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Wenn die Kita die Familienkasse zu sehr belastet

Gütersloh. Es geht ungleich zu bei den Kitas in Deutschland - bei Gebühr und Qualität. Die Bertelsmann-Stiftung hat Tausende Eltern befragt. Für mehr Chancengleichheit ab dem Kleinkindalter ist noch viel zu tun. Die neue Familienministerin sagt: Wir sind dran.

Wenn die Kita die Familienkasse zu sehr belastet

Die Gebühren für Kita-PLätze sind in Deutschland von Bundesland zu Bundesland verschieden. Und auch auf kommunaler Ebene gibt es Unterschiede. Foto: Monika Skolimowska/Symbolbild

Die ersten Lebensjahre gelten als prägend - und Kitas spielen als Bildungsorte bei der Entwicklung der Kleinsten eine große Rolle. Aber: Qualität, Personalschlüssel und Ausstattung fallen überall anders aus.

Ungleichheit herrsche auch bei den Gebühren, bilanziert die in Gütersloh veröffentlichte Studie „ElternZoom 2018“ der Bertelsmann-Stiftung. Was Mütter und Väter für die Betreuung zahlen, hängt stark davon ab, wo sie wohnen. Weiteres Ergebnis: Wer wenig Geld hat, armutsgefährdet ist, zahlt überproportional viel - jeder zehnte Euro aus der Familienkasse geht dann an die Kita. Die Ergebnisse beruhen laut Stiftung auf zwei Befragungen von insgesamt 10.490 Eltern.

Wieviel kostet die Betreuung?

Eltern geben für die Kita-Betreuung im Bundesschnitt 173 Euro aus. Dieser Mittelwert klingt recht unspektakulär. Aber: Die Beiträge schwanken laut Erhebung bei 90 Prozent der Eltern zwischen 30 und 390 Euro monatlich. Plus Zusatzkosten für Verpflegung. In Schleswig-Holstein zahlen Familien im Ländervergleich am meisten, in Berlin am wenigsten. Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen liegt im oberen Mittelfeld. Innerhalb der Länder können die Gebühren auf kommunaler Ebene noch einmal sehr unterschiedlich ausfallen.

Ist das fair?

Wenn Eltern unterschiedliche Beiträge je nach Wohnort zahlen müssen, sei das ein Beleg dafür, „dass der Staat von der Erfüllung seines Auftrags, für gleiche Bildungschancen zu sorgen, weit entfernt ist“, kritisiert der Vorsitzende des Bildungsverbands VBE, Udo Beckmann. Die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen (AFG) fordert, dass Familien nur gemäß ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit an den Kita-Kosten beteiligt werden.

Woher kommen die Schwankungen?

Das liegt auch an der unterschiedlichen Gewichtung der Länder. Manche wollen möglichst schnell eine finanzielle Entlastung der Eltern oder haben diese teilweise oder schon weitgehend realisiert. Andere nennen Qualitätsverbesserungen als oberste Priorität. Der VBE verlangt: Der frühkindliche Bereich müsse wie die Schule beitragsfrei sein. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) betont, eine zentrale Säule des geplanten „Gute-Kita-Gesetzes“ - das das Bundeskabinett vor der Sommerpause beschließen soll - sei „der Einstieg in die Beitragsfreiheit“.

Sind Unterschiede bei der Qualität ein Grund zur Aufregung?

In der Kita geht es um die umfassende Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und um ein altersgemäßes Lernen. „Qualitätsunterschiede in der Betreuung können Entwicklungsunterschiede der jeweiligen Kinder von bis zu einem Lebensjahr zur Folge haben“, erklärt die AGF. „Das gilt insbesondere für Kinder aus anregungsärmeren oder belasteten Familien.“ Eltern müssten sich überall auf gleich hohe Qualität verlassen können. Laut Familienministerium haben sich Bund und Länder „erstmalig und gemeinsam auf Qualitätskriterien geeinigt“, die nun in das „Gute-Kita-Gesetz“ einfließen sollen.

Was sagen Mütter und Väter?

Schon Untersuchungen zuvor haben ergeben, dass viele Eltern zusätzliche Kita-Plätze, einen besseren Betreuungsschlüssel und mehr Erzieherinnen für nötig halten. Laut Bertelsmann-Studie wäre eine Mehrheit bereit, für mehr Qualität auch mehr zu zahlen.

Ist Eile geboten?

VBE-Chef Beckmann sieht dringenden Handlungsbedarf: „Wenn nicht deutlich mehr in die Kitas investiert wird, dann werden wir den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen nicht annähernd aufgelöst bekommen.“ Bertelsmann-Stiftungsvorstand Jörg Dräger hält es für geboten, armutsgefährdeten Familien die Gebühr zu erlassen. Das würde geschätzte 730 Millionen Euro kosten.

Könnte ein Finanz-Kraftakt eine Gratis-Kita für alle bringen?

Man bräuchte dafür 7,3 Milliarden Euro pro Jahr, schätzt die Stiftung. Plus 8 Milliarden Euro für mehr Qualität. Die GroKo legt im Koalitionsvertrag fest, dass der Bund Länder und Kommunen auch bei „der Entlastung von Eltern bei den Gebühren bis hin zur Gebührenfreiheit“ unterstützt. Ministerin Giffey verweist auf 3,5 Milliarden Euro, die die Länder 2019 bis 2021 erhalten sollen und auf eine Fachkräfte-Offensive für mehr Erzieherinnen. „Der Bund engagiert sich erstmals in einer solchen Größenordnung in der frühkindlichen Bildung.“ Die Länder investieren hohe Summen in die Kinderbetreuung, viele Länder und Kommunen sind aber verschuldet.

Gibt es Eltern, die wegen der Gebühr ganz auf eine Kita verzichten?

Infratest-dimap hatte auch 1036 Eltern befragt, warum sie ihren Nachwuchs bis sieben Jahre nicht in eine Kita schicken. 20 Prozent begründeten das mit zu hohen Kosten. Beckmann mahnt: „Wenn wir bereits die Kleinsten verlieren, hat das verheerende Auswirkung auf deren Bildungsbiografie und damit auch auf die Zukunft der Gesellschaft.“

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