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ESC in Lissabon zwischen Elektrosound und Oper

Lissabon. Manche nennen ihn abgedroschen, andere finden ihn zu politisch - und trotzdem schauen am Ende Millionen zu, wenn Europa beim ESC singt und wertet. Lissabon verspricht eine neue Vielfalt von K-Pop bis zur Oper. Eine Teilnehmerin macht schon jetzt Furore.

ESC in Lissabon zwischen Elektrosound und Oper

Große Oper: Die estnische Sopranistin Elina Nechayeva. Foto: Laura Nestor

Wenn man Online-Umfragen und Wettbüros glauben darf, dann ist der Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon bereits entschieden: Netta Barzilai aus Israel führt schon seit Wochen die Rankings an. Etwas ausgeflippt ist sie, bunt - genauso wie ihr Song „Toy“.

Der hebt sich erfrischend vom traditionellen ESC-Schema ab, würde in jedem coolen Club von London bis Berlin die Tanzflächen füllen - und passt inhaltlich noch perfekt zur aktuellen MeToo-Debatte.

Das grelle Video mit dem exaltierten Auftakt „Ree, ouch, hey, hm, la“ und Anlehnungen an bunte koreanische Popmusik (K-Pop) wurde auf YouTube bereits rund 17 Millionen Mal geklickt. Zum Vergleich: Der offizielle Clip des deutschen Beitrags „You Let Me Walk Alone“ von Michael Schulte kommt derzeit auf 1,6 Millionen Klicks.

Als einer der Favoriten wird die ruhige Ballade, die der Songwriter über seinen vor 13 Jahren verstorbenen Vater geschrieben hat, derzeit nirgendwo gehandelt - dabei hatte der 28-Jährige aus Lindau an der Schlei in Schleswig-Holstein den Vorentscheid im Februar mit deutlichem Vorsprung gewonnen. Mit Spannung wird erwartet, ob Schulte es am 12. Mai zumindest ins Mittelfeld schafft und die deutsche Schmach der letzten Jahre beendet. Zur Erinnerung: Ann Sophie landete 2015 ebenso wie Jamie-Lee 2016 auf dem letzten Platz, Levinas Beitrag „Perfect Life“ kam 2017 auch nur auf Rang 25 von 26.

Immerhin, Schultes Song ist melodisch und berührend, er selbst wirkt mit seinem roten Lockenschopf, den blauen Augen und der sanften Stimme wie eine Mischung aus Ed Sheeran und Mick Hucknall. „Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ich unter die Top Ten käme“, sagte der Sänger zuletzt im NDR-Interview. „Das wäre schon ein Traum und würde mich sehr glücklich machen.“

Derweil haben in Lissabons Altice Arena, die 20 000 Zuschauer fasst, die ersten Proben begonnen. Das Bühnendesign stammt erneut vom Deutschen Florian Wieder, der sich von der Geschichte der früheren Seefahrernation Portugal inspirieren ließ und Navigation, das Meer, Schiffe und ein altes, astronomisches Gerät - die Armillarsphäre - in den Mittelpunkt seines Konzepts gerückt hat. Die Bühne kommt ohne LEDs oder Projektionen aus, dennoch versprechen die Veranstalter tolle visuelle Effekte.

„Der ESC 2018 wird alle auf eine Expedition zu vielen unterschiedlichen Kulturen mitnehmen“, sagte Wieder im Vorfeld. „Eine Reise durch den Ozean der Musik, um andere Nationen zu entdecken, sie zu verbinden und sie letztendlich zu vereinen.“ Das passt gut zum diesjährigen Motto: „All Aboard!“ (Alle an Bord!).

Dass der Musikwettbewerb in Portugal stattfindet, hat das Land Salvador Sobral zu verdanken, der mit seinem Song „Amar pelos dois“ in Kiew 2017 den Sieg holte. Wenige Monate danach musste der 28-Jährige wegen eines schweren Herzleidens eine längere Pause anmelden. Seit September lag Sobral im Krankenhaus und wartete auf ein Spenderorgan - lange Zeit vergeblich. Erst im Dezember gab es endlich Entwarnung: Kurz vor Weihnachten wurde dem Künstler ein neues Herz transplantiert.

In den vergangenen Wochen zeigte er sich erstmals wieder der Öffentlichkeit, postete auf Facebook ein Foto, das ihn bei der Verleihung des portugiesischen Verdienstordens zeigt, sowie ein Video, in dem er am Klavier den Fleetwood-Mac-Klassiker „Landslide“ singt. Darunter steht: „Salvador hat es vermisst, für euch Musik zu machen.“ Das darf er nun beim ESC-Finale als Pausen-Act auch wieder live auf der Bühne, und zwar zusammen mit einem ganz Großen: der brasilianischen Musiklegende Caetano Veloso (75).

Insgesamt 43 Länder nehmen an der 63. Ausgabe des Wettbewerbs teil, darunter nun auch wieder Russland, das sich 2017 vom ESC in der Ukraine zurückgezogen hatte. Grund: Die Behörden in Kiew hatten der russischen Sängerin Julia Samoylova die Einreise untersagt, weil diese 2015 zu einem Auftritt auf der Krim über Russland eingereist war. Es kam zum Skandal, Moskau boykottierte die Veranstaltung und vertröstete die seit ihrer Kindheit im Rollstuhl sitzende Samoylova auf 2018. Nun ist sie wohl tatsächlich dabei. Der Titel „I Won't Break!“ scheint wie geschaffen für den Hickhack um ihre Teilnahme.

Sicher im Finale stehen die „Big Five“ des Contests - Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien - sowie Gastgeber Portugal. Die anderen Nationen müssen an zwei Halbfinal-Abenden am 8. und 10. Mai erst noch den Einzug unter die letzten 26 schaffen.

Gute Chancen werden auch Estland eingeräumt, das mit klassischem Opern-Pop an den Start geht. Das italienischen Arien entlehnte „La forza“ wird von der Sopranistin Elina Nechayeva vorgetragen. Als Anwärter auf den Sieg werden zudem der funky Elektrosound-Song „Lie to me“ von Mikolas Josef aus Tschechien und „Mercy“ des französischen Duos Madame Monsieur gehandelt. Das bewegende Stück erzählt von einem Flüchtlingsbaby auf dem Mittelmeer.

Sicher ist: Durch Lissabon wird nächste Woche jede Menge frischer Wind wehen. Im vergangenen Jahr sollten die Wettbüros recht behalten, die Sobral einen der vorderen Plätze prognostiziert hatten. Netta Barzilai hat also Grund zum Optimismus. In diesem Sinne: „Ree, ouch, hey, hm, la“!

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Große Oper: Die estnische Sopranistin Elina Nechayeva. Foto: Laura Nestor

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