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Polizei identifiziert Täter und Opfer der Amokfahrt

Auto fährt in Münster in Menschenmenge

Nach der Amokfahrt von Münster suchen die Ermittler weiter nach Motiv und Hintergründen für die Tat mit drei Toten und mehr als 20 Verletzten. Nordrhein-Westfalens Innenministers Herbert Reul hat die bisherigen Informationen zum Täter von Münster am Sonntag bekräftigt. Der mutmaßliche Amokfahrer sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ ein aus Deutschland stammender Einzeltäter.

MÜNSTERPolizei identifiziert Täter und Opfer der Amokfahrt

, 07.04.2018
Polizei identifiziert Täter und Opfer der Amokfahrt

Mitarbeiter der Gaststätte Kiepenkerl legten am Sonntag Blumen nieder und stellten eine Kerze auf. © dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • Am Samstag um 15.27 Uhr fuhr ein silberner Campingbus in eine Menschenmenge vor einem beliebten Restaurant in Münster.
  • Durch die Amokfahrt starben laut Polizei zwei Menschen, 20 wurden verletzt, sechs von ihnen schwer.
  • Der Fahrer des Lasters erschoss sich danach selbst.
  • Bei dem Täter soll es sich um einen 1969 geborenen Deutschen gehandelt haben, der psychisch labil war.
  • Die Innenstadt von Münster wurde am Samstag weiträumig abgesperrt.
  • In der Wohnung des mutmaßlichen Täters in Münsters Südviertel fand die Polizei Dekorationswaffen und Feuerwehrskörper.

Samstagnachmittag in Münster: In den historischen Gassen der Altstadt sitzen die Menschen draußen in der Sonne - es ist einer der ersten warmen Frühlingstage. Doch ein furchtbarer Zwischenfall erschüttert die Idylle in der Stadt: Ein Kleintransporter, ein silberfarbener Campingbus wird in eine Menschengruppe gelenkt. Drei Menschen sterben - unter ihnen ist nach Polizeiangaben auch der mutmaßliche Täter. 20 Menschen werden verletzt, einige davon schwer.

In der Uniklinik hat es in der Nacht mehrere Notoperationen gegeben. Insgesamt würden vier Schwerstverletzte behandelt, sagte eine Sprecherin am Sonntagmorgen. Der Zustand der lebensgefährlich verletzten Opfer der Amokfahrt von Münster hat sich über Nacht nicht verändert. Am Universitätsklinikum waren am Samstagabend innerhalb von Minuten rund 300 Menschen dem Aufruf zum Blutspenden gefolgt - viel mehr, als die Klinik bewältigen konnte.

Todesopfer aus dem Kreis Lüneburg und Borken

Die Polizei identifizierte inzwischen die beiden Todesopfer. Laut Staatsanwaltschaft und Polizei handelt es sich um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken.

Der Fahrer des Kleinlasters erschoss sich nach der Tat selbst. Zunächst gab es Zeugenhinweise, dass nach dem Vorfall zwei Menschen aus dem Kleinlaster gestiegen und geflohen seien.Diese haben sich nicht erhärtet. Es gebe keine Hinweise, dass noch weitere Verdächtige an dem Verbrechen beteiligt waren - man gehe von der Tat eines Einzeltäters aus, sagte eine Polizeisprecherin am Sonntag.. „Bislang liegen keine Hinweise auf einen möglichen Hintergrund für die Tat vor. Die Ermittlungen werden mit Hochdruck und in alle Richtungen geführt“, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei am Sonntagmorgen mit. Die Polizei hat noch in der Nacht das Tatfahrzeug abgeschleppt. Der Campingbus wurde auf einen Abschleppwagen geladen und weggefahren.

Polizei identifiziert Täter und Opfer der Amokfahrt

Der Tatwagen wird vor dem Gasthaus „Grosser Kiepenkerl“ abgeschleppt. © dpa

Was bisher über den Täter bekannt ist

„Nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen handelt es sich bei dem Fahrer vermutlich um einen 48-jährigen Mann aus Münster“, erläuterte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet er stamme gebürtig aus Olsberg im Sauerland. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung soll der Mann namens Jens R. in den Jahren 2014 und 2016 psychisch auffällig gewesen sein. Er habe schon lange in Münster nahe des Tatorts gelebt. Laut Spiegel war R. den Behörden nicht als Extremist bekannt. Allerdings soll er bereits einen Suizidversuch unternommen haben. In Münster lebte er zuletzt eher zurückgezogen. Nachbarn beschreiben ihn als merkwürdigen Charakter, er habe häufig Streit gesucht. Seine beruflichen Aktivitäten als Designer scheinen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen zu sein. Der Polizei fiel er wegen Sachbeschädigung und Bedrohung in seinem persönlichen Umfeld auf.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte am Samstagabend gesagt: „Es spricht im Moment nichts dafür, dass es einen islamistischen Hintergrund gibt.“ Die Deutsche Presseagentur spricht von einem Einzeltäter.

Der Ort des Geschehens: Umgeworfene Stühle und Tische, rechts im Bild das Tatfahrzeug, ein Kastenwagen: Er fuhr in Menschen, die im beliebten Kiepenkerl-Viertel in der Innenstadt die Sonne genossen.

