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Kanadagans Ingrid wurden die Flügel gestutzt

Wildtier-Rettung

Eine verletzte Kanadagans hat in der letzten Woche die Nachbarschaft auf der Straße Am Schlossgraben in Nordkirchen aufgemischt. Was passiert, wenn man ein verletztes Wildtier findet?

Nordkirchen

, 04.07.2018
Kanadagans Ingrid wurden die Flügel gestutzt

Eine Kanadagans ist in der vergangenen Woche einer Nachbarschaft in Nordkirchen zugelaufen. Mittlerweile hat sie aber ein gutes, sicheres Zuhause gefunden. © Schwärzel

Da steht eine Gans vor der Tür! Mit diesem Ausruf hat Wolfgang Schwärzel letzte Woche Dienstag abends gegen 20 Uhr seine Frau überrascht. „Ich war in der Küche und guckte durch die Küchentür raus“, erzählt Wolfgang Schwärzel in Erinnerung an den Dienstag letzter Woche. In der Einfahrt der Eheleute Schwärzel auf der Straße Am Schlossgraben hatte es sich tatsächlich ein Wildtier gemütlich gemacht. „Sie saß da und wollte eigentlich auch ganz gerne rein“, erzählt Gitta Schwärzel, die immer noch etwas amüsiert lächelt, wenn sie an das Verhalten der Gans denkt, das so gar nicht zu dem eines wilden Tieres passte.

Kanadagans Ingrid wurden die Flügel gestutzt

Kanadagans Ingrid wurden die Flügel gestutzt. © Schwärzel

Ins Haus wollten die Schwärzels die Gans zwar nicht lassen – die beiden Tierfreunde gingen aber hinaus zu dem Tier. Und stellten fest – hier weicht beim Erzählen das Lächeln aus dem Gesicht von Gitta Schwärzel –, dass die Gans am Flügel verletzt war. Eine blutende Wunde war es zwar nicht. Aber: „Ihr fehlte der halbe rechte Flügel. Das sah aus wie abgesäbelt“, erinnert sich die Nordkirchenerin. Schnell war also klar: Die Gans braucht Hilfe. Aber wie hilft man einem Wildtier? Wer ist da zuständig?


Anruf in der Tierklinik

Wolfgang Schwärzel begann sofort, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, während seine Frau versuchte, die Gans etwas zu füttern. „Ich wollte nicht, dass sie auf die Straße läuft. Der Nachbar hat eine große Schüssel Wasser gebracht“, erzählt sie. Überhaupt habe es nicht lange gedauert, bis sich ein kleines Nachbarschaftstreffen um die Gans formierte. „Alles kümmerte sich um die Gans“, sagt Gitta Schwärzel und lächelt.


Wolfgang Schwärzel wandte sich derweil zunächst an eine Tierklinik. „Die sagten, sie könnten höchstens etwas machen, wenn wir das Tier hinbringen“, sagt er. Die Mitarbeiterin riet deshalb zu einem Anruf beim Ordnungsamt oder bei der Polizei. Wegen der späten Stunde – es war mittlerweile 20.30 Uhr – wählte Wolfgang Schwärzel die zweite Option. „Bei der Polizei sagte man mir dann, dass unheimlich viel zu tun sei an dem Abend und es etwas dauern könnte, bis jemand rauskommt“, erzählt der Nordkirchener.

Viel los bei Polizei

Die Kreispolizei Coesfeld bestätigt auf Anfrage der Reaktion, dass an dem Abend viel los war. „Da war gut zu tun, das stimmt“, sagt Polizeisprecher Rolf Werenbeck-Ueding. Entsprechend, so erzählt Wolfgang Schwärzel weiter, verging an dem Abend auch eine Stunde, ohne dass die Polizei kam. Er rief also noch mal an. Eine junge Polizistin versprach, sich zu kümmern. Und sie hielt Wort. Ein Experte meldete sich bei den Schwärzels. Per Telefon riet er ihnen, die Gans in den Schlosspark bringen. „Ich hatte am Tag zuvor gesehen, dass dort auf einer Wiese ein Schwarm Kanadagänse graste“, sagt Gitta Schwärzel.

Zwar lief die Gans dann auch mit in den Schlosspark. Da bleiben wollte sie aber nicht. „Ich habe sie dann aber allein gelassen. Da waren markerschütternde Verlassensschreie zu hören“, sagt Gitta Schwärzel.

Die Geschichte war damit aber noch lange nicht zu Ende: Am Donnerstagnachmittag saß die Kanagans nämlich wieder vor der Küchentür der Schwärzels. Wieder fragte die Familie sich: Was können wir tun, wo können wir anrufen? Das Problem: „Wildtiere sind herrenlos. Die gehören niemandem“, erklärt Polizeisprecher Rolf Werenbeck-Ueding. Deshalb sei es auch so schwierig, jemanden zu finden, der sich zuständig fühlt.

Tierberatung in Münster

Nach einigem Hin- und Her fanden die Schwärzels unter der Nummer einer Tierberatung aus Münster Hilfe. Die Mitarbeiterin dort versprach, sich zu kümmern und stellte Kontakt zu einem Tierschützer her, der sich schnell nach Nordkirchen auf den Weg machte. Die Gans machte es sich derweil im Garten der Familie Hörnicke, also bei den Nachbarn der Schwärzels, gemütlich.

Es dauerte keine Stunde, da war der Tierretter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, vor Ort und nahm die Gans mit. Es ging für sie erst mal zum Tierarzt. Dort, so erzählt der Tierretter, wurde festgestellt, dass nicht nur der eine Flügel sehr schlecht von Menschenhand gestutzt wurde, sondern dass gleiches auch am anderen Flügel der Fall war. Das und die Tatsache, dass die Gans kein normales Sozialverhalten für ein Wildtier zeigte (sondern eher das Gegenteil davon) weisen laut Auskunft des Tierschützers darauf hin, dass das Tier in menschlicher Obhut aufgewachsen ist. „Und das finden wir richtig schlimm“, sagt er. „Eine Kanadagans ist ein Wildtier, das kann man sich nicht halten“, sagt er. Er geht zudem davon aus, dass das Tier dann entweder in Nordkirchen ausgesetzt wurde, oder dass es trotz der gestutzten Flügel dem Halter fliehen konnte.

Ein Happy End

Der Tierschützer konnte schließlich einen Ort finden, an dem die Kanadagans nun – endlich – gut aufgehoben ist: die Deichmannsfarm in Herzfeld. Das ist ein privater Tierschutzhof, auf dem viele Tiere ein neues, liebevolles Zuhause gefunden haben. „Ingrid geht es gut“, sagte am Dienstag Bianca Deichmann, die die Farm betreibt, im Gespräch mit der Redaktion. Die Gans hat, seit sie dort lebt, nämlich auch einen Namen. Und eine neue Freundin. „Wir haben hier eine weitere Kanadagans und die beiden haben sich angefreundet“, erzählt Bianca Deichmann. Sie geht außerdem davon aus, dass Ingrids Schwungfedern wieder nachwachsen und sie dann irgendwann mitfliegen kann, wenn ein Schwarm ihrer Artgenossen vorbeikommt. Kanadagans Ingrid wurden die Flügel gestutzt.