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Halternerin unterrichtete Mädchen in Ostjerusalem

Im Nahen Osten

Freitagabend ist Hanna Freundt zum Weihnachtsbesuch in Haltern eingetroffen. Ihre Eltern und drei Geschwister haben aufgeatmet. Die 25-Jährige hat als Lehrerin in Ostjerusalem gearbeitet.

Haltern

, 27.12.2017
Halternerin unterrichtete Mädchen in Ostjerusalem

Die Schmidt-Schule gehört zu den angesehensten Bildungseinrichtungen im Nahen Osten. Das Bild zeigt Hanna Freundt mit der zehnten Klasse der Mädchenschule. © Foto: privat

Ihr Praxissemester während des Lehramtsstudiums an der Universität Potsdam wollte Hanna Freundt im Ausland absolvieren. Bei ihren Recherchen nach einer geeigneten Einrichtung stieß die 25-Jährige, die 2012 am Joseph-König-Gymnasium das Abitur ablegte, auf die Schmidt-Schule in Ostjerusalem. Die private Mädchenschule des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande ist einzigartig. Ihr Ziel ist es, palästinensische Mädchen auf höchstem Niveau auszubilden – „interkulturell, interreligiös, multikulturell und ganzheitlich“, wie es auf der Homepage heißt. Die Lehrer versuchen, in der düsteren Welt des Hasses zwischen Palästinensern und Israelis ein Licht der Hoffnung zu zünden. Sie bieten jungen Menschen über den Weg der Bildung eine Perspektive an.

Für drei Monate

Für drei Monate reiste Hanna Freundt nach ihrer Zusage für ein Praktikum nach Israel und erlebte das Spannungsfeld von Juden- und Christentum sowie Islam hautnah. Brisanter Höhepunkt war der 6. Dezember, an dem Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte und damit den Konflikt zwischen Palästinensern und Juden anheizte. Bekanntlich sehen die Palästinenser in Ostjerusalem ihre künftige Hauptstadt.

Während allerdings Hannas Verwandte in Deutschland mit bangen Gefühlen die Nachrichten in den Medien verfolgten, blieb sie selbst mitten im Zentrum des Sturms gelassen. Sie und ihr Freund Jeffrey, der zur gleichen Zeit ein Forschungspraktikum im Fach Biochemie an der hebräischen Universität in Jerusalem absolvierte, hatten nicht das Gefühl, sich auf einem Pulverfass zu bewegen, das jeder Zeit hochgehen könnte.

Die Schmidt-Schule wurde nur am Tag nach Trumps diplomatischer Havarie und einem Aufmarsch wütender Palästinenser am Damaskustor, das der Einrichtung direkt gegenüber liegt, geschlossen. „Es wusste ja niemand genau, was passieren würde“, berichtet Hanna am Samstag im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer ihrer Familie in Haltern. Blanken Hass hat die angehende Lehrerin bei ihren Schülerinnen nicht erlebt. Allerdings, so schränkt sie ein, sei das schwierige Verhältnis zwischen Juden und Palästinensern in ihren Unterrichtsfächern Biologie und Mathematik auch nicht thematisiert worden.

Tiefe Gräben



Wie tief die Gräben zwischen beiden Volksgruppen sind, habe man aber beim Besuch eines jüdischen Referenten in der Schule erfassen können, der sich für die Organspende starkmachte. Ihr wird in Israel noch weniger zugestimmt als in Deutschland. Bei der Diskussion mit den Schülerinnen hätten sich diese eine Frage gestellt: „Was ist, wenn mein Organ ein Israeli bekommt? Er könnte meine Familie bedrohen.“ An der Schmidt-Schule, einer der angesehensten Bildungseinrichtungen in der gesamten Region, scheuen sie sich nicht, unbequeme Themen aufzugreifen. So hat es beispielsweise auch eine Demonstration der Mädchen in der Stadt gegeben, die sich gegen orientalisch geprägte männliche Belästigung auf den Straßen richtete. Die Mädchen werden angehalten, selbstbewusst und unabhängig zu denken. Für Kinder aus ärmeren Familien werden Stipendien angeboten.

Hanna Freundt schwärmt von der Ausstattung der Schule. Die Klassen verfügen über moderne Smart Boards, auf die man Unterrichtsstoff projizieren kann. Im Fach Biologie stehen Modelle vom Körper oder von Zellen zur Verfügung, mit denen die Lehrer den Stoff veranschaulichen können. Nur in Chemie blieben manchmal Wünsche offen, so die Halternerin, denn aus Angst vor einem heimlichen Bombenbau würden die Israelis nicht alle Chemikalien für den Unterricht genehmigen.

Skurrile Bilder



Die Sorge vor Attentaten beeinflusse auch das Bild in den Straßen der Stadt. Für ihre Augen seien israelische Soldaten auf dem Heimweg in Shorts und T-Shirts, aber mit geschulterter Maschinenpistole, skurril gewesen, schildert Hanna ihren Alltag. Auch daran, dass man in einem vollen Bus plötzlich den Lauf einer MP am Körper gefühlt habe, konnte sie sich nicht gewöhnen.

Das ist in ihrem Zustand übrigens auch nur allzu selbstverständlich. Die 25-Jährige und ihr Partner Jeffrey erwarten Mitte Februar ihr erstes Baby. Es ist ein Wunschkind, das mit seinen Eltern schon seine erste spannende Reise erlebte. „Wir wussten, dass die medizinische Versorgung in Israel bestens ist“, sagt sie pragmatisch, so als ob es keine große Sache sei, schwanger ein Auslandssemester in einer der konfliktträchtigsten Städte dieser Welt anzutreten. In ihrem Elternhaus hatte das Friedenslicht der Krippe in diesem Jahr auf jeden Fall eine ganz besondere Bedeutung.