Wohnung des Täters durchsucht

Die Polizei fand bei der Durchsuchung der Wohnung des Amokfahrers eine nicht funktionsfähige Maschinenpistole vom Typ AK47, hieß es. Die Beamten hätten nur eine Dekorationswaffe und Feuerwerkskörper gefunden. Spezialisten hätten aus Sicherheitsgründen die Wohnungstür aufgesprengt, bevor die Beamten die Räume hätten untersuchen können. Am Samstagabend waren in Münster wiederholt Explosion zu hören gewesen.

Auch unmittelbar nach der Amokfahrt hatten sich die Einsatzkräfte dem Campingbus mit großer Vorsicht genähert, da Beamte Drähte sahen, die ins nicht einsehbare Fahrzeuginnere führten.

Experten des Landeskriminalamts aus Düsseldorf hätten dann das Fahrzeug auf mögliche Gefahren ausgiebig untersucht und letztlich Entwarnung gegeben, hieß es weiter. Ermittler hätten im Wagen die Waffe, mit der sich der Täter erschossen habe, sowie eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend Feuerwerkskörper gefunden.

Innenstadt war weiträumig evakuiert worden

Der Innenstadtbereich rund um den Tatort wurde weiträumig gesperrt, die Polizei evakuierte die Anwohner. Manche von ihnen verließen die Innenstadt komplett, andere saßen in den Cafés und Grünanlagen rund um den Stadtkern.

Unter anderem Martin Wiech. Der Dortmunder kam am Samstagmorgen zum Shoppen nach Münster: „Mein Auto ist noch in der Innenstadt geparkt, ich komme da nicht mehr dran. Unglaublich, dass so etwas in Münster passiert. Das ist eine der friedlichsten Städte, die ich kenne. Ich habe hier studiert, viele Jahre gelebt, noch nie eine Schlägerei gesehen. Und dann sowas. Ich bin schockiert“, sagte er am Samstagabend Spiegel Online.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat am Sonntag in Münster sein Mitgefühl mit den Opfern der Todesfahrt im Stadtzentrum ausgedrückt. Der Samstag sei „ein schrecklicher, ein trauriger Tag für die Menschen in Münster“ gewesen, aber auch für ganz Nordrhein-Westfalen und Deutschland, sagte Laschet in der Nähe des Tatorts. Er lobte die Besonnenheit und Solidarität der Bevölkerung und kritisierte diejenigen Nutzer sozialer Netzwerke, die dort kurz nach der Tat „das Hetzen“ begonnen hätten.

Spurensuche dauert an

Auch die Polizei lobte das besonnene Verhalten der Menschen. „Die Polizei konnte die notwendigen Maßnahmen schnell und reibungslos treffen“, erklärte der Einsatzleiter, Polizeidirektor Martin Fischer. „Alle haben sich vorbildlich verhalten und den Tatortbereich sehr schnell verlassen.“ Erst in den frühen Sonntagmorgenstunden konnten die Anwohner wieder zurück in ihre Wohnungen.

„Allein die Tatortaufnahme wird viel Zeit in Anspruch nehmen“, erklärte Fischer zum Stand der Untersuchungen. „Wir brauchen Zeit, die Spuren auszuwerten und die Ergebnisse der Ermittlungen zusammenzuführen.“Die weiträumige Absperrung der Münsteraner Innenstadt, die die Polizei nach dem Zwischenfall aufgebaut hatte, wurde am Sonntagvormittag wieder entfernt. Nur der Bereich unmittelbar um den Tatort bleibt weiterhin abgesperrt. Das Bundeskriminalamt richtete im Internet für Zeugen ein Hinweisportal ein: Hier könnten Videos oder Fotos, die im Zusammenhang mit der Tat stehen, hochgeladen werden. Nach Angaben der Polizei laufen inzwischen viele Hinweise ein.

Trauer und Mitgefühl für die Opfer und Angehörigen

Die Bundesregierung hat den Opfern von Münster und ihren Angehörigen ihr Beileid ausgesprochen. „Furchtbare Nachrichten aus Münster“, schrieb die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Samstag auf Twitter. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen.“ Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) dankte auf Twitter den Rettungskräften vor Ort. „Müssen alles tun, um Hintergründe der Tat aufzuklären“, schrieb sie.

Die Hintergründe des tödlichen Zwischenfalls in Münster seien noch unklar, sagte Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe am Samstagabend. „Ganz Münster trauert über dieses schreckliche Ereignis. Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Getöteten. Den Verletzten wünschen wir schnelle und baldige Genesung“, sagte Lewe am Samstag vor Journalisten. Er dankte den Einsätzkräften für ihre Arbeit. Im Paulus-Dom in Münster gibt es am Sonntagabend einen ökumenischen Gedenkgottesdienst, den Bischof Felix Genn leiten will.

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Mit Material von dpa

Hintergrund zum „Kiepenkerl“ Der „Kiepenkerl“ ist ein Standbild eines reisenden Händlers aus dem Münsterland im Herzen der historischen Innenstadt von Münster. Er ist ein Wahrzeichen der gut 300.000 Einwohner zählenden Stadt. Die beiden umliegenden Traditionslokale heißen Großer Kiepenkerl und Kleiner Kiepenkerl. Der Platz inmitten enger Altstadtgassen ist ein beliebter Treffpunkt. Bei gutem Wetter sitzen und stehen dort oft zahlreiche Menschen im Freien, im Winter gibt es ein Weihnachtsdorf. Auf kleinstem Raum stehen dort viele Tische beisammen.