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High ohne Drogen

Sasha im Interview

Als Sasha Anfang der 2000er-Jahre als Dick Brave durch die Lande tourte, hat er nicht nur Englisch gesungen, sondern sich auch einen englisch anmutenden Namen zugelegt. Auf seinem neuen Album hat Sasha wieder die deutsche Sprache für sich entdeckt.

von Olaf Neumann

, , 16.04.2018
High ohne Drogen

Sasha hat relativ schnell gemerkt, dass es für ihn besser ist, wenn er nicht krampfhaft versucht, Feuilleton zu sein. © picture alliance / dpa

Ist die deutsche Sprache ebenso leicht singbar wie die englische?

Im ersten Moment nicht, deswegen habe ich mich ja so lange gesträubt. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es für mich besser ist, wenn ich nicht krampfhaft versuche, Feuilleton zu sein. Ich wollte tiefe Themen mit einfachen Worten angehen. Das ist eine Gratwanderung, weil man relativ schnell in den Kitsch abdriften kann. „Ich liebe dich“ klingt kitschig, während „I love you so“ überhaupt kein Problem ist, wenn der Rest stimmt. Aber irgendwann habe ich mir gesagt, ich mache es auf Deutsch genauso, wie ich es auf Englisch gemacht habe. Dazu muss man nur die richtigen Worte finden.

Die Songs auf Ihrem Album sind sehr persönlich. Hat das etwas mit dem Sprachwechsel zu tun?

Ja, die Muttersprache bringt einen dazu. Ich hatte jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit, direkt von mir zu erzählen. Man macht sich ja bei englischen Songs nur selten die Mühe, sie zu übersetzen. Und mit einem deutschen Song kann ich mich direkt in die Herzen singen. Da war es klar, dass ich ganz viel von mir erzählen möchte. Ich wollte nicht politisch werden, sondern nahe bei mir bleiben.

Das Format Album stirbt langsam aus. Wie gehen Sie mit diesem Kulturwandel um?

Ich frage mich generell, ob man überhaupt noch Alben machen oder nicht alle ein, zwei Monate einen Track raushauen sollte wie die DJs und Rapper. Die machen erst dann ein Album, wenn drei Tracks gut gelaufen sind. Aber ich habe für mich festgestellt, dass ich das nicht kann. Meine erste deutschsprachige Platte sollte unbedingt ein ganzes Album mit einem roten Faden sein: sprich Freunde, Familie, Vergangenheit, Gegenwart.

Lassen Sie in „Junge“ Ihre Mutter sprechen?

Nein, das ist nicht der moralische Zeigefinger, sondern eher ein humorvolles Lied. Meine Mutter hat mich immer bestärkt in dem Wunsch, Musiker zu werden und auch zu bleiben. Es gab Freunde, die es gut mit mir meinten und mich ernsthaft fragten, ob es mit meiner Karriere noch etwas werde. Ich habe dann ein halbes Jahr lang gezweifelt und mich wieder an der Uni eingeschrieben. Aber das ging nicht. Zum Glück ist der Erfolg dann doch noch gekommen.

Wie waren Sie mit 20?

Ich trug lange Haare und machte Grunge-Musik. Hätte der Erfolg schon damals eingesetzt, hätte ich heute wahrscheinlich bereits die dritte Reha hinter mir. Ich habe wild und von der Hand in den Mund gelebt und mir keine Gedanken über das Morgen gemacht. Es war eine tolle Zeit, die mir ganz viel mitgegeben hat für mein späteres Leben. Dass ich meinen ersten Erfolg mit einer Pop-Platte haben würde, hätte ich nicht gedacht.

Mit welchen Jobs haben Sie sich anfangs über Wasser gehalten?

Ich habe gern hinter der Bar gearbeitet. Ich glaube, ich war ein guter Bartender. Sehr ungern war ich Fahrradkurier. Morgens um halb sechs aufzustehen und sich aufs Fahrrad zu schwingen, um sich durch die stark befahrene Dortmunder Innenstadt zu kämpfen, war schlimmer als Kette rauchen. Ich habe drei Wochen bei der Müllabfuhr gearbeitet, das war gut, aber super anstrengend. Die schlimmsten Jobs waren die stumpfen, wie zum Beispiel Getränkekisten einsortieren. Bei einer Spielzeugfirma habe ich Pakete geklebt. Dabei wird man total Banane im Kopf. Und man kriegt ständig Druck, weil man den Akkordschnitt nicht einhält. Als Aushilfe war man immer der Arsch, weil man das nicht so gut konnte wie die geübten Leute. Dadurch habe ich großen Respekt vor sehr vielen Jobs bekommen.

