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Brief an Frank Sinatra

Er führte ein buntes, ein aufregendes Leben, um das viele Männer ihn beneideten – Hermann Beckfeld schreibt in dieser Woche an Frank Sinatra

Brief an Frank Sinatra

Frank Sintra © dpa

Lieber Frank Sinatra,

fast genau vor 20 Jahren gingen in Las Vegas für drei Minuten die Lichter aus, und New York, die Stadt, die niemals schläft, tauchte das Empire State Building drei Tage lang in blaues Licht. Die ganze Welt trauerte um Sie; um Ol’ Blue Eyes, um The Voice, um ihren Frankie Boy, um einen der größten Sänger, Entertainer und Schauspieler des vergangenen Jahrhunderts.

„Kämpfe“, sagte Ihre vierte Ehefrau Barbara am Totenbett. „Ich verliere“, antworteten Sie. Es war der 14. Mai 1998, Ihr Todestag.

Fünf Jahre zuvor durften meine Frau und ich Sie in der Dortmunder Westfalenhalle live erleben. Nur mühsam schafften Sie die Treppen hinauf zur Bühne, und Ihr Blick klebte am Teleprompter. Natürlich sangen Sie zum Schluss My Way, Ihr Lied, das Paul Anka für Sie umgeschrieben hatte; einen Text, der Ihnen anfangs nicht gefiel. Vielleicht, weil er Ihnen zu persönlich, zu ehrlich war; weil der Song zu viel verriet über den Mann, der mit seinem ungeheuerlichen Charisma alle in seinen Bann zog und doch so verletzlich war, der auch manches falsch machte und zuweilen verlor: „Ich habe geliebt, habe gelacht und habe geweint. Ich hatte auch Niederlagen wegzustecken… aber ich habe es auf meine Weise getan. Ja, auf meine Weise.“

Sie waren ein Typ, ein richtiger Kerl, ehrgeizig, unerbittlich, kantig, nicht selten auch aufbrausend. Nicht wirklich schön und doch so anziehend. Ein Charmeur, Frauenheld, Womanizer. Vier Mal waren Sie verheiratet, unter anderem mit der 30 Jahre jüngeren Mia Farrow. „In meiner Hausbar steht Scotch, der älter ist als Mia Farrow“, spottete Ihr Freund Dean Martin.

Ihre Liebschaften auch mit prominenten Frauen, Ihre Affären kann keiner zählen, Ihre Geheimnisse auch nicht. Eine Zeit lang wohnten Sie mit Marilyn Monroe in einer WG. Sollen wir Ihnen wirklich glauben, dass Sie nur eine platonische Beziehung führten?

Sie konnten auch ein Macho, ein Fiesling sein, der übers Ziel hinausschoss: „Ich habe die perfekte Frau gefunden. Sie ist taubstumm, sexbesessen und betreibt einen Schnapsladen.“

Sie führten ein buntes, ein aufregendes Leben, um das viele Männer Sie beneideten. Teenager himmelten Sie, den jungen Frankie Boy, an, der die erste Massenhysterie der Musik-Geschichte auslöste. Mehrfach schienen Sie und Ihre Karriere am Ende zu sein, die Nähe zur Mafia und zum organisierten Verbrechen, Gerüchte um Ihre Alkoholsucht und Ausraster vor laufender Kamera ruinierten Ihren Ruf als Saubermann.

Doch Sie rappelten sich immer wieder auf, gaben 1980 im Fußballstadion Maracana in Rio de Janeiro ein Konzert vor 175.000 Zuschauern, schafften es ins Guinness-Buch der Rekorde.

Sie kämpften beharrlich um eine Rolle im Film „Verdammt in alle Ewigkeit“ und gewannen dann den Oscar als bester Nebendarsteller. Sie mussten nach einer OP um Ihre Stimme fürchten, heimsten aber Grammys und Emmys am Fließband ein. Letztendlich weltberühmt wurden Sie mit Ihren großen Klassikern: mit New York, New York, unserer Hymne auf Big Apple, Strangers in the Night, der Geschichte über zwei einsame Menschen, Liebende auf den ersten Blick, und natürlich mit My Way. Sie waren auf der Bühne, in Fernsehshows der große Entertainer und Sänger im Smoking, mit dem Whiskyglas in der rechten Hand und dem Mikrofon in der linken. „In seiner Stimme war das Wissen um Wahrheit“, sagte Bob Dylon. Einer, der wie kein Zweiter sein Herz von innen nach außen sang.

Lieber Frank Sinatra,

ich möchte ehrlich sein. Ich schreibe Ihnen heute nicht, weil sich Ihr Todestag zum 20. Mal jährt; das ist Zufall. Ich schreibe Ihnen, weil ich am vergangenen Samstag ein Chorkonzert moderierte. Ich kündigte den nächsten Song an, es war My Way. Zuvor erzählte ich von Ihrem Leben, von Ihrer Ausstrahlungskraft, von Ihren Welthits. Ich stand am Flügel, der Chorleiter spielte zu meinen Worten leise Ihre Klassiker. Wir tranken ein Glas Whisky auf Ihr Wohl. In diesem Moment war im Saal die Stille fast hörbar. Ich bin fast sicher. Auch die Zuhörer waren in Gedanken bei dem großen, einzigartigen Frank Sinatra, unserem Ol’ Blue Eyes, der nicht nur am Todestag New York seine Augenfarbe schenkte.

Hochachtungsvoll
Hermann Beckfeld