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„Vor uns das Meer“: Colin Firth als Abenteurer

Hamburg. Ende der Sechzigerjahre wollte Donald Crowhurst ganz allein die Welt umsegeln. Doch das fehlende Fachwissen und keinerlei Praxis wurden ihm zum Verhängnis. Für das Drama „Vor uns das Meer“ schlüpft nun Colin Firth in die Rolle des wagemutigen Abenteurers.

„Vor uns das Meer“: Colin Firth als Abenteurer

Colin Firth spielt in „Vor uns das Meer“ eine Weltenumsegler. Foto: Ettore Ferrari

Abenteuerfilme leben normalerweise davon, dass Menschen etwas schier Unmögliches vollbringen und am Ende im besten Fall als Helden gefeiert werden. Donald Crowhurst, britischer Geschäftsmann und Hobbysegler, hatte 1968 vor, genau so etwas Unmögliches zu schaffen.

Er scheiterte jedoch an seinen eigenen Ambitionen. Nun ist seine Geschichte mit Colin Firth („The King’s Speech“) in der Hauptrolle verfilmt worden. Crowhurst wollte im Rahmen einer Regatta die Welt umsegeln, obwohl er zum damaligen Zeitpunkt nur Amateurkenntnisse besaß.

Angetrieben wurde er vom Preisgeld von 5000 Pfund sowie dem großen Vorbild Sir Francis Chichester, dem dieses Kunststück als erstes gelungen war. Doch das Leben spielt eben selten so, wie man es sich vorstellt - und das Abenteuerdrama „Vor uns das Meer“ von James Marsh ist kein kitschiges Märchen, sondern die Nacherzählung eines tragischen Schicksals, das versucht, auf offene Fragen weitgehend unspekulative Antworten zu finden.

Der zweifache Familienvater Donald Crowhurst (Colin Firth) lebt Ende der Sechzigerjahre ein wohlsituiertes Leben im englischen Teignmouth. Was seine Ehefrau Clare (Rachel Weisz) nicht ahnt: Um die Geschäfte ihres Mannes steht es schlecht. Da erfährt der leidenschaftliche Hobbysegler von einer Regatta: Wer als erster alleine die Welt umrundet, erhält das Preisgeld von 5000 britischen Pfund. Donald, der gerade erst ein neuartiges Navigationssystem entwickelt hat, sieht seine große Chance gekommen und bereitet sich trotz mangelnder Praxis auf das große Rennen vor.

Das Hochseesegeln will er sich während des Rennens selbst beibringen, genauso wie er auch das Schiff, das zum Zeitpunkt des Starts noch nicht ganz fertig ist, unterwegs fertigstellen will. Doch Donalds Träumereien werden ihm auf dem Ozean bald zum Verhängnis; genauso wie die Einsamkeit, die sich in Visionen und Wahnvorstellungen äußert. Nach und nach wird es immer unwahrscheinlicher, dass Donald sein Ziel erreicht...

Der ehemalige Dokumentarfilmer James Marsh konzentriert sich in seinem Schaffen vorwiegend auf die Nacherzählung echter Ereignisse. Für seine Stephen-Hawking-Biografie „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ wurde er zuletzt weltweit mit Preisen überhäuft; Hauptdarsteller Eddie Redmayne erhielt für seine Performance des kürzlich gestorbenen Wissenschaftlers sogar den Oscar als bester Hauptdarsteller. Auch „Vor uns das Meer“ ist eine unaufgeregte Charakterstudie. Doch diesmal erweist sich der Verzicht auf stilistische Überhöhung und die Konzentration auf eine möglichst realitätsgetreue Inszenierung auch ein wenig als Spannungsblocker: Während Marsh die charakterliche Doppelbödigkeit seines einerseits träumerischen, andererseits durchaus egomanischen Protagonisten stilsicher einfängt, mangelt es der Geschichte im weiteren Verlauf ein wenig an Dynamik.

Viele spannende Aspekte in „Vor uns das Meer“ werden nur angerissen; etwa Donald Crowhursts sich sukzessive verschlechternder, psychischer Zustand. Da kommt der (hier recht offen gelassene) Vielleicht-Selbstmord fast aus dem Nichts, genauso wie der Nebenhandlungsstrang rund um Crowhursts Ehefrau Clare, bei dem die Belagerung durch sensationshungrige Journalisten nur behauptet wird. Wenn sich die Witwe nach Crowhursts Tod schließlich in einem flammenden Statement an die gierige Presse richtet, ist das zwar eine starke Szene, doch so ganz ohne erzählerisches Fundament fehlt es ihr an der notwendigen Emotionalität.

Trotzdem kann man sich nach dem Sehen von „Vor uns das Meer“ gut ein Bild davon machen, was Donald Crowhurst gleichermaßen antrieb und schließlich - im wahrsten Sinne des Wortes - zu Fall brachte. Während der Geschichte erzählerisch ein wenig die Ecken und Kanten fehlen, ist das Drama inszenatorisch über jeden Zweifel erhaben. Kulisse, Make-Up, Frisuren, Kostüme - all das atmet die Luft der späten Sechzigerjahre und versprüht so eine Authentizität, dass man im Laufe der Geschichte tatsächlich immer mehr das Gefühl bekommt, als zweiter Passagier an Bord von Crowhursts Schiff zu sein. Und in die Hände von Oscar-Preisträger Colin Firth begibt man sich ohnehin nur zu gern. Ohne viel zu sprechen - und damit ein wenig an Robert Redford im Schiffsdrama „All Is Lost“ erinnernd - steht ihm der innere Zwiespalt zwischen halsbrecherischer Abenteuerlust und stummer Resignation permanent ins Gesicht geschrieben. Dieses Himmelfahrtskommando wünscht man keinem!

Vor uns das Meer, Großbritannien 2018, 102 Min., FSK ab 6, mit Colin Firth, Rachel Weisz, David Thewlis, Mark Gatiss

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