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Königliche Erinnerungen

300 Jahre Schützenfest in Almsick

Der Zauber des Schützenfestes wirkt ein Leben lang. Zu den königlichen Erinnerungen zählen auch die Erlaubnis des Vaters und eine fürsorgliche Schwester.

Stadtlohn

, 15.05.2018
Königliche Erinnerungen

1956: Das Königspaar Franz Brockherde und Alwine Willemsen tritt seine Regentschaft an. Schützenverein Almsick © Schützenverein Almsick

Seit 300 Jahren feiern die Almsicker ihr Schützenfest. Dieses Jubiläum war am Montag Anlass für eine Audienz bei der amtierenden Kaiserin, beim ältesten Schützenkönig der Hubertusschützen und beim langjährigen Oberst. Hier sind die Erinnerungen von Agnes Göring (77), Franz Brockherde (85) und Hermann Rottherm (75).

Die junge Königin

Ein stolzes Lächeln, Blumen im Haar und das festliche Kleid, das sie eigentlich für die Hochzeit ihrer Schwester gekauft hat. Das 60 Jahre alte Foto ist etwas vergilbt, nicht aber die Freude im Blick von Agnes Göring, die damals noch Agnes Wittmann hieß. An der Seite von Theo Rosker-Holtkamp strahlt die 17-Jährige in die Kamera. Der König an ihrer Seite hatte schon die Welt gesehen, war nach Australien ausgewandert und dann nach Almsick heimgekehrt. Vielleicht spielte das Heimweh nach dem Schützenfest ja auch eine Rolle.

1958 jedenfalls schoss er den Vogel von der Stange. Die völlig überraschte Agnes wurde Königin. „Ich war noch viel zu jung“, sagt sie heute lachend. Beim Schützenfestauftakt hatte sie noch um zehn zu Hause sein müssen. Jetzt musste ihr Vater die Zustimmung geben, dass seine Tochter Königin sein durfte – und das auch nach 22 Uhr. Das tat er aber gerne. Auch er war Schütze mit Herz und Seele.

Die Kaiserin

„Königin zu sein ist wunderbar“, sagt Agnes Göring. „Aber Kaiserin zu sein ist noch viel schöner, weil ich alles viel bewusster genießen konnte.“ 35 Jahre nach ihrer ersten Proklamation landet Theo Rosker-Holtkamp beim Jubiläumsschützenfest 1993 erneut den entscheidenden Treffer. Agnes Göring wird Kaiserin, die erste des Vereins. Und sie amtiert bis Samstag. Nach 25 Jahren wird dann ein neues Kaiserpaar gekürt.

Königliche Erinnerungen

Vor 60 Jahren: Königin Agnes Göring geb. Wittmann und König Theo Rosker-Holtkamp strahlen in die Kamera. © Schützenverein Almsick

Beim Kaiserschießen am Samstag darf auch Franz Brockherde auf den Vogel anlegen. Er ist der älteste noch amtierende König. Er weiß es noch wie heute, wie es 1956 an der Vogelstange zuging. Mit einem Musikerkollegen hatte der 23-Jährige morgens beim Bier spontan eine Verabredung getroffen: „Wenn ich Schützenkönig werde, dann wird deine Schwester Königin – oder umgekehrt.“ Und dann, so sagt er, „haben wir einfach drauf losgeballert.“

Mit königlichem Erfolg. Franz Brockherde kann sich noch gut an das erhabene Gefühl erinnern, als ihm die Schützenkette umgelegt wurde, damals noch mit der historischen Plakette aus dem Jahr 1718, die heute im Tresor verwahrt wird. „Nachdem mich die Schützen haben hochleben lassen, wurde mir ganz anders, ich war ein wenig benommen.“ Er legte sich ins Bett und fiel in einen tiefen Schlaf. Als er aufwachte, standen glänzende schwarze Schuhe vor seinem Bett und über dem Stuhl hing ein schwarzer Anzug. „Dabei hatte ich mich um gar nichts gekümmert.“ Gut, wenn man eine fürsorgliche Schwester hat. 830 Mark kostete ihn damals die Regentschaft. „Das war viel Geld, da musste ich vier Monate für arbeiten.“

Der verhinderte König

Das hätte Hermann Rottherm gerne in Kauf genommen. „Zum König habe ich es aber nie gebracht“, erzählt der langjährige Oberst. Dabei hätte er so gerne einmal die ehrwürdige Schützenkette um den Hals getragen. Beim Jubiläumsschützenfest vor 25 Jahren war er ganz nah dran. Die Vogelreste hingen quasi am seidenen Faden. Hermann Rottherm schoss. Nichts passierte. Der Schütze nach ihm schoss. Und wurde König.

Die Stimmung

Der verhinderte König Hermann Rottherm hat dennoch jedes einzelne Schützenfest genossen. „An den Schützenfesttagen liegt immer ein ganz besonderes Flair in der Luft. Es gibt nichts Vergleichbares. Die Hektik des Alltags ist plötzlich weg.“ Agnes Göring und Franz Brockherde nicken zustimmend. „Genau das ist es, was auch der Vorsitzende des Schützenvereins St. Hubertus Almsick schätzt: „Das Schützenfest stärkt das Gemeinschaftsgefühl bei allen Almsickern und bei vielen Ehemaligen. Und es weckt bei der jungen Generation ein Gefühl für Tradition und Geschichte.“ Das spüre er besonders bei der Kranzniederlegung am Ehrenmal.

Königliche Erinnerungen

Blick in die Schützenfestvergangenheit (von links): der älteste König Franz Brockherde, der langjährige Oberst Hermann Rottherm und die Kaiserin Agnes Göring. © Stefan Grothues

Apropos jung: Wie ausgelassen wurde vor 60 Jahren eigentlich gefeiert, in den Jahren wo Elvis den „Jailhouse Rock“ sang und Bill Haley mit „Rock around the Clock“ durch Deutschland tourte? Franz Brockherde, der viele Jahre als Saxofonist und Klarinettist bei den Wiesentalern musizierte, winkt ab. „Selbst Schlager waren ja die Ausnahme beim Schützenfest“, sagt er. Die Blaskapelle spielte Kunderdanz, Walzer, Schieber und Rheinländer – und ganz selten mal einen Foxtrott. Das war ja schon ganz modern.“ Der Vorfreude tat das auch bei der Jugend keine Abbruch: „Früher haben wir uns wochenlang aufs Schützenfest gefreut. Es gab ja auch noch keine Disco“.

Die Jungen

„Wo ist die Zeit nur geblieben?“, fragt Agnes Göring versonnen in die Runde, während die Senioren in den Fotoalben die alten Schützenfeste wieder aufleben lassen. Schützenfeste sind aber nicht nur von gestern. Sie sind auch von heute und von morgen. Daran hat der Vorsitzende Karl-Heinz Böing keinen Zweifel. Er nennt eine überzeugende Zahl: „Ab 16 Jahre können junge Almsicker Mitglied im Schützenverein werden. Die Eintrittsquote liegt zurzeit bei 100 Prozent.“