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Fußball: Trainerberater im Interview

Kosicke: Geduld in den Vereinen wird immer geringer

Dortmund Von Jürgen Klopp bis Julian Nagelsmann - mehr als ein Dutzend renommierter Fußballtrainer hört sich seine Ratschläge an. Marc Kosicke (46) hat sich in wenigen Jahren zu einem wichtigsten Berater der Szene entwickelt. „Der Trainer“, sagt der Bremer, „wird zum wichtigsten Mann im Verein.“

Kosicke: Geduld in den Vereinen wird immer geringer

Zwei Stars der Szene: Julian Nagelsmann (l.) und Jürgen Klopp im angeregten Austausch. Das Anforderungsprofil an Fußballtrainer hat sich massiv verändert - nur der Erfolgsdruck ist nach wie vor derselbe Foto: imago

Was steht im Anforderungsprofil eines Trainers?
Im Duden steht sinngemäß: „Ein Trainer ist derjenige, der im Training korrigiert und anweist.“ Mittlerweile gehört das zu den Aufgaben, die ein Trainer immer weniger selber übernimmt. Ein Trainer ist längst nicht mehr nur Übungsleiter. Er muss sich mit unterschiedlichsten Kulturen und Erziehungsstilen auseinandersetzen. Dann wird das Thema Medien immer größer. Die Spieler reden immer geschliffener, weil sie in den Leistungszentren auch auf die Profikarriere neben dem Platz vorbereitet werden. Der Trainer ist mittlerweile der interessantere, profiliertere Gesprächspartner. Er sendet in der Regel klare Botschaften. Die Spieler werden a) geschützt und b) geben sie selten Interviews, in denen es kontrovers wird.


Die Trainer werden demnach zum Aushängeschild der Vereine. Mit welchen Konsequenzen?
Der Trainer steht an vorderster Front. Er kommuniziert mit den Spielern, mit den Aufsichtsräten, mit den Sponsoren, mit Fans. Er hat einen riesigen Berg an Kommunikation zu erledigen, intern wie extern. Außerdem umfasst der Trainerstab viel größere Abteilungen - medizinischer Stab, Fitnesstrainer, Ernährungsexperten, mehrere Co-Trainer, Torwarttrainer: Er muss Management-Skills beherrschen, mit seinen Mitarbeitern sprechen und sie so koordinieren, dass sie bestmöglich ihre Arbeit machen.

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Und seine Aufgaben?
Wenn das alles gelingt, kann sich der Trainer um das kümmern, wofür er im engeren Sinne da ist, nämlich die Mannschaft so vorzubereiten, dass sie das nächste Spiel gewinnt und größtmöglichen Erfolg hat. Es soll nicht despektierlich klingen gegenüber früheren Zeiten, aber de facto muss ein Trainer heute viel, viel mehr führen als früher.


Sie sagen, Sie vermitteln „Führungspersönlichkeiten“. Was macht jemanden zu einem Anführer?
In England hieß der Trainer schon immer „Manager“, in Italien „Mister“. Dort hat man ihm schon immer zugestanden, dass er derjenige ist, der den ganzen Laden zusammenhält und dem man viel Respekt entgegenbringen muss. Der Trainer wird zum wichtigsten Mann im Klub.


Warum können junge Trainer wie Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco oder Hannes Wolf, Manuel Baum oder Florian Kohfeldt die alte Garde aus dem Trainer-Karussell verdrängen?
Sie verdrängen ja nicht. Sie kommen dazu. Das ist eine Mischung aus Zeitgeist und der Suche nach dem passenden Trainer. Diese Trainer waren keine Nationalspieler, aber sie haben alle in Leistungszentren gearbeitet. Und die meisten Spieler in den Profikadern wurden eben dort ausgebildet. Von daher haben diese Trainer einen guten Zugang zu den Jungs. Es ist ein schöner Trend, dass es nicht 100 Länderspiele braucht, um ein guter Trainer zu sein. Trainer brauchen Führungsstärke, Entscheidungsfreude, müssen sehr gut sein in der Außendarstellung.


Stallgeruch und Profi-Erfahrung zählen nicht mehr?
Das heißt ja im Umkehrschluss nicht, dass ein ehemaliger Profispieler kein guter Trainer werden kann. Es schadet nicht, als Spieler erfolgreich gewesen zu sein. Ich glaube auch, jeder Mannschaft tut ein Trainer im gesamten Team gut, der auf höchstem Niveau gespielt hat und der in entscheidenden Situationen den entscheidenden Tipp geben kann. Weil er das erlebt hat. Aber bei allem Respekt vor Mehmet Scholl und der Diskussion um ihn: Man kann auch ein guter Trainer werden, wenn man nicht Nationalspieler war.


Die Diskussion um die „Laptop-Trainer“ ist ja auch eher populistisch.
Das muss man inhaltlich auch nicht ernst nehmen. Auch Trainer der „alten Garde“ wie Jürgen Klopp oder Dieter Hecking nutzen und beherrschen neue Medien. Es ist viel leichter, einen Spielzug auf dem iPad zu zeigen, als ihn an der Tafel aufzumalen.


