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Straftaten auf dem Supermarkt-Parkplatz

Unfallfluchten werden in NRW zum Volkssport

Sabine F. hätte nach dem kleinen Parkplatzrempler die Polizei rufen können. Oder warten, bis der Fahrer des anderen Wagens zurück ist. Doch die 57-Jährige ging zur Arbeit. Und fand sich plötzlich wegen Fahrerflucht vor Gericht wieder. Kein Einzelfall. 

NRW

von Christoph Klemp

, 15.04.2018
Straftaten auf dem Supermarkt-Parkplatz

Quasi eine Selbstanzeige: Ein Zettel mit der Aufschrift: "Bitte melden Sie sich bei uns. Ich bin ganz leicht gegen ihr Auto gerollt", hinter einem Scheibenwischer - reicht nicht aus. Auch wer einen Zettel am Unfallort hinterlässt, um dann wegzufahren, macht sich strafbar. © picture alliance/Jens Wolf/dpa

Der Gang zur Arbeit machte aus dem kleinen Verkehrsunfall von Sabine F. beim Einparken beinahe ein strafbares Vergehen. Wer nach einem Unfall das Weite sucht und erwischt wird, der findet sich vor Gericht wieder. Fahrerflucht ist eine Straftat, die zu einer Art Volkssport geworden ist.

Sabine F. musste sich dafür Ende März vor dem Bochumer Amtsgericht verantworten. Fahrerflucht wird mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet. Wie hoch die entsprechende Strafe ausfällt, ist abhängig von der Schwere des entstandenen Schadens. Zwar habe sie, so hat es Sabine F. bei der Polizei zu Protokoll gegeben, noch nachgesehen, ob an dem Auto eine Beule oder ein Kratzer ist und nichts festgestellt. Doch das reicht nicht.

Es reicht auch nicht, seine Visitenkarte oder einen Zettel mit Telefonnummer zu hinterlassen. Dabei besteht immer die Gefahr, dass der Wind diesen wegweht oder jemand ihn mitnimmt. Regen oder Schnee können den Zettel zudem unleserlich machen. Hinzu kommt: Durch den Zettel überführt man sich quasi selbst der Fahrerflucht. „Wichtig ist, dass der Geschädigte die Möglichkeit hat, zu erfahren, wer ist an dem Unfall beteiligt, welches Fahrzeug beteiligt ist und in welcher Art dieses beteiligt ist“, heißt es dazu vom ADAC.

"... wurde ein geparkter roter Hyundai i30 angefahren und erheblich beschädigt. Die Reparatur wird vermutlich rund 10.000 Euro kosten. Nach dem Unfallverursacher wird gesucht." (Polizeipräsidium Recklinghausen, 21. März 2018)

Von der Öffentlichkeit werden eher spektakuläre Fälle von Fahrerflucht wahrgenommen. Wie die auf der B 525 in Gescher im Kreis Borken Anfang Januar: Ein größeres, dunkles Fahrzeug – vermutlich ein SUV – mit RE-Kennzeichen überholt dort grob verkehrswidrig und rücksichtslos mehrere Fahrzeuge. Ein entgegenkommender 33-jähriger Bochumer muss ausweichen, gerät in den Gegenverkehr, wird schwer verletzt aus seinem Wagen geschnitten. Der SUV-Fahrer flüchtet. Das Unfallopfer stirbt wenige Tage später. Die Polizei Borken hat eine Sonderkommission eingerichtet, um den Fahrerflüchtigen zu fassen. Dem droht im Falle einer Verurteilung eine lange Haftstrafe. 

Solch dramatische Fälle sind aber glücklicherweise seltener. Bundesweit gab es im Jahr 2016 rund 26.000 Fälle von Unfallfluchten mit Verletzten. Ein Prozess wie der gegen Sabine F. ist jedoch Alltag in den Gerichtssälen. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es im Jahr 2016 nach Angaben des Statistischen Landesamtes IT.NRW 6.475 Verurteilungen wegen des „Unerlaubten Entfernens vom Unfallort“, wie es juristisch korrekt heißt. Bei jedem fünften Unfall sucht einer der Fahrer mittlerweile das Weite - nach Zusammenstößen im fließenden Verkehr oder auch nach Remplern auf dem Supermarktparkplatz. Die Dunkelziffer ist hoch: Der Auto Club Europa (ACE) geht bundesweit von rund 500.000 Fällen pro Jahr aus.

