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Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht

Schwerter Gruppen auf Facebook

Was ist los auf der Ruhrstraße in Ergste? Welchen Arzt könnt ihr empfehlen? Kann man in Schwerte Etiketten ausdrucken? Erinnert ihr euch an den Tante-Emma-Laden in Holzen? Tausende finden Antworten darauf auf Facebook. Und damit auch ein Stück Heimat.

Schwerte

, 19.04.2018
Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht

Ein Blick aufs Smartphone, ein Klick auf die Facebook-App – drei oder vier Mal pro Tag ist das Pflicht für Jens Kritzler. Der 36-Jährige ist Administrator bei „Du bist Schwerter, wenn…“, der größten Schwerter Gruppe bei Facebook. Fast 8000 Mitglieder hat diese Gruppe, fast alle kommen aus Schwerte oder haben zumindest hier ihre Wurzeln.

Bevor der Beitrag eines Mitglieds veröffentlicht wird, landet er bei Kritzler. Der schaut drauf und gibt frei:

  • ein Foto vom Regenbogen über St. Viktor
  • der Hinweis auf einen Frühlingsbasar
  • eine Nachricht über den Feuerwehr-Einsatz auf der A45
  • Jörg Rosts Ankündigung, an welchem Tag wieder Kirschblütenfest ist

„Meistens sind es die Kleinigkeiten, nicht die großen Themen“, sagt Kritzler. Und doch merke er: Was hier erscheint, vermittelt vielen Mitgliedern das Gefühl von Heimat.

Der Psychologe: „Es ist wie ein Marktplatz.“

Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht

Christian Lüdke, Psychologe aus Lünen © Beate Rottgardt

„Die Foren sind dem Wunsch nach sozialen Kontakten entsprungen“, analysiert Christian Lüdke (57), Psychologe aus Lünen. Facebook-Gruppen seien „ein bisschen wie ein Marktplatz – man trifft alte Bekannte nach Jahren wieder, tauscht sich aus. Es ist kein Zwang dahinter, aber man hat das Bedürfnis nach Zugehörigkeit in einer Stadt.“

7941 Mitglieder hat Kritzlers Schwerte-Gruppe, knapp 4000 Facebook-Nutzer sind Teil von „Schwerter unter sich und die die Stadt Schwerte lieben“, rund 3500 Mitglieder hat „Schwerter Bürger – Offene Gruppe“. Und das sind noch lange nicht alle Gruppen, in denen die 48.000 Schwerter ein Stück digitale Heimat finden können.

Der Administrator: „Eine Diskussion, die frei laufen kann“

Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht

Norbert Sokol, Administrator von „Schwerter Bürger - Offene Gruppe“ © Marvin Reichel

„Ich hab’ nach Schwerte eingeheiratet – und ich hab‘ mich hier gleich wohl gefühlt“, erinnert sich Norbert Sokol (65). Seit einigen Jahren ist der gebürtige Dortmunder Administrator der „Offenen Gruppe“. Auch wenn er jetzt wieder knapp hinter der Stadtgrenze wohnt – es sind die Diskussionen über Schwerte, die er besonders schätzt. „Vieles wird sehr kontrovers diskutiert, zum Beispiel jetzt alles rund um die Bürgermeisterwahl.“

Manches baue sich in den Gruppen schnell zum Thema auf. „Ich wünsche mir, dass es ein Forum ist, in dem man eine vernünftige Diskussion hinbekommt, die frei laufen kann.“

Die meisten Beiträge drehen sich aber nicht um Politik, sondern sehen so aus:

  • Achtung: Nächste Woche ist Warnstreik von Verdi.
  • Weiß jemand, ob es in Schwerte eine Sauna gibt?
  • Schnupper-Training bei der Jugend des TuS Wandhofen
  • Im „Stall“ tritt am Samstagabend ein Musiker auf.
  • Rinderblut für Hunde im Angebot

Die Professorin: „Die Alltagswelt in meinem Viertel“

Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht

Wiebke Möhring, Professorin an der TU Dortmund © Norbert Müller

„Das ist die Alltagswelt in meiner Stadt oder in meinem Viertel“, sagt Wiebke Möhring. Die 48-Jährige ist Professorin am Institut für Journalistik der TU Dortmund und beobachtet seit Jahren die Entwicklung von lokaler Kommunikation im Internet. Schnell entstehe in Facebook-Gruppen wie „Du bist Schwerter, wenn…“ ein Gefühl der Zusammengehörigkeit – „und damit sinkt auch die Hemmschwelle, etwas Privates mit den anderen zu teilen. Hier hole ich mir Ratschläge oder Zuspruch und tausche mich aus.“