Wie autobiografisch ist der Song „Schlüsselkind“?

Ich war Teilzeitschlüsselkind. Meine Mutter war alleinerziehend und irgendwann kam noch mein Bruder dazu. Bis zu meinem fünften Geburtstag war ich oft bei meiner Oma untergebracht und ab dem Gymnasium war ich wieder öfter Schlüsselkind. Das Gute daran war, dass ich wusste, da kommt immer wieder jemand nach Hause. Es gab Tage, an denen ich aus der Schule kam und irgendetwas mitzuteilen hatte, sei es eine Klopperei oder eine schlechte Note. Wenn ich das nicht loswerden konnte, war das natürlich traurig. Aber viel öfter habe ich mich heimlich auf die sturmfreie Bude gefreut. Ich konnte als Präpubertierender essen oder fernsehen, was ich wollte. Das war eine gute Vorbereitung auf das spätere Leben. Ich hätte auch mit 15 ausziehen können und wäre klargekommen.

Hat Ihr Vater Ihnen sehr gefehlt?

Er hat in meinem Leben keine große Rolle gespielt. Selbst als meine Eltern ein zweites Mal geheiratet und sich ein zweites Mal haben scheiden lassen. Darüber habe ich schon als Kind den Kopf geschüttelt. Mein Vater war Berufssoldat und oft nicht zuhause. Die Hauptperson beim Aufwachsen war meine Mutter. Das lief auch rund, aber es ist nicht schön, von Sozialhilfe zu leben. Ich bin froh, dass es das gegeben hat; wer weiß, was wir sonst noch hätten machen müssen.

Wie ging es weiter?

In meiner Pubertät ging es los mit dem Markenbewusstsein, aber mein Bruder und ich trugen die Schuhe eines Billiganbieters oder welche aus der Kleidersammlung. Das war uns saumäßig peinlich! Im Nachhinein stärkt es aber den Charakter. Als ich mit 15 anfing, in Bands zu spielen, veränderte sich mein Weltbild komplett. Mit 17 holte ich mir bewusst alte und zerrissene Klamotten aus der Kleidersammlung. Damit konnte ich mich von den anderen abheben. Und ich ließ mir die Haare lang wachsen. Damals hatte ich das krasse Gefühl, high zu sein ohne Drogen.

Was wollen Sie mit dem Song „Gorilla“ ausdrücken?

Ich bin eine nur schwer reizbare Person. Wenn es aber mal so weit ist, kann es passieren, dass ich in dem Moment einen Schalter umlege und mich nachher bei der Person tausendmal entschuldigen muss. Diesen Teil von mir nenne ich „den Gorilla“. Es gibt auch noch den anderen Gorilla. Das ist der Beschützer, der sich in harten Zeiten vor seine Frau, Familie oder Freunde stellt. Aber eigentlich mag ich es lieber harmonisch. Die Leute sollen mit meinen Liedern eine gute Zeit haben. Ich möchte nicht, dass jemand Krieg führt, aber das steckt in uns Menschen. Wir können jedoch versuchen, daran zu arbeiten.

Waren Sie bei der Bundeswehr?

Ich habe verweigert. Das war gar nicht so leicht, denn zu der Zeit musste man noch Briefe schreiben und erklären, warum man nicht zum Bund will. Vorher war ich allerdings sehr gut gemustert worden. So jemanden wie mich ließ man nicht gern zum Zivildienst gehen. Auf dem Papier war ich wahrscheinlich ein perfekter Soldat. Eine Zeitlang spielte ich sogar mit dem Gedanken, mich für zwölf Jahre zu verpflichten und bei der Bundeswehr zu studieren. Aber dann entdeckte ich die Grungemusik für mich, ließ mir die Haare wachsen und änderte meine Weltanschauung. Ich konnte keine Autoritäten mehr ertragen. Diese Leute lassen mich zum Gorilla werden. Beim Bund wäre ich ganz klar im Knast gelandet.

Sasha auf Tour in 2018: 29.09.2018 E-Werk, Köln 06.10.2018 Warsteiner Music Hall, Dortmund