Bei den meisten Unfallfluchten sind nach Angaben des ACE die unschuldigen Opfer die Dummen. Zwar trete die Vollkaskoversicherung für den Schaden am Fahrzeug ein, doch durch eine Selbstbeteiligung von üblicherweise 300 Euro und dem Verlust eines Teils des Schadenfreiheitsrabatts, müsse der Betroffene insgesamt meist 1000 Euro selbst bezahlen. „Daher werden viele Schäden wohl erst gar nicht gemeldet“, vermutet der ACE.

In Dortmund gab es im vergangenen Jahr 5509 Unfälle mit Blechschäden, nach denen sich jemand unerlaubt vom Unfallort entfernt hat. Das waren 258 Fälle mehr als im Vorjahr. In 160 weiteren Fällen wurden Menschen verletzt. Auf den rund 520 Autobahn-Kilometern im Bereich des Polizeipräsidiums Dortmund gab es 1395 Unfälle mit Sachschaden, nach denen sich ein Beteiligter unerlaubt vom Unfallort entfernt hat. Ein Plus von 11,4 Prozent. 71 Mal gab es sogar Verletzte, ein Plus von 12,7 Prozent.

„Der Fahrer des schwarzen Kombis setzte seine Fahrt ohne anzuhalten fort.“ (Kreispolizeibehörde Borken, 14. März)

Im Bereich der Kreispolizeibehörde Recklinghausen gab es im vergangenen Jahr 4928 Unfallfluchten - 376 mehr als im Jahr 2016. Ein Großteil dieser Unfälle waren Parkplatzrempler. Weniger als die Hälfte der Unfallfluchten werden aufgeklärt. Allein am 13. März vermeldete die Behörde sieben Fälle an einem Tag. „Wir haben ein großes Problem mit Verkehrsunfallfluchten“, sagt Behördensprecher Andreas Wilming-Weber. Jetzt will die Polizei den Druck erhöhen und auf Supermarktparkplätzen Briefkästen aufhängen, in denen Zeugen Fahrerfluchten melden können.

"Goldene Brücke" zur Selbstanzeige 

Eine Erklärung, warum es zu mehr Unfällen kommt: Die Autos werden immer breiter, die Parkplätze aber nicht. „Das erklärt aber nicht, warum auch immer mehr Menschen sich unerlaubt vom Unfallort entfernen“, sagt Wilming-Weber. „Auch nach einem Parkplatzrempler ist Unfallflucht eine Straftat.“ Auch bei Blechschäden drohen Strafen und Fahrverbote, selbst wenn die Verursacher sich später melden und den Schaden wieder gutmachen.

Straftaten auf dem Supermarkt-Parkplatz

Da ist der Lack ab: Wer etwa beim Parken ein anderes Auto touchiert, ruft besser die Polizei - hinterlässt der Schuldige nur einen Zettel und fährt weg, begeht er Fahrerflucht. © dpa

„Wir haben heute generell nicht das Problem, dass sich die Autofahrer immer schlechter und rücksichtloser im Falle eines Unfalls verhalten, sondern viele kennen den Straftatbestand nicht“, sagt ACE-Sprecherin Anja Smetanin auf Anfrage. Und da sie, so die Argumentation des ACE, sich sofort strafbar machen würden, werden die Unfälle auch im Nachgang nicht gemeldet. „Die Möglichkeit den Unfallschaden auch nachträglich straffrei melden zu können, würde dem Schadensverursacher eine „goldene Brücke“ in die Legalität verschaffen“, so die Auffassung des ACE. 

"Was der Grund für die mutmaßliche Unfallflucht gewesen sein könnte, stellten die Beamten recht schnell an der schwankenden Haltung des Mannes und an dem Alkoholgeruch in seinem Atem fest." (Polizei Dortmund, 28. Januar)

Auch der Deutsche Verkehrsgerichtstag in Goslar hält den Straftatbestand nicht mehr für zeitgemäß und fordert eine Reform. Das unerlaubte Entfernen vom Unfallort solle zwar auch bei Blechschäden strafbar bleiben. Eine Entziehung der Fahrerlaubnis solle es aber nur noch geben, wenn Personen- oder Sachschaden ab 10.000 Euro entstanden ist. Der Gesetzgeber solle zudem die Vorschriften zur „tätigen Reue“ reformieren. Eine Strafmilderung oder das „Absehen von Strafe“ sollte nicht nur möglich sein, wenn sich jemand nach Parkremplern nachträglich meldet, sondern auch nach Unfällen im fließenden Verkehr. Zudem solle der Gesetzgeber präzisieren, wie lange man am Unfallort warten muss, wenn man einen Schaden telefonisch gemeldet hat.

