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Super Platz, super Sieg, super Tag

Selmer erinnert sich an WM-Sieg 1974

Kein WM-Spiel ist Franz-Josef Siesenop aus Selm so in Erinnerung geblieben, wie das Finale im Jahr 1974. Deutschland gegen die Niederlande. Uns erzählt er, wie er im Stadion live mitfieberte, als Deutschland Weltmeister wurde und warum er seinen eigenes kleines Duell mit einem Niederländer ausfechten musste.

Selm

, 15.06.2018
Super Platz, super Sieg, super Tag

Franz-Josef Siesenop zeigt seine Karte: Am 7. Juli 1974 um 15 Uhr hat er sich das WM-Finale zwischen Deutschland und den Niederlanden angesehen, im Münchener Olympiastadion. „Das muss man erlebt haben“, sagt der 70-Jährige.

Block M, Reihe 20, Platz 22. Dort sitzt Franz-Josef Siesenop. Es ist der 7. Juli 1974, und im Olympiastadion in München ist gerade Anstoß. Deutschland tritt gegen die Niederlande an.

Wenn Siesenop ein Fußballspiel in ganz besonderer Erinnerung geblieben ist, dann ist es das WM-Finale 1974. Mit zwei Freunden ist der damals 26-Jährige angereist: Franz-Josef Schwenke und Franz Klossowski sind mit dabei. Franz, Franz und Franz also.

„Meine Freunde hatten sich zwei Tage vor dem Kartenvorverkaufsbeginn in Dortmund angestellt und dort sogar übernachtet“, erinnert sich der 70-Jährige heute. „Die Karten waren schließlich begehrt.“ Die Fußballfans ergattern nicht nur Karten für das Endspiel, sondern sie sichern sich auch Tickets für den 26. Juni in Düsseldorf und das Spiel um den dritten Platz.

Nur drei Karten

Im Düsseldorfer Rheinstadion sehen sie, wie Deutschland gegen Jugoslawien spielt. „Das war eine Wasserschlacht. Es hat so geregnet, das werde ich nie vergessen“, sagt Franz-Josef Siesenop. Deutschland gewinnt das Spiel 2:0. Das Spiel um den dritten Platz wird bereits im Münchener Olympiastadion ausgetragen. Polen besiegt an diesem Samstag, dem 6. Juli 1974, Brasilien mit 1:0. „Da waren wir mit unseren Frauen“, sagt Siesenop. „Aber für das Finale hatten wir nur drei Karten bekommen, deshalb mussten sich die Frauen das Spiel vom Hotel aus angucken.“ Die seien auch, gibt Siesenop zu, „ein bisschen sauer“ gewesen.

Am Samstagabend, dem Tag vor dem Finale, treffen sie einen Holländer an der Hotelbar. Man kommt ins Gespräch, schließlich tritt Deutschland ja gegen die Niederlande an. „Der Typ haute auf den Putz, schimpfte auf Beckenbauer und Müller und sagte: ‚Wer sind die schon?‘ Siesenop und seine Freunde ärgern sich.

Lieber die Karten verbrannt, als verkauft

Dann versucht der Niederländer, eine der Karten zu kaufen. „Die Karten hatten 40 DM gekostet. Er brauchte noch eine Karte für seine Frau. 800 DM hat er uns geboten, davon hätte man bequem zwei Wochen Urlaub auf Ibiza machen können“, sagt Siesenop lachend.

Doch er und seine Freunde bleiben hart. „Das Spiel hätten wir nicht um alles Geld der Welt verpassen wollen. Außerdem war der Mann so unsympathisch gewesen. Mein Freund hat zu ihm gesagt: Bevor ich dir die Karte verkaufe, verbrenne ich sie lieber.“

Bester Blick auf die Tore

Im Block M sitzen sie am Sonntag ziemlich gut. „Auf Höhe der 16-Meter-Linie, das war ein Superplatz.“ Und sie sehen die Tore. Zuerst den Elfmeter durch den Niederländer Johan Neeskens, den der Schiedsrichter bereits in der 2. Minute gibt. Dann den Ausgleich durch Paul Breitner, ebenfalls ein Foulelfmeter, in der 25. Minute. „In der ersten Halbzeit habe ich eine ganze Schachtel Zigaretten geraucht.“ Schließlich fällt das zweite Tor der Deutschen, geschossen von Gerd Müller. Flach ins linke Eck. Ein Treffer in der 43. Minute. „Vor uns saßen Mädchen, die drückten die ganze Zeit die Daumen. Hinterher hatten sie ganz verkrampfte Finger.

Als das Spiel um 17.47 Uhr abgepfiffen wird, ist Deutschland zum zweiten Mal nach 1954 Fußball-Weltmeister. Franz, Franz und Franz sind selig. „Es war eine tolle Atmosphäre. Alle lagen sich in den Armen.“ Sepp Maier wirft seine Torwarthandschuhe ins Publikum. „Fast hätte ich einen abbekommen, aber ich habe ihm nicht ganz erwischt.“ Die Freunde gehen in die Stadt, ins Hofbräuhaus. „Dort hatten vor dem Spiel die ganzen Niederländer gefeiert. Jetzt waren da nur noch Deutsche.“ Auf dem Marienplatz ist auch eine Menge los. „Die Leute haben auf den Autos gestanden und gejubelt“, erinnert sich Franz-Josef Siesenop.

Schnell abgereist

Die Frauen warten an diesem Abend lange auf ihre Männer. Den unsympathischen Hotelnachbarn sieht die Truppe nicht wieder. „Bestimmt ist der schnell abgereist – obwohl wir uns eigentlich noch mal treffen wollten“, grinst Siesenop.

Die WM in Russland wird Franz-Josef Siesenop auf dem Fernsehbildschirm verfolgen. Natürlich mit Nachbarn und Freunden, allerdings nicht mehr mit Franz-Josef Schwenke und Franz Klossowski. „Die haben ihre eigene Nachbarschaft, mit der sie zusammen gucken.“ Doch das gemeinsame Erlebnis im Olympiastadion – das werden die drei Freunde nie vergessen.

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