Klar, man könne auch einfach in den Sportverein eintreten, doch hätten lokale Gruppen in sozialen Netzwerken einen Vorteil: Es gebe keine festen Termine und Treffen. „Die Gruppen sind unverbindlich, es drohen auch keine sozialen Sanktionen, wenn man die Gemeinschaft wieder verlässt.“

Die Entwicklung: Erst Nostalgie, dann Kritik an der Heimat

Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht
Die meisten bleiben in den Facebook-Gruppen. Gerade weil es nicht nur Alltags-Infos gibt, sondern auch viel Nostalgie. Jens Kritzler erinnert sich: „Ganz am Anfang vervollständigten viele diesen Satz, also ‚Du bist Schwerter, wenn…du weißt, das So-und-so mal an dieser oder jener Stelle war.‘ Das fand ich ganz toll.“

Zusammen mit seinem Vater sei er Holzen durchgegangen. „Da kamen die alten Erinnerungen: Da war mal Tengelmann, hier hatten wir mal eine Bude, hier einen Tante-Emma-Laden.“ Viele dieser Erinnerungen wurden in den Gruppen geteilt, manchmal mit alten Fotos. „Dieses Retro, das war schon cool. Man sah: Du hast mal ein Schwerte gehabt, in dem Leben war.“

Das große Hach: War nicht früher alles besser?

Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht

Schönes Schwerte: Diese Aufnahme von St. Viktor ist das Titelbild einer der größten Facebook-Gruppen.

Man verbindet Heimat damit, wo die eigenen Wurzeln sind, wo die Familie ist“, erläutert Christian Lüdke, der Lüner Psychologe: „Wir haben alle Sehnsucht nach Heimat, weil das was mit Geborgenheit, mit guten Gefühlen aus der Kindheit zu tun hat.“ Und für Weggezogene seien „solche Gruppen ein Anker in die eigene Biografie“, ergänzt Wiebke Möhring. „Lokale Gruppen sind für viele Menschen eine Verlängerung der Heimat ins Netz.“

Früher war alles besser? Vieles in der Anfangszeit der Gruppen wirkte so. „Aber irgendwann hat man auch die Ortsteile und Erinnerungen durch“, sagt Jens Kritzler. Die Nostalgie sei häufig in Frust umgeschlagen: „Dann tauchte dieser Gedanke öfter in der Gruppe auf: Es ist irgendwie nicht mehr so wie früher.“ Leerstände, weniger Kirmes-Besucher, weniger Weihnachtsbeleuchtung – all das sei verstärkt zum Thema geworden.

Bis es sich nach einigen Jahren normalisiert habe. Sodass heute alles gleichberechtigt untereinander stehe in diesen Facebook-Gruppen: der Blick auf das Damals, der kritische Blick auf das Heute, die Neuigkeiten des Tages und der Ausblick, wie sich Schwerte weiterentwickeln könne und was der Stadt und den Ortsteilen fehle.

Gefühl der Vertrautheit: Das kann auch gefährlich sein

Wenn in Sozialen Netzwerken ein Stück Heimat entsteht

Nochmal St. Viktor: Das ist das Titelbild der „Offenen Gruppe“. © Norbert Sokol

Auch die Administratoren haben gelernt: „Man weiß auch, dass manche nur ihren Frust rauslassen wollen“, sagt Norbert Sokol. Mittlerweile reiche es, wenn er nach dem Aufwachen „kurz reingucke: Ist alles in Ordnung? Kommt bei einem Thema wohl irgendwas Besonderes? Musst du eingreifen oder kannst du das laufen lassen?“ An sich laufe eine Diskussion nur noch ganz selten aus dem Ruder.

Das Problem bei Internet und Social Media: Es steht da und wenn man will, kann man wieder nachtreten“, bilanziert Jens Kritzler. Auch Uni-Professorin Möhring warnt die Nutzer, sich auf Facebook zu sehr zu öffnen: „Man kann schnell ein Gefühl der Vertrautheit bekommen, die es gar nicht gibt. In dem Moment, in denen ich andere in meinen Alltag lasse, gebe ich relativ viel Preis von mir, und das vor Leuten, die ich eigentlich gar nicht kenne.“ Psychologe Lüdke sieht auch die Gefahr der Abhängigkeit: Man müsse selbst bestimmen können, wann man sich aus dem digitalen zurück ins reale Leben löse.

Dafür können Facebook-Gruppen in kurzer Zeit Tausende erreichen. So wie kürzlich ein Post aus Westhofen. Ein Foto eines Kuscheltiers: eine Schildkröte. Dazu schrieb die Nutzerin: „Vemisst mich jemand? Wenn ja dann bitte eine Nachricht.“ Wie ein Aushang auf dem Marktplatz. Einer, der den Betrachtern das Gefühl von Heimat vermittelt: Guck an, bei uns sorgt man sich umeinander.

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