Jeder zweite Autofahrer war schon Opfer

In einer repräsentativen Infratest-dimap-Umfrage gab fast jeder zweite Autofahrer an, schon einmal Opfer einer Unfallflucht geworden zu sein. Konkret waren 45 Prozent der Autofahrer nach eigenen Angaben bereits in einen Unfall verwickelt, bei dem sich der Unfallgegner unerlaubt vom Ort des Geschehens entfernte. 13 Prozent der Befragten räumten ein, selbst einen Unfall verursacht zu haben und dann weggefahren zu sein. „Kinder, die einen Fußball in eine Scheibe geschossen haben, hauen schnell ab. Und viele Erwachsene bleiben auf diesem Status. Gucken – hat keiner gesehen – schnell abhauen“, sagt Peter Meintz vom ADAC Westfalen.

„Am Steuer des flüchtigen Pkw saß eine 50 bis 55 Jahre alte Frau mit heller Winterjacke.“ (Polizei Hamm, 13. März)

Klaus-Peter Kalendruschat ist Leiter des Medizinisch-Psychologischen Instituts Westfalen in Dortmund. Der Diplom-Psychologe kennt viele Gründe, warum Menschen Fahrerflucht begehen. Rund 4800 Menschen absolvieren jährlich die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) in einer der 15 TÜV-Einrichtungen in Westfalen, rund 80 bis 100 davon haben durchschnittlich Fahrerflucht begangen.

„Viele haben Angst, ihren Führerschein zu verlieren“, sagt Kalendruschat. Oft höre er den Satz: „Ohne Führerschein bin ich nur ein halber Mensch.“ Das zeige, welchen Stellenwert der Führerschein habe. Bei älteren Menschen sei dieses Problem noch viel weiter verbreitet, weil sie ohne das Auto nicht mehr mobil seien. Manche entziehen sich also ganz bewusst der Verantwortung. „Viele gehen davon aus, dass sie ohnehin nicht erwischt werden“, sagt Kalendruschat. Und wieder andere schämten sich dafür, einen Unfall verursacht zu haben. „Da besteht dann eine Diskrepanz zwischen dem Selbstbild vom tollen Fahrer und der Realität.“

„Der dunkle PKW fuhr weiter, ohne sich um den Gestürzten zu kümmern.“ (Kreispolizeibehörde Unna, 18. Januar)

Drei Motive für Unfallflucht 

Für Nina Wahn, Verkehrspsychologin beim ADAC, gibt es drei Motive für Unfallfluchten, die immer wieder auftauchen. Erstens: „Der Fahrende ist in einem Schockzustand und kann nicht rational entscheiden“, sagt Wahn. Es gehe in diesem Moment ausschließlich darum, die Situation zu verlassen, es werde nicht über in der Zukunft auftretende Konsequenzen nachgedacht. „Dies ist nach meiner Einschätzung die häufigste und menschlichste Erklärung“, sagt Wahn. Zweitens: Der Fahrende weiß um ein mögliches Fehlverhalten und möchte einer Ahndung entgehen. In diesem Moment entzieht sich der Fahrer bewusst der Situation. Und drittens: „Der Fahrende hat den Unfall gar nicht bemerkt“, sagt Wahn.

„... entfernte sich der dunkle Kleinwagen, der von einer Frau geführt wurde, unerlaubt von der Unfallstelle.“ (Polizei Warendorf 12.03.2018) 

Es nicht mitbekommen zu haben, das lässt Diplom-Psychologe Klaus Peter Kalendruschat nicht gelten: „Das ist eine reine Schutzbehauptung.“ Man spüre immer etwas, wenn man mit dem Auto irgendwo vorfährt oder höre den Aufprall.

Auch Sabine F. hat beim "Anditschen" des anderen Wagens beim Einparken etwas wahrgenommen, wie ihr Anwalt vor Gericht ausführte, aber keinen Schaden am angerempelten Auto erkannt. Tatsächlich hatte sie aber einen Schaden von 1100 Euro verursacht. Den hat der Geschädigte mittlerweile ersetzt bekommen. Sabine F. muss seither mehr für ihre Autoversicherung zahlen. Der Bochumer Richter beließ es bei einer Ermahnung, auch weil Sabine F.s Wagen ja noch am Unfallort stand, sie also leicht zu ermitteln war: „Beim nächsten Mal rufen Sie die Polizei und bleiben dort.“ Gegen eine Geldauflage von 300 Euro an den Kinderschutzbund wurde das Verfahren gegen die 57-Jährige eingestellt.

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