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Keine Worte, keine Taten: „Messi ist verloren“

Schuldeingeständnisse, verbale Attacken. Argentinien ist kaum mehr zu retten. Messi schafft es wohl wieder nicht, sich im Trikot der Nationalmannschaft unsterblich zu machen. Im Gegenteil. Das Desaster gegen Kroatien war vielleicht der Anfang vom traurigen Ende.

von Von Jens Marx, dpa

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Nischni Nowgorod

, 22.06.2018
Keine Worte, keine Taten: „Messi ist verloren“

Am Boden: Argentinien-Star Lionel Messi bei der 0:3-Pleite gegen Kroatien. Foto: Andreas Gebert

Der Superstar kurz vorm endgültigen Scheitern im Nationaltrikot, der Trainer mit einer Bankrotterklärung, die Mannschaft am Boden: Lionel Messis WM-Schicksal droht ganz Fußball-Argentinien mit in den Abgrund zu reißen.

„Argentinien ist verloren. Messi ist verloren“, schrieb Spaniens Sportzeitung „Marca“ am Tag nach der Demütigung von Nischni Nowgorod. „Messis WM-Traum in Fetzen“, meinte die britische „Daily Mail“.

Mit roten und geschwollenen Augen schlich Messi aus dem Stadion, wortlos, hilflos. Nach reden war Messi nicht. Seine eigene Leistung beim 0:3 gegen den Achtelfinalisten mit Torschütze Ante Rebic von Eintracht Frankfurt war dem Status eines fünfmaligen Weltfußballers nicht würdig. Selbst Torwart Wilfredo Caballero, der mit seinem slapstickreifen Patzer das Debakel einleitete, hatte in der ersten Halbzeit mehr Ballkontakte (22) als Messi (20).

„Leo ist limitiert, weil das Team nicht so mit ihm spielt, wie es sollte“, versuchte Trainer Jorge Sampaoli Messi in Schutz zu nehmen. Das kam in der Mannschaft offensichtlich gar nicht gut an. „Soll er doch sagen, was er will“, konterte Stürmer Sergio Agüero unwirsch im Weggehen.

Keine Einheit, keine Identität, kein Erfolg. „Eine Mannschaft, die keine Auswahl ist“, kritisierte die argentinische Zeitung „La Capital“: „Sampaoli und seine Jungs sind an der eigenen Inkompetenz gescheitert, eine Realität, die genauso frustrierend ist wie sie vorhersehbar war.“

Er ist Trainer Nummer neun seit dem letzten Vorrunden-Aus 2002 und der achte, der voraussichtlich vergeblich versucht, Messi im Trikot der Nationalmannschaft zu unsterblichem Ruhm zu führen. Das 127. Länderspiel von Messi am kommenden Dienstag in St. Petersburg gegen Nigeria könnte sein letztes sein. Unvollendet, ohne WM-Titel, nicht wie Mario Kempes 1978 oder Diego Maradona 1986.

Statt sich an seinem 31. Geburtstag fern vom Trubel im malerisch gelegenen WM-Camp in Bronnizy vor den Toren Moskaus am Sonntag auf die K.o.-Runde einzustimmen, dürften die Gedanken an ein endgültiges Karriereende nach vier gescheiterten WM-Versuchen Messi kaum zur Ruhe kommen lassen.

Schon vor dem Anpfiff seines 17. WM-Spiels wirkte Messi, als wolle er überall sein, nur nicht in diesem Stadion, das zufällig in den argentinischen Farben himmelblau und weiß gestrichen ist. Bei der Hymne verbarg er die Augen hinter seiner Hand, strich sich über die Stirn. Nach dem Abpfiff war nicht mal Frust zu spüren, nur Leere.

2006 im Viertelfinale an Deutschland gescheitert, 2010 im Viertelfinale an Deutschland gescheitert, 2014 im Finale an Deutschland gescheitert. Nie konnte Messi bei einer Weltmeisterschaft bisher sein ganzes Talent abrufen. Hinzu kommen drei verlorene Endspiele bei der Copa América (2007, 2015 und 2016).

Als Caballero der folgenschwere Fehler unterlief und Argentinien in Rückstand geraten war, brach das Team auseinander. Und Messi, der Anführer und Hoffnungsträger, hatte nichts entgegenzusetzen. Auf der VIP-Tribüne standen Maradona die Tränen in den Augen.

Auch er war beim Versuch, Messis Karriere zu vollenden, 2010 in Südafrika krachend gescheitert. Schon nach dem 1:1 zum Auftakt gegen Island hatte er Sampaoli geraten, angesichts der Leistung der Mannschaft nicht nach Argentinien zurückzukehren.

Gegen Kroatien stellte Sampaoli, der 2015 mit Chile im Finale der Copa América Messi einen der vielen Tiefschläge verpasst hatte, erneut seine Mannschaft um. Die 13. Aufstellung im 13. Spiel unter seiner Führung seit einem Jahr. Und auch wenn er über Konsequenzen an diesem Abend an der Wolga nicht sprach, klang vieles bereits nach einem Abschied und einem Eingeständnis des eigenen Scheiterns.

„Ich fühle Schmerz. Es ist lange her, dass ich so etwas als Coach durchgemacht habe“, sagte Sampaoli und entschuldigte sich bei den Fans: „Ich habe das Beste getan, was ich konnte, ich habe es aber einfach nicht geschafft, ihnen zu geben, was sie verdient gehabt hätten.“

Auf Messi sollte alles zugeschnitten sein, doch passte nichts zusammen. Es ist fast so, als hätte die denkwürdige Karriere des wohl begnadetsten Fußballers seiner Zeit in der Nationalmannschaft von Beginn an unter keinem guten Stern gestanden. Bei Messis Debüt im August 2005 war er nur 44 Sekunden nach seiner Einwechslung gegen Ungarn vom Platz geflogen. Nun, 13 Jahre später, scheint das Ende der unerfüllten Generation Messi nahezurücken. In den eigenen Händen hat er das Weiterkommen bei dieser WM nicht mehr.