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Koloniales Erbe: Deutsche Museen vor Mammutaufgabe

Berlin. Das Deutsche Kaiserreich gehörte zu den großen Kolonialmächten Europas. Bis heute sind viele Museen voll mit Schätzen aus dieser Zeit. Wie können sie fair damit umgehen?

Koloniales Erbe: Deutsche Museen vor Mammutaufgabe

Das gestürzte Denkmal des Afrikaforschers und Kolonialbeamten Hermann von Wissmann (Bronze, von Adolf Kürle, Einweihung 1909 in Tansania) in der DHM-Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

„Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft.“ So drastisch formulierte die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy im Sommer ihre Erwartung, wie das geplante Humboldt Forum in Berlin mit seinem kolonialen Erbe umgehen soll. Sie löste damit eine heftige Debatte um ein dunkles Kapitel der deutschen Vergangenheit aus. 

Das Humboldt Forum ist zwar das Vorzeigeprojekt der deutschen Museumslandschaft. Aber im Grunde beschreibt die Wissenschaftlerin mit ihrer Forderung recht genau, welche Mammutaufgabe auch auf sehr sehr viele andere Museen in Deutschland zukommt. Denn es gibt wohl kaum eine ethnologische, historische oder stadtgeschichtliche Sammlung, die von der heiklen Frage nach der Herkunft ihrer Kunstschätze nicht betroffen ist. Und die Forschung steht noch ganz am Anfang.

„Wir haben uns jahrzehntelang um die Aufarbeitung der Gräuel der NS-Zeit bemüht. Alles, was davor lag, ist völlig in den Hintergrund getreten“, sagt Prof. Wiebke Ahrndt, Direktorin des Bremer Übersee-Museums und Vizepräsidentin des Deutschen Museumsbunds. „Aber in den letzten Jahren erleben wir einen großen Schub. Das Thema ist in unseren Museen angekommen. Sie wollen sich der Auseinandersetzung stellen.“

Das von ihr geleitete Haus in Bremen gehört bundesweit zu den Vorreitern. Es setzt sich in zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungsformaten mit den Spuren der kolonialen Vergangenheit auseinander. Zusammen mit der Universität Hamburg läuft derzeit ein vierjähriges Forschungsprojekt, das die Geschichte der Bremer Afrika-Sammlungen klären soll.

„Wir kennen viele Gräuelgeschichten über Plünderungen, Strafexpeditionen und Raub während der Kolonialzeit. Aber wie der Handel lief, wie vieles auch legal erworben wurde, das ist noch ein riesiges Forschungsfeld“, sagt Ahrndt.

Neben dem Übersee-Museum gehört auch die Bremer Kunsthalle zu den Pionieren. Mit der Ausstellung „Der Blinde Fleck“ zeigte sie bis November eine Reise in das 19. und frühe 20. Jahrhundert, als selbst Künstler wie Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner in ihren Gemälden rassistische Vorurteile durchscheinen ließen.

Das niedersächsische Landesmuseum Hannover ging unter dem Titel „Heikles Erbe“ seinen eigenen kolonialen Spuren bis in die Gegenwart nach. Und das Deutsche Historische Museum in Berlin untersuchte in der Schau „Deutscher Kolonialismus“ die vielfältigen Herrschaftsbeziehungen, die von der Ausübung alltäglicher Gewalt bis hin zum Kolonialkrieg und Völkermord in Namibia reichten. Das Deutsche Reich gehörte von 1884 bis 1918 zu den großen europäischen Kolonialmächten - mit Besitztümern vor allem in Afrika und im Pazifik.

Nach Ansicht des Ethnologen Hansjörg Dilger dürfen die Sammlungen jedoch mit den immensen Herausforderungen der Aufarbeitung nicht alleingelassen werden. „Die Museen sind unter eine Art Pauschalverdacht geraten“, warnt der Direktor des Instituts für Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin. „Aber sie können die Verantwortung nicht allein schultern. Auch die Politik, die Bildungsinstitutionen, die Gesellschaft insgesamt - alle müssen bereit sein, sich diesem Teil unserer Vergangenheit zu stellen.“

Wichtigste Forderung aller Experten ist dabei, die Herkunftsgesellschaften in die Debatte einzubeziehen. „Wir brauchen einen Dialog auf Augenhöhe“, sagt Prof. Albert Gouaffo aus Kamerun, der sich seit langem mit dem Thema beschäftigt und sieben Jahre in Deutschland forschte. „Nur wenn wir ohne die üblichen Vorurteile von Tätern und Opfern über unsere gemeinsame Geschichte reden, können Wunden heilen, kann es auch wieder eine gemeinsame Zukunft geben.“

Ein besonders sensibles Kapitel ist dabei der Umgang mit menschlichen Knochen und Skeletten, die oft als Kriegsbeute oder aus Grabplünderungen nach Deutschland kamen. Für viele indigene Völker hat jedoch die Beziehung zu ihren Vorfahren eine ganz andere kulturelle und religiöse Bedeutung als bei uns. Der Deutsche Museumsbund hat deshalb schon 2013 „Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen“ erarbeitet. 

Dass das Landesmuseum Hannover im Oktober die Gebeine einer vor 100 Jahren gestorbenen Australierin an die Aborigines zurückgab, gehört zu den positiven Folgen. „Heute gehst du nach Hause, deine ganze Familie wird auf dich aufpassen“, sagte einer der Ältesten bei der Zeremonie.

Und auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin hat begonnen, zusammen mit Wissenschaftlern aus Ruanda, Tansania und Burundi die Herkunft von etwa 1100 menschlichen Schädeln aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika zu erforschen, die um 1900 von Sammlern zusammengetragen wurden - Rückgabe nicht ausgeschlossen.

Im kommenden Jahr will der Museumsbund vergleichbare Empfehlungen auch für andere Objekte herausgeben, die aus kolonialem Unrecht stammen können. Die Bremer Museumsdirektorin Ahrndt leitet die zuständige Arbeitsgruppe.

„Wir raten allen zu absoluter Transparenz gegenüber den Herkunftsländern und zu einem gleichberechtigten Dialog. Das schafft Vertrauen“, sagt die Ethnologin. „Die Museen müssen sich dabei nicht um ihre Bestände sorgen. Außer bei menschlichen Überresten haben wir so gut wie keine Rückgabeforderungen.“

Und wie reagiert nun das Humboldt Forum, an dem sich die Debatte in diesem Jahr so entzündete? Die Provenienzforschung gehöre zur DNA des geplanten Zentrums der Weltkulturen in Berlin, versicherten die Gründungsintendanten Neil MacGregor, Horst Bredekamp und Hermann Parzinger schon im Sommer.

Aber Parzinger, der als Chef der Preußenstiftung mit den ethnologischen Sammlungen den Löwenanteil der künftigen Ausstellungsobjekte beisteuert, räumt auch ein: „Für viele Stücke braucht es eine vertiefte, auf Jahre angelegte Erforschung. Wenn ich das mit der NS-Zeit vergleiche, sind wir da noch ganz am Anfang.“

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