Borussia Dortmund hat zuletzt in Hannes Wolf, Daniel Farke und David Wagner drei Trainer für Chefposten aus- oder weitergebildet. Ist das ein Zufall?
Ich glaube, dass unter Jürgen Klopp bei den anderen Verantwortlichen, also Michael Zorc, Hans-Joachim Watzke oder Lars Ricken, ein anderer Zugang zur Personalie Trainer entstanden ist. Wenn Trainertalente im Klub sind, dann wollen und müssen wir die bestmöglich ausbilden und in den Profibereich reinschnuppern lassen. Das macht Dortmund vorbildlich.

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Die Halbwertszeit von Trainern im Profigeschäft verringert sich, sie sind durchschnittlich nur noch knapp 1,5 Jahre im Amt. Warum?
Es gibt einen Riesenmarkt mit einem Überangebot an guten Trainern. Es sind mehr Trainer arbeitslos als im Job. Und die Geduld in den Vereinen wird immer geringer. Die Spieler merken schnell, ob ein Trainer in die Diskussion gerät, und dann fehlen auch mal drei Prozent Leistung. Wenn einer 1,5 Jahre erreicht, ist das ja ein Erfolg.


Werden Trainer zu schnell gefeuert?
Der Markt ist groß, der Trainer wird heute schneller ausgewechselt. Wolfgang Holzhäuser, früher Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen, hat mir mal ehrlich gesagt: „Wir suchen alle den Trainer, mit dem wir langfristig arbeiten können, aber dazu muss er kurzfristig Erfolg haben.“ Am Ende ist es das: Wenn die Mannschaft gewinnt, hat der Trainer eine Chance, langfristig zu arbeiten. Außerdem darf kein Blatt zwischen Vereinsführung und Trainer passen. Wenn das nicht ist, tickt die Uhr sofort rückwärts. Spieler zu entlassen, ist dagegen Kapitalvernichtung.


Dafür kann man Trainer mitten in der Saison wechseln. Hat doch auch was!
Ich fände es befremdlich, wenn ein Trainer mitten in der Saison von einem anderen Klub abgeworben würde. Nach dem Motto, ich verdiene zum Beispiel in Hamburg mehr als in Augsburg, gehe ich also in der Rückrunde zum HSV. Das würde ich nicht gutheißen. Da sind Trainer Vorbilder. Wie soll dieser Trainer einen Spieler vom Gegenteil überzeugen, wenn der ihm im Winter sagt, dass er wechseln will?

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Die herausgestellte Position erfordert moralischeres Verhalten?
Viele Trainer sind vielleicht noch jung, aber allemal älter als die meisten Spieler. Das sind Familienväter, die stehen mitten im Leben. Sie verkörpern Werte auch über den Sport hinaus. Aber zurück zu dem Trend mit den jungen Trainern: Der aktuelle Trend ist nicht „jung“, „Laptop“ oder „Nicht-Profi“, sondern „gut und unbefleckt“.

Was meinen Sie damit?
Jeder versucht, einen möglichst neuen Trainer zu finden, der eine weiße Weste hat. Oder der ausschließlich erfolgreich war. Tedesco war ausschließlich erfolgreich in Aue, bevor er nach Schalke wechselte. Holstein Kiels Markus Anfang ist, seitdem man ihn kennt, fast ausschließlich erfolgreich. Damit kann man sich nicht angreifbar machen. Das letzte, was in Erinnerung ist, ist leider der Misserfolg. Das ist anders, wenn man Trainer aus dem eigenen Stall holt oder jüngere Trainer von anderen Klubs.


Wenn Trainer die größte Verantwortung bei einer Profi-Mannschaft innehaben, müssten sie dementsprechend nicht auch das größte Gehalt bekommen?
Da stimme ich Ihnen voll zu (lacht). Nein, ich schwäche es ab und sage, der Trainer, der Sportdirektor und auch der Geschäftsführer tragen die Verantwortung und müssen mit ihrem Gehalt in den oberen 20 Prozent der Spieler liegen. Es gibt immer drei, vier Spieler in einem Klub, die machen den Unterschied, auf dem Rasen, im Trikotverkauf, deretwegen die Fans ins Stadion kommen.

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Werden die Transfersummen für Trainer, die aus Verträgen herausgekauft werden, bald steigen wie bei Spielern?
Ja, aber nicht in der Breite. Wenn ein Verein einen Trainer unbedingt haben will, wird er auch eine ordentliche Ablösesumme zahlen. Diese Bereitschaft steigt.

Das ist Marc Kosicke
Marc Kosicke arbeitete als Direktor im Sportmarketing, ehe er sich 2007, anfangs gemeinsam mit Oliver Bierhoff, im Beratergeschäft selbstständig machte. „Das war eine Nische“, sagt Kosicke. Er hatte festgestellt, dass die wichtigsten Personen in den Vereinen kaum Feedback oder Coaching bekommen. Zu seinen Klienten zählen unter anderen Jürgen Klopp, Julian Nagelsmann, Manuel Baum, Florian Kohfeldt, Stefan Ruthenbeck, Torsten Frings und auch André Schubert. Als Referenten vermittelt er unter anderen BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. www.projektb.biz

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