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Neue Musical-Version feiert in Bochum Premiere

Webber überarbeitet Starlight Express

Kein anderes Musical wird in Europa länger an einem Ort gespielt als Starlight Express in Bochum. Seit 30 Jahren kämpft die Dampflok Rusty um den Sieg der inneren Werte und der Liebe. Am 12. Juni feiert die überarbeitete Version ihre Premiere - viel hat sich seit damals geändert.

Bochum

, 27.05.2018
Neue Musical-Version feiert in Bochum Premiere

Die „aktuelle“ und die „erste“ Pearl: Georgina Hagen und Maria Jane Hyde vor der Jubiläums-30 auf dem Starlight-Gelände in Bochum. © Von Braunschweig

Da sitzen zwei Generationen der Pearl. Als Maria Jane Hyde das erste Mal im Kostüm des schönen „Erste-Klasse-Wagens“ ihre Runden dreht, ist Georgina Hagen noch nicht einmal auf der Welt, geschweige denn im Starlight-Kosmos angekommen. Jene Rastlosen, die kein Schritttempo kennen, für die das Leben ein Wettstreit ist und bei denen träumen noch erlaubt ist.

An Träume glauben – genau das ist es auch, was die beiden Hauptdarstellerinnen verbindet, auch wenn sie Jahre trennen: Sie wollten unbedingt die Pearl spielen. Maria Jane Hyde war gerade 15, als sie sich in den Kopf gesetzt hat, bei der Musical-Produktion vorzusprechen. Aber sie scheiterte in der ersten Runde. „Ihr müsst mich singen lassen. Ich bleibe so lange hier sitzen, bis ich vorsingen darf“, erinnert sie sich, wie sie die Jury bequatscht hat, noch eine Chance zu bekommen – am Ende wurde es sogar die Rolle der Pearl. Dafür zog die Engländerin das volle Programm durch: morgens Schule, nachmittags Training, abends die Show.

Neue Musical-Version feiert in Bochum Premiere

Im Juni vor 30 Jahren feierte Maria Jane Hyde als Pearl (2. v. r.) Premiere. © Privat

Auf eigenen Rollschuhen

Wer glaubt, dass das schon ein gradliniger Weg ist, hat noch nicht den von Georgina Hagen gehört: „Meine Eltern haben bei Musical-Produktionen gearbeitet. Ich war ein Stage-Baby. Mein Vater war von Beginn an bei Starlight dabei“, erinnert sich die 26-Jährige. „Im Alter von vier Jahren konnte ich Rollschuhlaufen. Zu der Zeit wollte ich unbedingt Greaseball spielen. Als ich merkte, dass das nicht funktioniert, wollte ich Pearl werden.“

Singen und tanzen können gehört für Musical-Darsteller zur Ausbildung. Aber Rollschuhlaufen? „Ich bin ein Kind der 80er-Jahre. Da konnte jeder Rollschuh laufen“, sagt Maria Jane Hyde. Gut, dass sie eigene besaß, denn mit denen ist sie Mitte der 80er-Jahre bei der Ur-Version von Andrew Lloyd Webbers Musical durch die Halle in London gerauscht. Deshalb hat es sie auch „umgehauen, als ich das erste Mal nach Bochum kam: eine extra für das Musical gebaute Halle – Wahnsinn! Und jeder hatte hier seine eigenen Rollschuhe.“

Neue Musical-Version feiert in Bochum Premiere

© Jens Hauer

Damalige Kosten: 32 Millionen Mark

Heute besitzt jeder Darsteller gleich zwei Paar davon – zusammengesetzt aus je 146 Teilen. Sie stammen von Firmen aus den USA, aus England und aus nächster Nähe: aus Hattingen. Und falls an den schnellen Schuhen etwas defekt sein sollte, kommen sie zum Boxenstopp zu den Mechanikern, die in Windeseile wieder alles richten können – auch während der Show.

Alles in dem Backsteingebäude in Bochum ist darauf ausgerichtet, sich rollend vorwärts bewegen zu können – und das nicht nur im Zuschauerraum. Breite Gänge, so wenig wie möglich Stolperfallen sollen es den Darstellern leicht machen, mit ihren Rollen unter den Schuhen sicher von der Bühne zur Umkleide zu kommen. Allein der Bau, um dem Musical in Bochum eine Heimat zu geben, hat damals 32 Millionen Mark gekostet. Nur der Bau. Zudem durften sich die Verantwortlichen dafür rühmen, die teuerste Musical-Produktion in Deutschland geschaffen zu haben. „Bei der Show kann man die Unterschiede zwischen den Briten und den Deutschen gut sehen“, findet die „erste“ deutsche Pearl. Das Durchdachte, das gut Struktierte ist für sie typisch deutsch.

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© Jens Hauer

Die Treppe rückwärts gelaufen

Wer heute zum Ensemble gehört, muss nicht mehr unbedingt auf der Straße Rollschlaufen gelernt haben. Michal Fraley bringt die „Neuen“ auf Spur. Nach vier Monaten hartem Training ist selbst Ungeübten das Gleiten auf vier Rädern in Fleisch und Blut übergegangen. „Michal Fraley ist der God of Skates. Das ist vielleicht auch der größte Unterschied zu früher: Wir sind unseren Weg gefahren. Und heute fährst du entweder seinen Weg oder keinen. Er ist der phänomenalste Trainer“, ist sich Marie Jane Hyde sicher.

Dem kann Georgina Hagen nur zustimmen. Allerdings: „Das Training ist wie eine Art Boot-Camp wie in der Armee.“ Aber danach bewegen sich die Darsteller, als hätten sie nie etwas anderes unter den Füßen gehabt. „Nach meiner Zeit bei Starlight hat es bei mir über ein Jahr gedauert, bis ich mich wieder daran gewöhnt hatte, ohne Rollschuhe zu laufen“, erinnert sich die Engländerin, die mittlerweile hier sesshaft geworden ist. Ihre junge Kollegin stimmt ihr zu: „Oh ja, wie oft bin ich Treppen rückwärts gelaufen, ohne Rollschuhe angehabt zu haben.“

Das kommt aber derzeit nicht oft vor. Denn gemeinsam mit dem Ensemble trainiert sie gerade eifrig für die neue Show. Eigens zum 30-jährigen Jubiläum hat Andrew Llyod Webber seine Ideen mit eingebracht, wie das rollende Musical noch mitreißender gestaltet werden kann. Die Premiere für das umgekrempelte Stück ist am 12. Juni. Und dann können sich die Zuschauer auch davon überzeugen, ob Maria Jane Hyde recht hat. Auf die Frage, wie sich die „erste“ Pearl von der aktuellen unterscheidet, ist die Antwort klar: „Sie ist heute sehr viel glamouröser und ein bisschen sexier, als meine Pearl es war.“