ist. Finanzplanung - Budgetkontrolle werden behandelt aber ganz praktisch. So gehört zum Kurs, dass die Kinder die Zutaten für das Essen selbst besorgen. Aber auch Tisch decken, Bügeln, Aufräumen und Umgangsformen sollen in diesem Kurs vermittelt werden.

Und nun zur letzten Frage. Wird bei Ihnen zu Hause noch regelmäßig gekocht?

Kranemann : Mein Sohn studiert in Berlin, mein Mann isst in der Kantine und ich genieße es, dass dadurch mein Tagesablauf nicht mehr so vom Mittagessen kochen bestimmt wird - das Kochen haben wir daher auf die Abende und auf das Wochenende verlegt. Darauf freuen wir uns dann richtig, dann wird gemeinsam gekocht. Ich muss allerdings zugeben, dass mein Mann besser kocht als ich. Mein Spezialgebiet liegt im Nachtisch zubereiten und Kuchen backen.

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